gehen wollte . Voll Unruhe blickte er um sich und stotterte : Lüftet doch ! Lüftet doch ! Wie erstickend ! Wie dumpf ! Wie rauchen die Oefen ! Verbrenne nur ein bischen Papier und es riecht gleich wie der lebendige Satan ! Dabei zuckten ihm seine ohnehin schon unheimlichen Augenbrauen krampfhaft auf und nieder ... Der große , baumstarke Mann stand wie von einer Ohnmacht bedroht . Und indem er mit den Fingern der linken Hand immer in seinen Bart , bald da , bald dort , wie in einer kreisenden Bewegung griff , sagte er , als wollt ' er Gleichgültigkeit zeigen : Hab ' mich wieder ' n mal geärgert ! Ueber den verd - Landrath ; nein - ja - den - Rittmeister ! Und diese Briefe vom Fritz ... In den Ofen damit ! ... Immer Aerger ! Immer Aerger ! ... Lucinde , die kaum merkte , daß er die Gründe seines Aergers offenbar fingirte , war ihm , um ihn nur zu beruhigen , so zuthunlich , wie er sonst wünschte . Sie bewunderte die prächtige Uniform , besah das wunderschöne Comthurkreuz mit seinen goldenen Kugeln , seinem welfischen Löwen , seinem weißen Roß und seinen Eichenzweigen ; sie wußte schon , was die alte deutsche Geschichte zu erzählen hatte von dem Löwen des mächtigen braunschweiger Herzogs Heinrich Welf und dem Kniefall des Hohenstaufen vor dem Löwenherzog und von den Römerzügen und der gespaltenen Einheit des deutschen Vaterlandes ... Der Alte lächelte jetzt zu all diesem » Kram « , wie er ' s eben nannte , und suchte über das zu scherzen , was ihm in seinen jeweiligen Wuthanfällen auf die Regierung und den Deichgrafen sonst ein » blutiger Ernst « war . Welfen und Ghibellinen ! rief er oft . Ihr Ghibellinen mit euern Kaisern , wir Welfen mit unserm Rom ! ... Heute aber hielt er das Nächste fest . Wieder und wieder rief er mit äußerster Ungeduld : Ob nun bald gepackt wäre , der Koffer auch , Kleider für ihn und den Kammerherrn ? Dabei sah er nach der Uhr , brummte vom » Landrath heute in Lüdicke « , » Eggena nach Lüdicke drei Stunden « und ähnliche Berechnungen . Dann starrte er in die Gegend hinaus , nahm ein Fernglas , dessen sich sein Sohn zu bedienen pflegte und das auf dem Nähtisch Lucindens lag , und zog es auf und nieder . Dies that er eine Weile wie gedankenlos , wie mechanisch . In dem mehrfach hervorgestoßenen Namen Enckefuß schien eine große Beruhigung für ihn zu liegen . Plötzlich aber rief er : Was ? Wie ? Wer kommt denn da ? Er deutete auf einen leichten Wagen , den man bei einiger Aufmerksamkeit auch mit bloßem Auge sehen konnte . Lucinde blickte erschreckend hinaus . Es war erst wenig vor halb sieben , ja gerade die Stunde , die der Deichgraf nach dem Urtheil seines Sohnes im Handeln immer einzuhalten pflegte , zwei Minuten vor halb sieben . Der Wagen ging bergan , und die Strecke von unten herauf war lang und steil , der Wagen fuhr langsam ; gegen sieben konnt ' es sein , wenn er endlich auf der Höhe war . Sollte Heinrich , statt zu Roß , im Einspänner kommen ? Und durch den kleinen Taschen-Frauenhofer hatte der Kronsyndikus schon erkannt , daß es wirklich der » Doctor « war . Die Wirkung dieser Entdeckung war bei dem Greise die allerauffallendste . Lucinde hätte noch deutlicher bemerken können , wie der Kronsyndikus krampfhaft sich am Nähtisch hielt und , da dieser leicht war , fast mit ihm umstürzte . Um ihre eigene Unruhe und Verlegenheit zu verbergen , hatte sie sich nur in diesem Augenblicke selbst zum Seitenfenster gewandt . Was will denn der Doctor ? sprach der Kronsyndikus immer tonloser und kürzer athmend ... Der Junge - der Junge - der - was will denn der ? Was soll denn der ? Wozu kommt denn schon der ? Es schienen ihm Gedanken durch den Kopf zu schießen ganz anderer Art , als die er gewöhnlich über das » Volk da unten in der Buschmühle « aussprach . Der Wagen kam näher . Es war ein Einspänner , den wirklich der junge Klingsohr führte . Was will er denn ? Was hat er denn ? fuhr der Alte auf und wandte sich dabei nicht an Lucinden , die ganz nur mit ihrer eigenen Besorgniß beschäftigt war und sich abwandte , um ihr Erröthen zu verbergen . So nur konnte es geschehen , daß sie die zunehmende Unruhe des Greises nicht bemerkte , nicht sein Hin-und Wiederrennen , nicht sein Oeffnen des nach der Seitenfronte gehenden Fensters , nicht sein erneutes Blicken durch das Fernrohr , das er zitternd aus- und einzog . Endlich , als er in das Pfeifen eines Liedes ausgebrochen war und in den geöffneten Prachtzimmern die Decken von den gelben Sammtmöbeln riß und wieder kam und wieder ging , lachte er plötzlich laut auf , rief Lucinden in die Staatszimmer und sagte mit der ihm eigenen faunischen Miene : Lucinde ! Lucinde ! Höre , Kind ! Ich sag ' dir etwas ! Herr Kronsyndikus ! rief diese und eilte näher . Satan , schwarzer - ! Excellenz - Engel ! Schlechte Person - liebst den Kerl , den Doctor ! Er lachte dabei convulsivisch . Hast recht ! ließ er sie kaum zu Worte kommen und umarmte sie . Hast recht ! Er kann ' s einem schon anthun ! Aber Excellenz - Weiß alles , verdammte Hexe ! Ihr saht euch in dem gottverfluchten Grunde , saht euch im Park ... hinterm letzten Pavillon ... am Fasanennetz ... im Mondschein ... Glaubst du , der buckelige Stammer geigt mir nicht auch um funfzehn Silbergroschen oder eine Tracht Hiebe die Wahrheit ? ... Aber ... aber hast recht ... sollst recht haben , Kind ... Wie kann man einen Narren lieben ? Da ... den ...