. Er sprach das mit der Bestimmtheit aus , mit welcher ein Mathematiker seine Formel hinstellt . Sicherheit aber hat , wenn wir ihr bei einem Menschen begegnen , dem wir sonst Bedeutung zugestehen , immer etwas Bannendes und Beherrschendes . Er erwartete auch offenbar , Glauben bei Angelika zu finden , und nur , als gebe er noch eine ganz überflüssige Notiz , fügte er hinzu : dieser Glaube von dem allmählichen Verschwinden des Menschen aus dem Bereiche der Sichtbarkeit liegt ja übrigens , wie alle großen und unumstößlichen Wahrheiten , als ein Eingeborenes in dem menschlichen Geiste . Die Spur davon findet sich bei den rohesten wie bei den cultivirtesten Völkern aller Welttheile und aller Zeiten . Von Zoroaster bis zu Plato , von den ältesten jüdischen Traditionen bis zu Origines , von dem wüsten Heidenthume der Wilden bis zu den erhabensten Vorstellungen unserer Kirche geht derselbe Zug , derselbe Glaube an ein vermittelndes Zwischenreich ; und selbst Euer Martin Luther , so sehr er aller feineren geistigen Erkenntniß durch seine grobsinnliche Organisation verschlossen war , konnte sich jener Einsicht nicht ganz entziehen , wenn er bei seiner bäuerisch plumpen Natur auch nichts Anderes zu erkennen vermocht , als die Erscheinung eines ihn plagenden Teufels . Der Baron erhob sich bei den Worten mit der Selbstzufriedenheit eines Professors , der sein Collegium beendet hat , und daß seine Zuhörer beide schwiegen , steigerte seine Genugthuung . Er sah nach der Uhr , es war Zeit für ihn , sich zu entfernen . Er schellte dem Kammerdiener , befahl den Wagen vorfahren zu lassen , und als er dann das Zimmer seiner Frau verließ , die ganz gedankenvoll geworden war , sagte er zu dem Geistlichen gewendet : Sie müssen die Baronin durchaus gewöhnen , lieber Freund , recht scharf über geistige Dinge nachzudenken . Es ist bei ihr - und das liegt in ihrer Jugend , die ein großer Vorzug ist - noch Alles Gefühl , noch Alles Empfindung ; aber es kommt ja für sie hoffentlich bald die Zeit , in welcher sie Andern Rechenschaft über ihr Denken geben , Andern ein Führer werden muß , und ich möchte , daß diese Zukunft sie einig mit sich selbst und recht im Einklange mit mir finden möge . Trachte danach , Geliebteste , diesen Standpunkt zu erreichen . Er umarmte hierauf seine Frau , küßte ihr die Hand , gab auch dem Caplan die Hand , und verfügte sich in bester Laune an den Hof , dem Concerte beizuwohnen . Achtes Capitel Es war eine eigenthümliche Lage , in welcher der Caplan sich jetzt gegenüber der freiherrlichen Familie befand . Er glich dem Manne , welchen man zu einem Gastmahle eingeladen hat , und der bei seinem Eintritte in das Zimmer an dem Qualm und Rauch , die ihm entgegenströmen , den nahen Ausbruch eines im Verborgenen glimmenden Brandes erkennt . Es galt hier , zu helfen , nicht zu genießen , und Hülfe zu leisten war ja sein Beruf . Er fand Angelika unzufrieden mit sich selbst , beunruhigt durch die Stimmung ihres Gatten , durch den Einfluß , den Frau von Uttbrecht und ihr Mysticismus über ihn gewonnen hatten , und fand sie selbst auf das lebhafteste beschäftigt durch eine Menge von religiösen und mystischen Eindrücken , welche sie , eben um ihrer Fremdheit willen , bald anzogen , bald abstießen und ihr den Frieden raubten . Sie sehnte sich nach einem Menschen , dem sie ihr Herz erschließen , den sie zu Rathe ziehen konnte . Sich ihrer Mutter zu entdecken , hielt die Liebe für ihren Gatten sie ab . Die Gräfin würde ihre Tochter für unglücklich , ihren Schwiegersohn für schuldig gehalten haben , und unglücklich fühlte die Baronin sich nicht . Sie wußte nur nicht , was sie thun solle , um wieder zu der Ruhe zu gelangen , die sie bis zu ihrem Hochzeitstage stets beseelt , um sich wieder in dem Einklange mit dem Freiherrn zu befinden , von dem sie beide das Heil ihrer Ehe und ihrer Zukunft erhofft hatten . Sie konnte sich nicht recht klar machen , was eigentlich geschehen sei , was zwischen ihr und ihrem Gatten stehe , aber es war anders geworden , als sie es erwartet hatte ; es war geworden , wie es nicht hätte sein sollen , wie sie nicht geglaubt hatte , daß es jemals werden könne , Die Worte des alten , aufgefundenen Gebetbuches tönten immer in ihrem Herzen . Ihr fehlte ein Stab , der sie stützte , ein Licht , das ihr das Dunkel erhellte . Sie mußte oftmals an dasjenige denken , was der Baron , was der Caplan ihr von der befreienden Kraft des Wortes gesagt hatten . Es lag , so fern ihr die Vorstellung sonst gewesen war , jetzt für sie etwas Verlockendes in dem Vertrauen , in der Zurechtweisung und Belehrung , welche man in der Beichte gewährt und empfängt . Sie fühlte bisweilen ein wahrhaftes Verlangen danach , dem Caplan Alles zu sagen , was sie drückte , von ihm Rath zu begehren , und es hätte nur einer Ermuthigung von seiner Seite bedurft , ihr den Mund zu erschließen ; aber er gewährte ihr diese nicht . Er wollte reifen lassen , was er emporkeimen sah , und die Frucht nicht vorzeitig brechen , so sehr er sich ihrer erfreute . Es war nicht lange nach jenem Concert-Abende , als er in den Händen der Baronin ein Kästchen erblickte , das sie mit einer gewissen Hast verschloß und auf die Seite stellte , da er bei ihr erschien . Sie sah , daß er es bemerkt hatte , daß er darüber lächelte , und plötzlich zu einem Entschlusse gelangt , fragte sie ihn ganz unumwunden , ob er den Glauben theile , den sie im Hause der Frau von Uttbrecht häufig aussprechen hören , den Glauben , daß die Gottheit noch in unseren Tagen dem Menschen sichtbare Zeichen gebe ,