vortrug , einen tiefen Eindruck auf Hans gemacht ; Moses Freudenstein hielt es natürlich für seine Pflicht , dieses Ideal umzustürzen , und viel Vergnügen zog er aus den schmerzvollen Gefühlen seines Freundes . Der arme Hans verbarg seine Gefühle zuletzt instinktiv in Moses ' Gegenwart , da er wußte , daß der Eimer kalten Wassers immer bereit war , um darüber ausgeleert zu werden . Es war fast für ein Wunder zu nehmen , daß der Verkehr zwischen den beiden Neustädtern dadurch keinen Abbruch erlitt ; aber so viel Moses zerstören konnte , so viel hatte er auch zu geben . Nicht leicht war es ihm zu widerstehen , und manche reiche Kraft , die er sozusagen mit Gewalt erdrückte , weil er sie nicht » gebrauchen « konnte , wäre ein schönes Erbteil für manche kärglicher ausgestattete Natur gewesen . In seinem behaglich eingerichteten Zimmer am Domplatz hatte sich der Sohn und Erbe des Trödlers bald mit Haufen von Büchern aus allen Fächern des Wissens umgeben ; und ohne sich in dilettantischer Vielleserei zu verlieren , baute er sich ein ziemlich originales System objektiver Logik auf das vollkommenste auf . Aus der Philosophie Friedrich Wilhelm Hegels konnte er » manches gebrauchen « und machte den Freund Hans öfters sehr verwirrt und unbehaglich dadurch , daß er ihn und alles , was er mit sich trug , irgendeiner verruchten Kategorie unterordnete . Mit Eifer besuchte er daneben allerlei juristische Kollegien , und vorzüglich eingehend beschäftigte er sich mit dem Staatsrecht : der Macchiavell und der » Reineke Fuchs « waren in dieser Epoche zwei Bücher , die selten von seinem Arbeitstisch kamen . Zur Erholung gab er dem theologischen Jugendfreund Unterricht im Hebräischen , von welcher Sprache er mehr wußte als der ordentliche Professor , der darüber » las « . Auf das Hebräische folgten gewöhnlich die schon erwähnten Disputationen über Gott und die Welt , Physik und Metaphysik , sowie auch über das » deutsche Vaterland « , seine innern und äußern Verhältnisse . Moses Freudenstein stand natürlich dem deutschen Vaterland ebenso objektiv gegenüber wie allem andern , worüber sich reden ließ . Über seine Stellung ließ er sich ungefähr folgendermaßen aus : » Ich habe das Recht , nur da ein Deutscher zu sein , wo es mir beliebt , und das Recht , diese Ehre in jedem mir beliebigen Augenblick aufzugeben . Wir Juden sind doch die wahren Kosmopoliten , die Weltbürger von Gottes Gnaden oder , wenn du willst , von Gottes Ungnaden . Seit der Erschaffung bis zum Zehnten des Monats Ab im Jahr siebenzig eurer Zeitrechnung haben wir eine Ausnahmestellung innegehabt , und nach der Zerstörung des Tempels ist uns dieselbe geblieben , wenn auch in etwas veränderter Art und Weise . Durch lange Jahrhunderte hatte diese Ausnahmestellung ihre großen Unannehmlichkeiten für uns ; jetzt aber fangen die angenehmen Seiten des Verhältnisses an , zutage zu treten . Wir können ruhig stehen , während ihr euch absetzt , quält und ängstet . Die Erfolge , welche ihr gewinnt , erringt ihr für uns mit , eure Niederlagen brauchen uns nicht zu kümmern . Wenn wir in den Kampf eintreten , so ist es immer nur , sozusagen , die Hand des Pococurante , die wir dazu bieten . Wir sind Passagiere auf eurem Schiff , das nach dem Ideal des besten Staats steuert ; aber wenn die Barke scheitert , so ertrinkt nur ihr ; - wir haben unsere Schwimmgürtel und schaukeln lustig und wohlbehalten unter den Trümmern . Seit man uns nicht mehr als Brunnenvergifter und Christenkindermörder totschlägt und verbrennt , sind wir viel besser gestellt als ihr alle , wie ihr euch nennen mögt , ihr Arier : Deutsche , Franzosen , Engländer . Einzelne Narren unter uns mögen diese günstige Stellung aufgeben und sich um ein Adoptivvaterland zu Tode grämen à la Löb Baruch , germanice Ludwig Börne ; mein Freund Harry Heine in Paris bleibt trotz seines weißen Katechumenengewandes ein echter Jude , dem alles Taufwasser , aller französische Champagner und deutsche Rheinwein das semitische Blut nicht aus den Adern spült . Weshalb sollte er deutsche Schmach und Schande nicht mit einem Anhauch von Wehmut verspotten ? Jede Dummheit und Niederträchtigkeit , die man diesseits des Rheins begeht , ist ja ein Gottessegen für ihn ! « Wie Hans Unwirrsch während solcher Auseinandersetzung auf dem Stuhle hin und her rutschte , wie er vergeblich versuchte , den Redner zu unterbrechen , ist kaum zu beschreiben . Und wenn Moses endlich eine Pause machte , um Atem zu schöpfen , zog Hans doch keinen Vorteil daraus ; er war ebenso atemlos wie der Redner und brachte kaum einige klägliche Interjektionen und das Wort » Egoismus « heraus . Egoismus ? ! Moses Freudenstein hatte das Wort natürlich sogleich aufgefangen und ging mit frischer Kraft ins Zeug : » Egoismus ? Du nennst das so ; aber beschau nur die Sache näher . Die Philosophie der Geschichte nicht weniger als die Philosophie des Individuums gibt mir recht . Ich sage übrigens ja gar nicht , daß der Vorteil unserer gegenwärtigen Stellung darin bestehe , daß wir bei euren Haupt- und Staatsaktionen schadenfroh oder achselzuckend mit dem bekannten Spiel des Daumens als Zuschauer im Circus maximus sitzen . Wir können auch für irgendeine schöne , hohe Sache , zum Beispiel Schicksal , Ehre und Glück der deutschen Nation in die Arena hinabsteigen und Elend und Tod dafür auf uns nehmen . Unser Vorteil besteht grade auch darin , daß wir mit einem freiern , geistigeren animus in solches Elend , in solchen Tod gehen . Ihr kämpft und leidet pro domo ; wir opfern uns für einen reinen Gedanken ; - was sagst du dazu , mein Sohn Johannes ? « Nun wäre es selbst für einen schnellern Geist schwierig gewesen , auf diese Rede alles das kurz und bündig zu erwidern , was darauf gehörte . Von Hans Unwirrsch war es nicht zu verlangen , und Moses Freudenstein durfte nach Herzenslust