Levinus heute nicht den Gefallen , bei dem reinen Sein der Dinge zu bleiben , sondern fuhr fort : Bienenstöcke sieht sie zwischen den mächtigen Bäumen ! ... Das sind Kastanienbäume ! ... Sie kennt sie ! ... Die blühen schon ! Die rothen Pyramiden ! Und die Mandelbäume , die blühten gar schon ab ! ... Die Bienen umschwärmen sie ! ... Und immer , immer läutet die Glocke ... Nun sucht sie die Glocke ... sie hängt ja an einem Ast der Bäume , dicht vor der Hütte von Moos ! ... Onkel Levinus schien betroffen , daß sich in der Sphäre des reinen Siderismus heute soviel tellurische Ueberbleibsel finden sollten ... Es ist ja fast - wie in - Italien ! ... bemerkte inzwischen Terschka ... Italien ! ... Dies Wort genügte den Damen im Grunde noch mehr , als das reine Sein ... Was führte die Seherin nach Italien ? ... Paula konnte mit irdischen Augen bis nach Italien sehen ? ... Die Messe liest er nicht ! ... - sprach Paula nach einer Weile , während alles lauschte und Onkel Levinus noch immer nicht an eine Versetzung der Anschauungen Paula ' s nach Italien , sondern nur ins Geisterreich selbst glaubte ... Mit ganz lauter und bestimmter Anrede fragte er die Schlummernde jetzt : Wer ? ... Der Eremit ! antwortete Paula ... Sieht sie denn einen Eremiten ? fuhr der Onkel fort , mit scharfer Betonung , etwa in der Art , wie ein Arzt mit einem Typhuskranken spricht ... Mit weißem Bart ! antwortete Paula kindlichsten Gehorsams ... Ein heiliger Gesang wallt herauf ... Sie tragen Fahnen - Es ist eine Procession ! wagte sogar ein Kanonikus aus Witoborn jetzt laut zu äußern . Vielleicht war auch er geneigt , eher an die Sphäre des reinen Seins , als an Italien zu glauben und in der Procession einen Beweis für die Rechtgläubigkeit des Himmels zu finden ... Sie sieht keine Bilder , keine Fahnen ... antwortete Paula ... Sie kommen in der Hand mit Büchern ... Größer sind sie als die Breviere ... viel größer ... Triumphirend blickte der Onkel um sich . Die Geistlichen und die Frauen erhielten wieder einen Anhalt für das Jenseits ; denn ohne Zweifel waren diese großen Bücher , wenn nicht die Gesetzestafeln des Moses selbst , doch Schriften der Kirchenväter oder Missalien , die Paula in den Händen der rechtgläubigen , geisterhaften Gestalten sah ... Sie lesen in den Büchern ! ... fuhr die Schlafende fort ... Der Mann mit weißem Barte erklärt sie ... » Gott ist ein Geist « , spricht er , » und die ihn anbeten , müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten ! « Die sanfte Stimme ! ... Bonaventura stand athemlos . Sein Blick fiel auf Terschka , der ihm voll Erstaunen zuflüsterte : Ich glaube die Gegend zu kennen ... All die Blumen und die Käfer und die Bienen summen ! ... Wie grün ist das ! ... Smaragdgrün ! Wie wenn in unserm Buchenpark die ersten Frühlingslauben sich wölben ... Aber das sind nun Eichen ! ... Tief unten ist alles so milde , so weich und sanft ... Wer ist der Redner ? fragte Onkel Levinus scharf ... Die Frauen erwarteten keine andere Antwort , als : Gott der Herr selbst ! Sie kennt ihn nicht ! ... sagte Paula ... Das Sprechen in der dritten Person hatte etwas Gespenstisches , das niemanden mehr bewegte als Bonaventura . Armgart ' s fortgesetztes Bitten lehnte er mit der Hand ab . Doch kaum sah Armgart dies Vorstrecken seiner Hand , so erhob sich das phantastische Mädchen , ergriff sie und wollte ihn dem Lager näher ziehen ... Bonaventura machte nun in der That ein Kreuz über die ganze Länge der in schwarzer Seide gekleideten , in rührender Halbbewußtlosigkeit daliegenden , fieberhaft angehauchten Gestalt der Gräfin und trat wieder zurück ... » Herr , wie so lange ! « sprach jetzt Paula mit erhöhter Kraft . » Auf , schlage ihn , denn das ist der Tag , an welchem der Herr hat übergeben deinen Feind in seine Hand ! « Die Hand auf das Buch hält er ! ... Hält es hoch empor ! ... » Siehe , der Winter ist vergangen , der Regen ist weg und dahin ! « » Der Odem Gottes weht über die Lande ! « ... Sie kann jetzt nicht hören ... Die Frauen weinen ... Die Männer reichen sich die Hände ... Jetzt - jetzt - Ein Kelch - geht - um ... Ein einziger Ton des Schreckens unterbrach Paula ' s Vision ... Ein Kelch geht um ? Das mußte eine Versammlung von Ketzern sein ! ... Das war die gemeinsame Empfindung ... Sie trinken alle daraus ! fuhr Paula mit Bestimmtheit fort ... Einige der Frauen , die sich gesetzt hatten , erhoben sich ... Andere , die standen , mußten sich nach Sesseln umsehen . Die Geistlichen blickten fragend bald auf Bonaventura , bald auf den Onkel Levinus , der gewissermaßen für alle diese Dinge die Verantwortlichkeit zu übernehmen hatte ... Es ist , sagte Paula - nicht die Messe - In Bonaventura ' s Innerm war es , als fühlte er die Erde unter sich wanken ... Paula sprach wie seine innersten Gedanken aus ... Das Buch ist die Bibel ! sagte Paula ... Der Schrecken vermehrte sich ... Der schöne Pokal ! ... Von rothem Krystall ! ... Wie Blut ? ... Ja er sagt : » Noch wird es in Strömen fließen , bis deine Burg , o Herr , Zion , deine Zinne , erobert ist ! « ... Er ergreift den Kelch ... Die Hand ist so weiß ... wie der Schnee der Alpen ... dort oben ... Längst zitterte schon in Bonaventura die Erinnerung an den geheimnißvollen Brief , den er empfangen , die Einladung , einst unter den Eichen von Castellungo zu erscheinen , dort ein neues Martyrium anzutreten