überzeugen konnte , daß es wirklich nur ein Bild gewesen . So deutlich hatte er mit geschlossenen Augen jedes Möbel im Zimmer , den Sonnenstrahl , der durch das Fenster fiel , die Staubatome , die in dem Strahle tanzten - Alles , Alles gesehen . Da hörte er das Knallen einer Peitsche und das Knirschen von Rädern in dem Sande vor dem Portal des Schlosses . Der Baron fuhr eben mit den Knaben fort . Oswald ging mit hastigen Schritten in seinem Gemache auf und ab . Warum heute , gerade heute das fürchterliche Bild ! Muß Bruno sterben , zuvor mir sterben , damit ich Melitta lieben kann ! Ist es nicht möglich , einen Bruder und eine Geliebte zu lieben zu gleicher Zeit , mit gleicher Gluth der Seele ? Ist das Menschenherz so klein , daß eine Empfindung , um darin wohnen zu können , die andere verdrängen muß ? und ist die Treulosigkeit Naturgesetz ? Der junge Mann war wieder ruhiger geworden , aber die ambrosische Schönheit des Sommermorgens war verschwunden . Die Sonne hatte keinen Glanz mehr für ihn , der Gesang der Vögel keine Süßigkeit ; der übermüthig sprudelnde Quell der Lust in seinem Busen war versiegt . Du bist jetzt in der rechten Stimmung für die trockene Arbeit , sagte er bitter und holte das Packet wieder aus der Ecke hervor , in die er es vorhin geschleudert hatte . Er setzte sich an den Tisch und begann zu schreiben . Zuerst den Brief an den Geometer - das ging noch ; auch der Brief an den Advocaten kam , obgleich nicht ohne einige heimliche Verwünschungen , glücklich zu Ende ; aber die Abschrift der beiden Kontrakte zu fertigen , mußte er seine ganze Geduld zusammennehmen . Mehr noch als die Langweiligkeit der Arbeit selbst , ärgerten ihn die von der Hand der Baronin eingestreuten Bemerkungen , in welchen sie die in den Contracten von ihr beliebten Veränderungen in den Augen des Advocaten , vielleicht auch in ihren eigenen , zu motiviren suchte . Die Höhe der Pacht war in beiden Fällen fast um das Doppelte gesteigert , was Oswald um so mehr Wunder nahm , als er den Inspector Wrampe wiederholt hatte sagen hören : Herr Pathe , der Pächter der beiden Güter , ein außerordentlich fleißiger , strebsamer und ökonomischer Mann , sei so gestellt , daß ihn eine einzige Mißernte ruiniren müßte . In einer Notiz der Baronin hieß es : Herr P. ist ein nachläßiger Monsieur und sein sauberer Inspector W. ist nicht besser . Je humaner man gegen dergleichen Menschen ist , desto fauler werden sie . In einer andern : die dem Schlosse von dem Gute Grenwitz zu leistenden Naturallieferungen müssen auf jeden Fall doublirt werden , denn daß wir doch nur die Hälfte von dem bekommen , was uns zusteht , und diese Hälfte unter den langen Fingern unserer Leute noch mehr zusammenschrumpft , ist von vornherein anzunehmen . Durchstrichen , aber nicht so , daß man sie nicht noch hätte lesen können , waren die folgenden Worte : Sollte ja etwas übrig bleiben , so können wir ja den Rest alle Sonnabende in B. ( dem nächsten Landstädtchen ) auf dem Wochenmarkte verkaufen . An einer andern Stelle : Kann nicht contractlich ausgemacht werden , daß die Verwalter , Statthalter ( Großknechte ) , Ausgeberinnen u.s.w. der Pächter jedesmal von dem Baron bestätigt werden müssen ? Man wüßte dann doch , mit was für Subjecten man es zu thun hat , und behielte den Griff fester in der Hand . Und das Vermögen dieser Menschen beträgt Millionen ! rief Oswald und warf die Feder zornig auf den Tisch . Schreibe ein Anderer das Gewäsch ! Soll ich mich zum ergebensten Werkzeug dieser egoistischen , hochmüthigen , herzlosen Aristokratenbrut hergeben ? Und trüber und trüber ward es in des jungen Mannes Seele . Nicht zum ersten Male wurde er heute daran gemahnt , wie schief , wie unhaltbar doch seine ganze Stellung sei . Und was hatte ihn in diese Stellung getrieben , wenn nicht seine Freundschaft zu dem Professor Berger , dessen Rath er gegen seine bessere Ueberzeugung gefolgt war ? Es fiel ihm ein , daß er den letzten Brief seines wunderlichen Freundes noch nicht beantwortet hatte . So setzte er sich denn wieder hin und schrieb : Es giebt kein Unrecht als den Widerspruch - das ist , wenn ich mich recht erinnere , eine Ihrer Lieblingsmaximen , und die Cardinalregel , nach der Sie das Thun und Lassen der Menschen beurtheilen ! Nun denn ! So hatten Sie doppelt und dreifach unrecht , mich in diese Situation hineinzureden und hineinzulachen , denn sie ist , wie ich sie auch betrachten mag , aus Widersprüchen zusammengesetzt . Ich ein Erzieher Anderer , der ich mich selbst noch zu erziehen habe ! Ich , der Aristokratenfeind , der Adelshasser in dem Schooße einer aristokratischen Familie , halb der Freund und halb der Diener dieser hochadeligen Sippe ! Und was mich noch abscheulicher dünkt , ist , daß ich an den Genüssen dieses aristokratischen Lebens so harmlos Antheil nehmen kann , als hätte mich nie ein Schauer der Ehrfurcht erfaßt , wenn ich in der Schrift an die Stelle kam : Des Menschen Sohn hat nicht , da er sein Haupt hinlege ! Sind diese Worte denn nicht auch für mich geschrieben , für mich , dem kein Kissen zu wollüstig , kein Teppich zu weich , keine Speise zu lecker , kein Wein zu kostbar dünkt ? für mich , der ich , weit entfernt , mich von diesem Luxus angeekelt zu finden , ihn nicht gierig verschwelge , wie der Sklave seine kurzen Augenblicke der Freiheit , sondern ruhig und bedächtig durchkoste und genieße , ihn hinnehme , wie etwas , was sich von selbst versteht , wie etwas , zu dem man geboren und erzogen ist . Soll die gnädige Frau Baronin recht haben , die neulich hochmüthig behauptete , von