ich mögte es so gern glauben ! Aber sehen Sie , ich kann und kann mir nicht vorstellen , daß die Seele unveränderlich von einem Gedanken bestimmt , von einem Bilde beherrscht werde . Sie folgt den äußern Eindrücken und Bedürfnissen , den innern Neigungen , je nachdem Umstände und Verhältnisse Eines oder das Andre begünstigen oder nicht . Sie fühlt dumpf daß es ihre Seligkeit sein würde in einen Hafen des Lebens-Oceans einlaufen und dort den Anker der Zuversicht : hier ist dein Platz ! fallen lassen zu dürfen ; aber sie bleibt schwankend auf hohem Meer , denn kein Sturm treibt sie gebieterisch in irgend einen Hafen , und sie selbst fühlt sich zu keiner Wahl veranlaßt . Jede wird ihr Gutes und ihr Schlechtes haben - jede wird von Hause aus den Stempel auf der Stirn tragen , den Alles trägt , was dem Menschen zu seinem Genuß , seiner Entwickelung , seiner Freude , seinem Streben und Gelingen und Erreichen gegeben ist - das eine fürchterliche Wort : Unvollkommenheit . Diese schließt sowol die Dauer als die Unwandelbarkeit aus ; denn nur die Vollkommenheit besitzt Einheit , und widersteht demnach jeder Wandlung und Auflösung denen unwiderruflich die Unvollkommenheit verfallen muß .... weil sie Stückwerk ist . « Astrau sah mich traurig an während ich sprach , und traurig antwortete er : » Entzaubert zu werden nachdem man zuvor verzaubert gewesen ist - mag bitter sein ! doch tausendmal bittrer ist es mit diesem eiskalten nüchternen Blick Bestimmung und Schicksal zu betrachten , und das Glück fallen zu lassen wie eine Südfrucht , die verschmäht wird , weil sie unter unserm gemäßigten , nicht unter ihrem eigenen tropischen Himmel reifte . Diese Nichtachtung der irdischen Zustände , Sibylle , mag die Wonne der Heiligen sein - aber sie ist die Qual des Menschen ! und wenn Sie denn doch so sehr heilig sind , so sein Sie es wenigstens mit ganzem Herzen ; so leben Sie ein von der Welt abgeschlossenes Leben voll Meditation , Andacht und Barmherzigkeit ; so widmen Sie sich ganz der Betrachtung und Uebung göttlicher Dinge , da Ihnen menschliche zu gering sind ; so wenden Sie sich überhaupt ganz und aufrichtig dem Schöpfer zu , und lassen Sie das Geschöpf nicht in dem Wahn , als wären Sie zugänglich seiner Empfindungsweise und seiner Sehnsucht ; so trennen Sie sich von uns ab , Sibylle , und sagen Sie uns redlich : » Ich habe mit euch Allen nichts zu thun und nichts zu theilen ! « - - Denn wer Sie zwischen uns sieht , beobachtet , wer Ihr phantastisches Dasein und die Melancholie und Gleichgültigkeit Ihres Wesens bei einer solchen Schönheitsfülle verfolgt - wer unter diesem schillernden Schleier Ihre hohe reine Natur erkannt hat - dem erscheinen Sie wie von einem bösen Zauber befangen , und er mögte Ihnen ein Wort zurufen , das denselben sprengte . Also sein Sie ganz ehrlich , Sibylle , und sagen Sie uns - Ich liebe euch nicht und nie ; ich liebe Gott . « » Aber Astrau ! wer sagt Ihnen daß ich Gott liebe ? entgegnete ich mit traurigem Erstaunen . Ich sage Ihnen : ich liebe ihn nicht ! Wer nicht der Liebe für das Geschöpf fähig ist - das Meinesgleichen in Gefühl , Gedanke und Richtung ist - das mich anspricht mit meinen Worten und Blicken , mit meinem Verlangen und meiner Bedürftigkeit - das wechselsweise Mitglied , Theilnahme , Wolwollen , Anregung in mir weckt - und dennoch trotz all dieser Anklänge und Harmonien nicht den Ton trift auf den meine Seele gestimmt ist und der , Einmal berührt , nicht wieder verhallt , sondern innerlich fortvibrirt wenn er auch nach Außen nicht immer laut klingt - - wer nicht Schwung genug im Herzen hat um ein Wesen seines Geschlechts zu umfassen , woher soll dem Glut und Macht kommen um sich an ein höheres anzuranken und anzusaugen ? Nein , Otbert ! durch die Liebe zur Creatur übt sich der Mensch in der Liebe zum Schöpfer , denn in ihren Wonnen und Schmerzen , in ihrer Begeisterung , in ihrer Läuterung , in ihren Wundern der Kraft , der Ausdauer und Geduld , erkennt er die Herrlichkeit des Geschöpfs , und nur durch sie ahnt er die Herrlichkeit des Schöpfers . Immer durch seine Boten , seine Gesandten , immer durch einen menschlichen Vermittler , hat Gott seine Offenbarungen auf die Erde geschickt , und was Allen geschehen ist das wiederholt sich auch im Einzelnen und Kleinen : die göttliche Liebe muß Mensch geworden sein damit mein Herz sie fasse .... und das ist mir nicht geschehen . « » Vielleicht lieben Sie Ihr Kind mehr als alles Andre ? « fragte Astrau mit tiefster Theilnahme in Blick und Ton . » Ich liebe das Kind mit meinem Thun , entgegnete ich nach kurzem Nachdenken . Hieße es : stirb für das Kind ! oder : geh betteln für das Kind ! so thät ' ichs ohne Besinnen .... aber ich mögte sagen : aus Instinct meines Herzbluts , nicht aus Liebe . Denn Liebe , wie ich sie verstehe , füllt die Seele , und das Kind füllt die meine nicht . « » Aber Sibylle ! rief Otbert beinah fassungslos vor innerer Bewegung - was um Gotteswillen , was regt sich denn eigentlich in Ihrer Seele ? « » Die intensivste Sehnsucht nach einem unbekannten Glück , Otbert , die so drängend , so heiß , so wild , so unbezähmbar ist , daß ich Meere durchschiffen und Welttheile durchpilgern mögte um es zu suchen . « » O suchen Sie es nicht ! geben Sie es .... und es ist da ! « rief Otbert , sank zu meinen Füßen nieder und ergriff meine beiden Hände wie um mich fest zu halten . » Warum zittere ich bei dem Gedanken , Otbert , jezt mit Entschiedenheit zu sagen : ich suche nicht mehr , denn