sei aus den fernen Mohren- und Indianerländern und wie er seine Braut sogleich mit sich fortführen wolle und wie man keinen Augenblick versäumen dürfe . » Wir entschlossen uns kurz « , fuhr sie fort , » denn wir haben uns nie lange besonnen , das Leben ist nicht lang genug dazu . Mein Fräulein fragte mich , ob ich weiter mit ihr gehen oder ob ich hierbleiben wolle . Ich fragte sie , was sie von mir dächte , ob sie mich für ein Ding hielte , das sich vor einem Mohren oder einem Indianer oder sonst einem wilden Mann fürchte . Ich sagte , ob sie sich nicht erinnere , was sie alles an mir getan habe und wie sie mich so gut wie eine Schwester behandelt habe . Sie sagte , das sei alles recht schön ; aber der Weg sei so weit , und die Welt sei so weit , und man könne nicht wissen , ob man jemals wieder zurückkomme . Der Herr sagte , er wolle auch hier gut für mich sorgen ; aber ich antwortete ihm , wie er es verdiente : was er von mir dächte , ich wolle mein Fräulein doch nicht mit ihm allein zu allen Hottentotten und Russen , Chinesen und Menschenfressern ziehen lassen - dazu kennte ich ihn doch noch nicht lange genug . Und um die Sache zu einem schnellen Ende zu bringen und nicht laut herauszuweinen , sprang ich weg nach meinem Mantel und Hut , und wenn die Herren uns nun helfen wollen , unsere Koffer zur Eisenbahn zu schaffen , so soll uns das sehr angenehm und lieb sein . Was wir nicht tragen können , lassen wir zurück und kümmern uns nicht drum . Die Armen sollen es haben ; denn wir sind selbst arm gewesen und mögen es überall besser wiederfinden . « Die Aufregung der Familie Tellering war nicht zu schildern , sie hatte den äußersten Grad erreicht . Das Plötzliche und Unerwartete tat das Seinige , jedermann in die höchste Verwirrung zu bringen . Selbst der Kanarienvogel erwachte , zog den Kopf unter dem Flügel hervor , sah verwundert umher und riet mit hellem Gezwitscher der kleinen Marie , Vernunft anzunehmen und im Lande zu bleiben . Luise weinte laut , es weinte die Mutter Anna , der Alte schüttelte betrübt den Kopf , und Ludwig - Ludwig schien den Kopf vollständig verloren zu haben . Dann kam ein Augenblick , während welchem Marie und Luise einander schluchzend in den Armen lagen und beiderseitig nicht an die plötzliche Trennung glauben konnten und wollten ; dann kam ein Augenblick , wo Marie Heil sich wieder zusammenraffte und eine kleine tränenerstickte Rede hielt über die Flüchtigkeit der Zeit , und wie man nie wisse , ob man nicht recht bald wieder zusammenkommen werde . Nun hatte der Meister Johannes Tellering Mütze , Jacke und Rock gefunden , und die Mutter Anna hatte weinend dem jungen Mädchen , welches so weit in die Welt gehen wollte , ihren Segen gegeben . Ludwig Tellering quälte sich vergeblich ab , mit dem linken Arm durch den rechten Ärmel in den Rock zu gelangen ; es bedurfte der vereinigten Hülfe von Vater und Mutter , um seine Ausrüstung zu vollenden . Nun ein Türöffnen und ein Türschließen : auf ihren Betten - allein in ihrer Kammer - saßen die Frau Anna und Luise ; sie weinten beide und machten ihrem Kummer in abgebrochenen Ausrufen Luft . Dann war die kleine Freundin gegangen , und der Kanarienvogel in der Werkstatt , jetzt vollständig wach und munter , sang ihr sein lustigstes Leibstückchen nach . - - - Mitten im unbehaglichen nächtlichen Getümmel am Bahnhof ! Wie pfiff und heulte der kalte Wind durch die dunkle hohe Halle ! Jede Laterne diente nur dazu , die Nacht noch finsterer zu machen ; ungeduldig keuchte die Lokomotive und sah mit feurigen Augen in die Dunkelheit . Vor der Wagenreihe drängte sich das fröstelnde , vermummte , bepelzte Gewimmel der Reisenden ; Beruf und Pflicht , Glück und Unglück kümmern sich nicht um Jahreszeit , Wetter und Stunde ; sie jagen die Menschen auf und treiben sie , und die armen Menschen denken gar noch , sie seien auf der Wanderung , weil sie es wollen , weil sie es reiflich überlegt und beschlossen haben ! Eva Dornbluth saß bereits im Wagen ; Friedrich Wolf drückte dem alten Meister Tellering die Hand zum Abschied ; Ludwig aber zögerte mit der kleinen Marie noch immer vor der Tür , so betäubt wie je . Krampfhaft hielt er den Arm des jungen Mädchens . » O Marie , Marie , weshalb gehen Sie fort ? Bleiben Sie hier ! « » Ich darf nicht , Herr Ludwig . « » Wollen Sie meiner Schwester immer schreiben , wo Sie sind und wie es Ihnen geht ? « » Gewiß ! Ach machen Sie mir das Herz nicht noch schwerer . « » Sie wollen uns nicht vergessen ? « » O Herr Ludwig ! « » So leben Sie wohl , Marie . Wir sehen uns wieder ! « Er riß die Kleine in den Arm und küßte sie . Er tat es . Dann schob er sie in wilder Hast in den Wagen und stürzte aus der Bahnhofshalle , ohne sich umzusehen . Ihm nach klang ein leiser Ruf : » Ludwig ! « , aber er vernahm ihn nicht mehr ; wie konnte er hören und sehen ? Friedrich Wolf gab dem Meister Johannes noch einen Brief für einen Mitbewohner des Hauses zwölf in der Musikantengasse , über welchen er mit ihm viel auf dem Wege zum Bahnhof gesprochen , von welchem er vieles sich hatte erzählen lassen . Nun schrillte die Pfeife des Zugführers . Laut auf schrie die Lokomotive , einem wilden Tier gleich , das losgelassen wird von der Kette . Der heiße Atem füllte mit dichten Wolken die hohe Halle ; der Zug setzte sich in