, und deßhalb will ich auch sogleich noch Manches an Medikamenten besorgen , die ich für meine Kranken in Krumbach morgen nöthig habe . Kaum ließ sich der Arzt bewegen , noch vorher mit der Gesellschaft Thee zu trinken ; er that es zwar endlich auf allgemeines Verlangen , wie er sich ausdrückte , verließ aber doch sehr bald das Zimmer , um den ganzen Abend , wie er sagte , seiner Pflicht zu leben . Man brachte den Abend heiter hin , aber dennoch war eine gewisse Spannung fühlbar . Die Gräfin wollte in St. Juliens Gegenwart nicht fragen , ob der Graf etwas für den Obristen Thalheim gethan habe . Emilie konnte ihre Unruhe nicht beherrschen , weil ihr immer die verläumderischen Gerüchte im Sinne lagen , die über den Grafen verbreitet wurden , und sie betrachtete mit einer gewissen Wehmuth St. Julien , der die unschuldige Veranlassung dazu war . St. Julien fühlte sich gedrückt , weil er bemerkte , daß durch seine Gegenwart eine freie Mittheilung in der Familie gehindert wurde , die doch Jeder zu wünschen schien ; nur der Graf war vollkommen heiter und schrieb die Spannung , die ihm nicht entging , auf Rechnung der Neugierde , von welcher er die Frauen gequält glaubte . St. Julien verließ bald nach der Abendtafel die Gesellschaft , und der Graf wendete sich , als sie kaum allein waren , lächelnd zu den Frauen und sagte : Nicht wahr , meine Lieben , heute war Euch unser liebenswürdiger Freund herzlich beschwerlich , und Ihr habt ihn schon lange weggewünscht , um nur zu erfahren , wo ich den ganzen Tag gewesen bin ? Die Gräfin läugnete nicht , daß sie zu wissen wünschte , wie er den Tag verlebt habe , ob sie gleich gar nicht darüber zweifelhaft sei , wo er ihn zugebracht habe . Der Graf gab eine treue Schilderung der Noth , in der er den Obristen und seine Tochter gefunden habe , und ging leicht über die Art hinweg , wie er ihm Hülfe geleistet hatte ; auch schilderte er mit Laune sein Zusammentreffen mit dem plumpen Verwalter und dem zierlich gekleideten schwarzen Herrn . Die Gräfin wurde aufmerksam bei diesem Umstande und erkundigte sich genau , um welche Zeit dieß Zusammentreffen stattgefunden habe , und ob Krumbach weit vom jetzigen Wohnort des Obristen entfernt sei . Ihre Fragen erregten die Neugierde des Grafen , und nach gegenseitigen Erklärungen und Mittheilungen waren beide darüber einig , daß es wohl derselbe junge Herr gewesen sein könnte , den der Arzt in Krumbach angetroffen habe ; nur blieb es räthselhaft , was einen ganz fremden Menschen bestimmen könne , diese Gerüchte in Umlauf zu bringen . Es kann um so eher sein , schloß der Graf , daß jenen der Arzt in Krumbach getroffen hat , da er geraume Zeit vor mir hinweg ging , und ich mich noch lange beim Prediger aufgehalten habe . Es sind jetzt preußische Truppen hier in der Gegend , schloß der Graf ; es sind einzelne Reiter durch das Dorf gesprengt , und der Prediger hat durch genaue Erkundigungen erfahren , daß sie zu den Unsrigen gehören ; dieß ist mir um des Obristen Willen lieb , denn sollte er ihnen begegnen , so , hoffe ich , werden sie ihn ruhig ziehen lassen , obgleich im Kriege das Bedürfniß Freunde , wie Feinde oft zwingt , Pferde in Beschlag zu nehmen . Emilie konnte ihre Besorgnisse nicht verschweigen , daß dem Grafen Unannehmlichkeiten aus solchen schlechten Verläumdungen erwachsen könnten , wie sie eben erfahren hatten ; auch die Gräfin stimmte ihr bei und sagte mit Zärtlichkeit : Wie würde es mich schmerzen , wenn Ihre besten Handlungen eine Quelle des Verdrußes für Sie würden ! Seid doch darüber ruhig , meine Lieben , sagte der Graf . Sollte mich irgend Wer zur Rechenschaft ziehen , der ein Recht hat , es zu thun , so wißt Ihr , daß ich mich vertheidigen kann ; müßiges Geschwätz , ohnmächtige Bosheit aber laßt uns verachten , denn sonst erreichen ja die Menschen ihren Zweck und verbittern uns das Leben . Emilie schwieg , doch fühlte sie sich durch diese Antwort des Grafen nicht beruhigt ; auch die Gräfin sagte über diesen Gegenstand nichts mehr , aber man sah deulich , daß auch ihre Besorgnisse nicht gehoben waren . Der Graf kam auf den Obristen zurück und eilte noch alle Aufträge zu geben , um ihn am andern Morgen nach seinem neuen Wohnorte zu versetzen . Die Gräfin übernahm es , für die Einrichtung des Hauses zu sorgen , und der Graf bemerkte , die Tochter des Obristen sei ungefähr von gleicher Größe mit Emilie . So kannst Du ja leicht , liebe Emilie , sagte die Gräfin , für die nächsten Bedürfnisse Deiner neuen Freundin sorgen . Emilie hatte selbst schon diesen Vorsatz gefaßt und erröthete nun , da sie das , was sie innerlich freiwillig beschlossen hatte , als einen Auftrag zu erfüllen hatte ; es schlich ein Gefühl von Traurigkeit durch ihr Herz , das sie nicht beherrschen und sich nicht gleich erklären konnte . Man trennte sich nach dieser genommenen Abrede bald , und als Emilie einsam in ihrem Zimmer war , fühlte sie Thränen über ihre Wangen fließen , die ihrem gepreßten Herzen Luft machten . Was will ich denn , worüber klage ich denn ? sagte sie zu sich selbst ; kann denn mein undankbares Herz nicht ruhig schlagen , sich nicht befriedigt und glücklich fühlen im Kreise der besten Menschen ? Was ist es denn eigentlich , was mich schmerzt , fuhr sie in ihrem Selbstgespräche fort , Wer hat mich denn verletzt oder beleidigt ? Nein , dachte sie seufzend , Niemand hat mich verletzen wollen , aber empfinden muß ich es dennoch , daß mir nicht ein Traum von Selbstständigkeit , nicht ein Schatten von Eigenthum bleibt . Nicht einmal die Freude darf ich empfinden , die der Arme hat ,