einen versiegelten Brief . Ich griff hastig danach , denn ich war überzeugt , ich weiß nicht warum , daß er von Mellenberg sein müsse . Ich steckte ihn rasch in den Busen , und entfaltete ihn erst , nachdem der Knabe fortgegangen , denn es war mir , als läge ein großes Geheimniß hinter seinem Siegel verborgen . Endlich las ich mit Entsetzen , ohne daran glauben zu können , die folgenden Worte : » Arme Freundin ! Ich habe ein großes Unrecht an Dir begangen . Dies treibt mich von Dir , und treibt mich in den Tod . Arme Freundin ! Ich habe ein großes Unrecht an meinem Gott begangen . Nur ihm und seiner Erkenntnis hatte ich in stetem Forschen und Trachten mein Dasein gelobt . Dies Gelübde und mit ihm der Gottesfriede meines Lebens ist gebrochen . Die irdischen Gedanken sind nun über meine Andacht hergestürzt , und fangen an , mein dem Himmel geweihtes Herz zu verwildern . Ich fühle , daß ich seit der gestrigen Nacht nicht mehr beten kann . Lebe wohl ! Ich will und darf nicht mehr leben . Gott behüte und schütze und erleuchte Dich ! Mir wird er drüben verzeihen , denn ich muß vor seinem Thron erscheinen . Lebe wohl ! Lebe wohl ! Arme Freundin ! « - Ich weiß nicht , wie lange ich diese Zeilen anstarrte , aber es wurde mir so schwer , ihren Sinn zu begreifen und in mich aufzunehmen , daß sie mich anfänglich ganz kalt ließen . Dann setzte sich mein Schrecken in eine dumpfe Betäubung um , in der ich mehrere Stunden verharrte . Durch ein Geräusch wurde ich zuerst wieder erweckt . Es war meine Aufwärterin , welche mir , auf mein am Morgen gegebenes Geheiß , den Tisch deckte und das Mittagessen auftrug . Ich ließ Alles stehen , und nahm nur den Brief , um ihn noch einmal zu lesen . Dann ergoß sich meine Brust in ein langes , unendliches Weinen , das nicht aufhören und nachlassen wollte . Ich wußte nicht , was ich beginnen sollte . Nicht einmal getraute ich mir , mich von meinem Zimmer zu entfernen , wie ein banges Kind , das im Dunkeln keinen Schritt zu thun wagt . Es schien mir , als müsse draußen etwas Entsetzliches sich zusammengerottet haben , wie eine Verschwörung wider mich , aus der ich mit meinem Leben nicht wieder entkommen würde . Und zugleich fühlte ich in diesem Augenblick - fast stärkte mich die Wahrnehmung - wie sehr mir noch immer das Leben lieb sei . Ich saß den ganzen Nachmittag , und es wurde Abend . Zuweilen schmeichelte ich mir sogar mit der Vorstellung , daß nur ein Augenblick der Hypochondrie , wie ich wohl früher hinundwieder ihn davon befallen gesehn , ihn diesen Brief schreiben ließ , ohne daß es in der Wirklichkeit zu dem Schrecklichen käme , das darin angedeutet wurde . Endlich , als die Abenddämmerung mein Zimmer immer mehr verdunkelte , und die Einsamkeit um mich her banger und unerträglicher wurde , ergriff mich ein unbeschreibliches Zagen . Ich konnte es nicht mehr allein mit mir aushalten , und beschloß , die Tante aufzusuchen , um zu sehen , was vorgehe , was beschlossen worden , was mir bevorstehe . Langsam schlich ich durch den Gang hin , welcher mein Zimmer von den ihrigen trennte , Alles war still und lautlos , und das ganze Haus kam mir wie verlassen und ausgestorben vor . In den vorderen Zimmern fand ich Niemand , und von der Gasse herauf schlug ein dumpfer , ungewöhnlicher Lärmen an mein Ohr . Ich erbebte in meinem Innersten , ich war krampfhaft gespannt auf das Entsetzlichste , das sich , wie ich überzeugt war , irgendwo jetzt ereignet haben müßte . Ich eilte in die Küche , und erfragte von einer halbtauben Magd mit großer Anstrengung so viel , daß die Tante bereits seit Mittag das Haus verlassen und noch nicht wieder zurückgekehrt sei . Drüben auf dem Altmarkt aber wäre ein Volksaufruhr ausgebrochen . Ich sprang rasch wieder nach vorn , riß die Fenster auf , und blickte auf die Straße hinunter . Eine dichtgedrängte wogende Menge bewegte sich in schwarzen Massen auf und nieder , man konnte nichts unterscheiden , und Alles floß in einem wilden Geschrei , mit einem hohlen , gleich Gespenstern durch die Gassen laufenden Gemurmel ineinander . Von dem Markt schien ein heller Lichterschimmer herüber . Da erdröhnte die Lärmtrommel , daß ich vor Schrecken aufschrie , und mir nach dem Herzen greifen mußte . Ich wähnte meiner Tage und der ganzen Welt Ende herangekommen , meine ungewisse Angst ließ mich die ungeheuersten Schrecknisse glauben . Hier allein vermochte ich nicht zu bleiben , ich fühlte bei weitem mehr Muth dazu , mich unten in die Nähe des dichtesten Getümmels zu wagen . Mein verzweifelter Entschluß trieb mich hinunter . Ich warf rasch einen Shawl über , und stürzte die Treppe hinab . Vor der Thür blieb ich stehen , und eine Schaar dort versammelter Menschen nahm mich alsbald , ehe ich es gewahr wurde , in ihre Mitte . Niemand merkte auf mich , und ich suchte mir aus den verworrenen Reden der Leute zu entnehmen , was vorgegangen sein möchte . So viel verstand ich , daß das Volk durch die Nichtachtung , welche die obern Behörden dem heutigen kirchlichen Fest bewiesen , zuerst in Aufregung gerathen war . Es hatte sich auf dem Markt versammelt , der fast ringsum feierlich erleuchtet worden , und auf dem nur das Rathhaus dunkel und ohne ein festliches Zeichen blieb . Wilder Ausruf erscholl von allen Seiten , und die gereizte Stimmung steigerte sich immer mehr . In einem Hause waren Luthers und Melanchthons Bildnisse an den Fenstern ausgestellt , und zugleich hatte man in der Nähe desselben , man wußte kaum woher , Spottlieder vernommen , welche die erhitzte Menge auf ihre Glaubenshelden bezog . Nun hörte