Ich schlief später noch in einem Zimmer neben Ihnen ! antwortete der Fremde . Aufrichtig ! Ich hatte mich nur so gestellt , als wollt ' ich im Wirthshaussaale bleiben . Der Schlemmer interessirte mich , und als vollends noch Sie hinzukamen und das Gespräch belehrend für mich wurde , schloß ich die Augen ohne zu schlafen . Hernach ging ich wie Sie in ein leidliches Bett . Da haben Sie uns also ... belauscht ? bemerkte Dankmar , erstaunt über diese Offenheit . Wenn Sie ' s so nennen wollen ! sagte der Fremde ; ja ! Hätt ' ich mich wach gezeigt , so würd ' ich dem Manne haben sagen müssen , warum ich nicht von ihm zu trinken annehmen wollte , oder was noch schlimmer gewesen wäre , ich hätte mich hinreißen lassen , seinen jämmerlichen Lebensansichten zu widersprechen .... Dem Wirth , glaub ' ich , sagte Dankmar lachend , würde dann doch die Geduld gerissen sein . Er schien Sie längst nur mit großer Selbstüberwindung in einem Saale zu dulden , wo einer seiner Gäste Trüffeln und Champagner ausbreitete . Ich weiß ! Vor unserer Umwälzung hätt ' er mich zur Thür hinausgeworfen und auf den Heuboden verwiesen , antwortete der Wanderer . Die Zeiten werden schon wiederkommen und vielleicht mit Recht . Was anmaßend und zudringlich ist , bleibt zu allen Zeiten besser vor der Thür als drinnen . So wandeln Sie wohl , sagte Dankmar , in politischen Dingen den Mittelweg des vortrefflichen Herrn Heidekrügers ? Satt aller Antwort gab der Fremde seinem edelgeformten Kopf nur den Ausdruck eines Lächelns , das Dankmar nicht umhinkonnte geradezu für fein und geistreich zu erkennen . Dies Lächeln entwaffnete ihn . Er mußte einen Augenblick schweigen . Nach einer Weile begann der Fremde von selbst : Ist denn Das auch ein System ? Ist denn Das auch eine Meinung ? Was diesen Heidekrüger beseelt , ist nichts als der crasseste Egoismus der Eitelkeit ! Dieser Mann hat ein vortreffliches Landgut und brave Dienstboten , die unter seinem Dünkel leiden . Warum bleibt er nicht in seinen Scheunen und auf seinen Feldern ? Er krankt , jedes seiner Worte verräth ' s , an der traurigen Großmannssucht , welche die Hauptrolle in unsern politischen Kämpfen spielt . Er kommt mir vor und Tausende mit ihm kommen mir vor wie Grundbesitzer , die bei Anlegung einer neuen Eisenbahn durchaus verlangen , daß die Linie an ihrem Eigenthum vorübergehen soll . Ohne sie gibt es nichts . Ohne sie kein Wind und Wetter . Ohne sie nicht Sonnenschein und Mondschein . Es ist dabei ein Trost , daß diese Menschen nicht ganz servil sind . Sie stellen sich der Regierung gegenüber doch manchmal ein bischen auf die Hinterfüße und wollen erobert , wollen gesucht , wollen geschmeichelt sein . Aber erst große Worte ! Erklärungen ! Die Hand aufs Herz ! Lafayette ! Lafayette ! Hat man jedoch einen solchen Provinzial-Cato endlich an der Leine irgend einer kleinen menschlichen Schwäche gefangen , so kann man Dienstags auf der pariser Fastnachtsprozession keinen größern Ochsen sehen als ein solches , um jeden Preis an das Bestehende gefesseltes , früher liberal gewesenes Hornvieh . Dankmar fühlte nach dieser wie eine Bombe platzenden Kernäußerung , daß , wenn der Fremde ein Spion war , er als Agent provocateur in der That Talent besaß . Unmöglich konnte er ein Tischler sein . Er beschloß jedoch , harmlos zu bleiben , nicht weiter nach dem Sinn der blauen Blouse zu forschen und vor seinen Überzeugungen , die er immer frei bekannte , keine Furcht zu verrathen . Da ihn diese Unterhaltung bei dem trüben Wetter und der einförmigen Gegend nur erfreuen konnte , trat er ohne weiteres Mistrauen , ohne ängstliche Furcht , ganz offen mit seinen Empfindungen hervor . Ganz wahr bezeichnen Sie diese Gattung von Menschen , sagte er , die leider zu sehr den Schwerpunkt unserer Zustände bilden ! Sahen Sie nicht , wie scheinbar uneigennützig dieser Biedermann jeden Anspruch auf persönliche Auszeichnung vonsichwies und wie er doch seine Anforderungen an einen Volksvertreter gerade so nur stellte , daß sie auf ihn allein zutreffen mußten ? So machten es Cäsar und Cromwell auch , als sie in Versuchung geriethen , sich krönen zu lassen , und nicht wußten , was ihnen größer stehen würde , die Krone oder der Schein , sie ausgeschlagen zu haben ! Wie schlau und fein durchschaute Schlurck diesen Tartüffe vom Lande , den deutschen patriotischen Ehrenmann , der nur das » Gute « will und doch den Untergang der Welt von dem Augenblick an datirt , wo man vor dem Zorn seiner zusammengezogenen Augenbrauen nicht in Ohnmacht sinkt ! Ja ! Ja ! Dieser Schlurck ist ein pfiffiger Spitzbube ! sagte der Fremde mit nachdenklichem Ernst . Und mir mit seinem politischen Nihilismus noch lieber als diese aalglatten Heuchler , diese doctrinair gewordenen Spießbürger ! Auch der Nihilismus taugt nichts , sagte der Fremde , der sich immer gebildeter zeigte und Dankmarn überraschte . Aus nichts wird nichts . Ein Nihilist bringt ebenso die Welt in Verwirrung wie der phrasenhafte Egoist . Der Nihilist springt von Meinung zu Meinung , gehorcht Jedem , der gerade die Gewalt hat , und ist der rechte Widersacher , der Erzfeind aller guten Dinge . Wir leiden an keinem Übel so sehr , als an der Eitelkeit und an der Genußsucht . Die Genußsucht ist der eigentliche rothe Faden der Revolution , der sich durch alle unsere Gesellschaftsschichten zieht . Die Genußsucht stürzt die Staaten im Grunde um , sie lockert das unterste Gebäude . Sie lehrt jenes Übermaß im Siege bei allen Parteien . Paris ! Paris ! Das ist nicht der Heerd der Gedanken , sondern der Heerd der Genußsucht ! Wissen Sie , was die ganze , die ganze Welt regiert ? Der Cours der französischen Rente . Ich war in Frankreich . Der Franzose arbeitet bis in sein funfzigstes Jahr . Dann will er noch zwanzig