Leben versöhnen und selber für Dich leben will , so weit ich es vermag ! Melitta hatte sich während der letzten Worte von dem Sopha erhoben . Sie stand da mit hochgerötheten Wangen und leuchtenden Augen . Oldenburg hatte ihr zugehört mit athemloser Spannung , in einer Erregung , die mit jedem ihrer Worte mächtiger wurde . Seine Augen blitzten , seine Brust wogte , er preßte die Hände gegen sein Herz , das ihm schier zerspringen wollte vor seliger Lust . Als Melitta ' s letztes Wort verklungen war , trat er auf sie zu , kniete vor ihr nieder und sagte mit einer Stimme , tief und stark , wie der Klang eines ehernen Schildes : Und nun höre meinen Schwur , Melitta ! So wahr ich Dich geliebt habe , seit ich denken kann , so wahr mir in der Nacht meines Lebens nur ein Stern gestrahlt hat ; so wahr ich in der Wüste des Lebens nur deshalb ziel- und zweck- und ruhelos umhergeirrt bin , weil ich verzweifelte , daß dieser Stern mir jemals freundlich leuchten könne - so wahr will ich von diesem Augenblicke an mit aller Kraft , die mir gegeben ist , nach dem Höchsten ringen ; abthun alle kleinliche Schwäche und Verzagtheit , und die Zeit wieder einbringen , die ich in Thatlosigkeit vergeudet habe . Und , so wahr mein Herz jetzt von einer Seligkeit erfüllt ist , die keine Worte aussprechen können , so wahr will ich nicht ruhen und nicht rasten , bis Du mich liebst , wie ich Dich liebe , bis Du die Meine bist - hörst Du , Melitta , mein Weib ! Er war aufgesprungen . Und nun , Melitta - rief er - und seine Worte waren wie Jubelgesang , lebe wohl ! es duldet mich nicht mehr unter diesem Dach ; die ganze weite Welt ist zu eng für mich geworden . Leb wohl ! leb wohl ! bis wir uns wiedersehen ! Er schloß Melitta stürmisch in seine Arme und küßte sie auf die Stirn . Dann eilte er zum Zimmer hinaus . Melitta war wie versteinert mitten in dem Gemache stehen geblieben . Sie hatte weder die Kraft gehabt , Oldenburg zurückzuhalten , noch sein Lebewohl zu erwiedern . Sie legte die Hände gegen ihren pochenden Schläfen . Was habe ich gethan ? was habe ich gesagt ? fragte sie sich . Und die Stimme in ihrem Herzen antwortete : Nichts , dessen Du Dich vor Dir selbst , vor Deinem Kinde zu schämen brauchtest . Sie eilte in das anstoßende Gemach . Sie lehnte sich über den schlafenden Knaben . Da hörte sie das Rollen eines Wagens , der schnell von der Thür des Hotels abfuhr . Er ist es ! murmelte sie aufhorchend , und dann , ihr Gesicht in die Kissen drückend , weinte sie bitterlich . Zehntes Capitel Oswald hatte , nachdem er Berger an der Pforte des Irrenhauses verlassen , durch den Abschied von dem unglücklichen Manne und seine letzten grausigen Worte tief erschüttert , in trübes Sinnen verloren , den Weg von der Heilanstalt an dem Fluß entlang , fast wie ein Nachtwandler zurückgelegt . Was er seit seiner Ankunft gestern Abend in Fichtenau gehört , gesehen , erfahren - all die Eindrücke , die auf ihn losgestürmt , all die Gedanken , die in ihm angeregt , all die Leidenschaften , die in ihm entfesselt waren , wirbelten in seinem Hirn und Herzen chaotisch durcheinander . Er hatte ein dunkles Gefühl davon , daß dieser Zustand zuletzt zum Wahnsinn führen müsse , ja daß derselbe schon eine Art Wahnsinn sei . Sollte er nicht umkehren und an die Pforte pochen , die sich so eben hinter Berger geschlossen ? war dieses Haus mit seinen hohen Gefängnißmauern nicht das beste Asyl für Herzen , die der Welt so müde waren wie das seine ? Oder besser noch : sollte er sich nicht über das niedrige Geländer hinab in den Fluß stürzen , der unter ihm , tief und still , geräuschlos wie eine Schlange , zwischen den hohen , steilen Ufern dahinschoß ? konnte er so nicht sicher sein , die heiße Stirn für immer zu kühlen , die hämmernden Pulse in den Schläfen auf ewig zum Schweigen zu bringen ? Durfte er hoffen , aus einem Labyrinth , in welchem ein so hoher edler Geist , wie der Bergers , rettungslos verwirrt war , den Ausgang zum rosigen Licht zu finden ? war ihm nicht Berger an Kraft des Geistes wie an Adel der Seele überlegen ? - und doch und doch ! Oswald stand vor dem Curhause . Eine Chaise , die eben angekommen , hielt noch angespannt vor der Thür . In dem Speisesaal sah er zwei Herren in eifrigem Gespräch an dem Ende der langen Tafel sitzen . Es war ihm , als ob Doctor Birkenhain der Eine sei . Es verlangte ihn durchaus nicht nach einer Begegnung mit dem Arzte , dessen Auftrag in Betreff Berger ' s er so kläglich ausgeführt hatte . Er wollte ihm , ehe er abreiste , einige Zeilen schreiben , in denen er sich mit dringenden Geschäften und Bergers speciellem Wunsch entschuldigte , wenn er , ohne sich persönlich zu empfehlen , abgereist sei . Er ging auf sein Zimmer und schellte . Geht die Post noch heute Nacht ? In einer halben Stunde , mein Herr . Ich will mit der Post fort . Besorgen Sie mir einen Platz und die Rechnung ! sagte Oswald , schon mit dem Packen seiner Sachen beschäftigt . Sogleich , mein Herr ! Ja , ja ! ich will fort , fort von hier , murmelte Oswald mit Leidenschaftlichkeit , sich in dem Entschluß der letzten Minute bestärkend . Fort von hier , ehe noch mehr Unglück über mich hereinbricht . Die Rechnung , mein Herr ! sagte der wiedereintretende Kellner . Danke bestens , mein Herr . Der Herr brauchen sich gar nicht so sehr