liebste Tante , sagte er schmeichelnd , und es sind viele Familien unserer schönen Welt Ihrem Beispiele nachgefolgt . Vor Ihrem klaren Verstande können jene Vorurtheile , welche einst die schroffe Trennung zwischen verschiedenen Confessionen verursachten , nicht mehr Stich halten . Wenn ich Ihnen nun sage , daß Sie mir den größten Gefallen thun , so oft sie die Cousine meiner Begleitung anvertrauen , und daß Clara sich vortrefflich in der Meierschen Familie unterhält , so darf ich hoffen , Sie heben für Clara und Jenny den Grenzcordon auf und geben ihnen völlige Freiheit für ihren Verkehr . Die Commerzienräthin that darauf , als ob William ' s Gründe sie überredet hätten , und wenige Tage , nachdem Reinhard mit Jenny versprochen worden war , erhielten Eduard und seine Schwester Einladungen zu einer Gesellschaft im Hause der Commerzienräthin , die aber nur Eduard annahm , weil Jenny sich nicht entschließen konnte , ohne den Bräutigam hinzugehen . Dem Vater war dies ganz gelegen , da er im Ernste meinte , was er nur scherzend aussprach , er sähe es gern , wenn Leute , die ihm eine Ehre mit ihrer Einladung zu erzeigen glaubten , lieber über zu viel Zurückhaltung als zu bereitwilliges Entgegenkommen klagten . In jenen Tagen wurde nun Jenny ' s Verlobung bekannt gemacht und Clara gehörte zu Denjenigen , welche am meisten davon überrascht wurden , sich am meisten darüber freuten . Sie saß im Zimmer ihrer Mutter , als am Neujahrsmorgen ein Diener das Meldungsbillet hereinbrachte . Die Commerzienräthin gerieth in die beste Laune , nun sie mit Zuversicht wußte , daß sie die einst gefürchtete Nebenbuhlerin für ihre Clara nicht mehr zu scheuen habe , und reichte das Billet , nachdem sie es gelesen , ihrer Tochter mit der Bemerkung hin : Da sieht man deutlich , wie solchen Leuten selbst der Reichthum zu nichts hilft : ein Candidat der Theologie ! Für Dich soll einmal eine andere Wahl getroffen werden ! Clara antwortete keine Silbe , denn sie hatte in ihrer freudigen Ueberraschung gar nichts von der Rede ihrer Mutter gehört . Sie hielt das Blatt in den Händen und las mit klopfendem Herzen immer wieder die Worte , welche ihr Jenny ' s Verlobung mit Reinhard verkündeten . Das war ein Lichtstrahl von oben , der urplötzlich die Nacht ihres Kummers erhellte . Jetzt war Alles gut , all ihr hoffnungsloses Leiden beendet , jeder Zweifel gehoben . Wenn Jenny sich mit Reinhard verlobte , konnte auch der Liebe Eduard ' s zu ihr kein Hinderniß von seiner Seite im Wege stehen ; und sie wünschte nur zu erfahren , durch welche Verhältnisse dieser glückliche Wechsel der Ansichten in der Meierschen Familie hervorgebracht worden war . Sie bestürmte Hughes mit Fragen , sie wollte wissen , ob der Doctor mit dieser Heirath einverstanden sei , ob die Eltern sie gern sähen ; und die Versicherung ihres Cousins , daß Alle sehr glücklich und erfreut darüber wären , reifte ihre Hoffnung zu beseligender Ueberzeugung , so daß sie freudestrahlend Eduard entgegenging , der im Laufe des Tages hinkam , ihnen zum neuen Jahre zu gratuliren . Der Umgang zwischen den beiden jungen Mädchen gewann bald eine große Innigkeit , nachdem die ersten Schritte gethan waren . Clara hörte nur zu gern von Eduard erzählen ; was er gesagt , gewollt , gethan , Alles war für sie von Wichtigkeit . Was nur in irgend einer Beziehung zu ihm stand , erregte ihre Theilnahme , und sie fühlte sich zu Jenny doppelt hingezogen , weil sie mit ihr stundenlang von dem Geliebten sprechen konnte , ohne , wie sie wähnte , irgend einen Verdacht zu erregen . Darin aber täuschte sie sich freilich . Jenny , der die leidenschaftliche Liebe Eduard ' s zu Clara längst außer allem Zweifel war , hatte auch bald in Clara ' s Seele gelesen . Ein gleicher Bildungsgrad machte ihr das Beisammensein mit Clara höchst angenehm , sie fand an ihr , was sie an Therese stets vermißt hatte , ein Gemüth , das mit ihr in rascher Empfänglichkeit sympathisirte , und eine Tiefe des Gefühls , welche Therese nicht in dem Grade besaß , oder mindestens nicht zu äußern vermochte . Solch eine Schwägerin hatte sie sich gewünscht ; auch ihr schien es nur zu natürlich , daß Eduard kein Opfer scheuen werde , um Clara zu besitzen , und Beiden wurde es zu einer süßen Gewohnheit , zu einem Bedürfniß , häufig bei einander zu sein . In ungetrübter Freude waren so einige Wochen verflossen , als Hughes eines Abends verstört in die Stube seiner Tante trat , und indem er ihr einen Brief reichte , die Worte ausrief : Ich muß fort , Tante ! mein Vater liegt zum Sterben ! Die Commerzienräthin erschrak so sehr als die kaltblütige Frau es überhaupt vermochte . Denn so unangenehm ihr auch die plötzliche Entfernung William ' s erschien , so leuchtete ihr doch der materielle Vortheil ein , der für den Sohn entstände , wenn er schon jetzt in den Besitz der väterlichen Schätze käme . Sie versäumte also nicht , in wohlgewählten Worten ihr tiefes Bedauern über das Unglück auszudrücken , das ihrer Schwester durch den Tod des Gatten drohe ; sie brachte es selbst bis zu Thränen bei dem Gedanken an William ' s Abreise ; und dieser , aufgeregt durch die entsetzliche Nachricht , die ihn bis in das Herz getroffen , ließ sich von der künstlichen Theilnahme der schlauen Frau täuschen . Er mußte Jemanden finden , dem er seine Gefühle enthüllte , und Clara , vor der er es am liebsten gethan hätte , war seit einigen Stunden bei der Freundin . Er fragte nach ihr , er wolle und müsse Abschied von ihr nehmen . Beruhige Dich , sagte die Commerzienräthin , ich will sie rufen lassen , und sie soll den Rest des Abends mit Dir verbringen . Sie wird wie ich untröstlich sein über den Verlust , der