tausend , tausend Bürden des Lebens und des Urtheils , zu schwer , als daß ihm noch die alte rigorose Strenge verblieben wäre ... Auf Paula vorhin sich niederwerfen , sie durch Küsse aus den Banden der dämonischen Mächte wach rufen - wenn er das gekonnt hätte ! ... Alles hatte ihn gezogen , es zu wagen - nun durfte er doch in die friedenbringenden Arme eines Weibes sinken ... Mit überströmender Rührung war er dem Diener gefolgt , der ihn weiter auf den Corridor hinausführte ... Die andern Begleiter , die heilige Weihe des Augenblicks erkennend , ließen ihn allein vorschreiten ... Der Diener öffnete eine der Thüren , über denen alte Wappen und Jagdtrophäen hingen ... Bewußtlos , nichts von der Umgebung , selbst nicht sogleich die Mutter ganz wiedererkennend , lag Bonaventura an einem Frauenherzen ... Er , der Mann , weinte wie ein Kind ... die Stätte durfte er geweiht nennen , wo er die Thränen über all die Empfindungen niederlegte , die seit dem immer höher und höher sich steigernden Reichthum seiner schmerzlichen Lebenserfahrungen sich in ihm ansammelten ... Die Mutter selbst war fast befremdet von der Weichheit seiner Stimmung ... Sie hatte solche Begrüßung nicht erwartet nach der Abneigung und dem strengen Urtheil , das ihr vom Sohn über ihre zweite Vermählung bekannt war . Sie wußte eben nicht , wie im Menschenleben oft ein aufgesammeltes Bedürfniß sowol der Liebe , wie des Hasses demjenigen andern zu Gute oder zu Schaden kommt , der uns dann gerade zuerst begegnet und so begegnet , daß nur ein geringstes Wegnehmen von der schweren Last des Vorraths in unserer dafür zu eng gewordenen Seele das Nachstürzen auch alles übrigen bedingt ... Frau von Wittekind war eine Frau hoch und schlank wie ihr Sohn ... Ihr Haar war noch dunkel ... Ihr Auge besaß eine energische Schärfe ... Beim Lächeln der Freude , das sich in die Rührung mischen durfte , zeigte ihr Mund noch wohlerhaltene Zähne ... Das Schwarz ihres Kleides stand ihr , wie wenn sie es auch zur Hebung ihrer reinen weißen Haut hätte gewählt haben können ... Die Finger waren wohlgerundet ... Die ganze Art hatte etwas Vornehmes und abgeschlossen Sicheres ... Besaß sie etwas ursprünglich Kaltes , so wurde dies durch die ergreifende Situation jetzt nicht ersichtlich ... Sieben Jahre ! ... begann sie ... Und du , mein Bona , mein Priester ! ... Und Domherr schon ! ... Und doch bist du immer , immer so kalt gewesen - deiner Mutter ? ! Schon war Bonaventura gefaßter ... Er setzte sich mit der Mutter auf ein kleines Kanapee ... Es war ein rings mit alten Landschaftsbildern geziertes , behaglich enges Zimmerchen ... Umher blieb es still und ohne Störung ... In jungen Jahren haben wir immer viel heroischere Ideen als im Alter ! sagte Bonaventura niederblickend ... Nennst du dich alt , mein Sohn ! erwiderte die Mutter und streichelte die Wange des Erröthenden ... Zugleich wich sie dem von ihr angeregten Thema der bisherigen » Kälte « wieder aus ... Vom Onkel Dechanten , von Frau von Gülpen , von der alten Renate , von Bonaventura ' s Hausstand , von Benno war die Rede ... Frau von Wittekind lebte in völlig neuen Verhältnissen , hoffte nun aber eine innigere Anknüpfung derselben wieder an das alte Vergangene ... Wird der Präsident auf seinen Posten zurückkehren ? fragte Bonaventura ... Nein , mein lieber Sohn ! sagte die Mutter . Die Güter , die der Vater hinterlassen hat , sind so umfangreich , die Bewirthschaftung ist in den letzten Jahren , wo die Wunderlichkeiten des Alten über alles Maß gingen , so vernachlässigt worden , daß es Wittekind ' s ganzer Kraft bedarf , um alles auf der gebührenden Höhe zu erhalten ... Dann gibt er eine glänzende Aussicht auf Staatswirksamkeit auf ! sagte Bonaventura . Oft hatte man geglaubt , gerade seine Hand würde stark genug sein , das Gubernium der aufgeregten westlichen Provinzen zu übernehmen ... Wir haben darüber ernste Berathung gepflogen ! entgegnete die Mutter . Meinem Gemüthe widersprach schon lange die falsche Stellung , in die er seinem Glauben gegenüber gerieth ! Mit dem Vorangegangenen wird er brechen und sich dem Geist anschließen , der in diesen Gegenden herrscht . Es liegt darin für mein Herz eine tiefe Beruhigung ! Soweit ich unsern Volksstamm kenne , wird es einige Mühe kosten , das gegen ihn herrschende Mistrauen zu widerlegen ! sagte Bonaventura aufhorchend . Zumal , da Herr von Wittekind - Bonaventura konnte nicht » Vater « sagen - in dem Rufe steht , seine frühere Stellung ganz mit Ueberzeugung ausgefüllt zu haben ... Wohl ! sagte die Mutter . Wittekind ist eine praktische Natur , wie in gewissem Sinn es auch sein Vater war ... Er liebt den Ruhm , vielleicht nur den Ruhm als gerechte Belohnung seiner Thätigkeit . Doch gibt er , soweit es geht , in vielem mir nach . Schon lange litt ich unter seinem Eifer für Administration und Beamtenthum . Jetzt hat er eine entsprechende Beschäftigung und wird , soweit ich ihn kenne , mit Behutsamkeit einlenken auf die neue Bahn , die auch seinem Gemüth eine größere Ruhe geben muß . Denn ebenso gut und weich kann er sein , wie er großmüthig und aufopfernd schon zu allen Zeiten war ... In den letzten Worten lag eine rechtfertigende Erinnerung an Bonaventura ' s Vater , an seine Flucht , seinen Tod ... Als Bonaventura schwieg , nahm die Mutter diese Erinnerung von selbst auf ... Sie ergriff des Sohnes Hand und sprach mit einer Fassung , die , so schon nach der ersten Rührung des Wiedersehens kommend , überraschen konnte : Du bist reifer geworden , mein Bona ! Du hast die Welt schon in anderm Lichte gesehen , als damals , da der Eindruck meiner Wiederverheirathung dir so befremdlich war ! O , nenne mich keine Schuldige ! Beurtheile mich nicht so hart , wie der damalige Generalvicar ,