nicht rechnen . Er selbst war dem Könige ganz unbekannt , und sein Vater hatte seit dem Religionswechsel der Baronin Angelika die Gunst des streng protestantischen Herrschers nicht mehr besessen . War dem jungen Freiherrn daran gelegen , sie wieder zu erwerben , so bot sich ihm , bei der entschiedenen Vorliebe , welche der König für den Soldatenstand hegte , in dem Heere die beste Gelegenheit dazu ; kurz , Renatus mochte die Sache ansehen , wie er wollte , er konnte nach seiner Ansicht gar nichts Angemesseneres thun , als im Heere bleiben ; und in diesem Falle war der Verkauf der Nebengüter , die Verpachtung von Richten durch die Umstände geboten und nothwendig , und das Nothwendige mußte er thun , gleichviel , wer es ihm zuerst als ein solches dargestellt hatte . Es war am Abende , als der Reitknecht seines Freundes mit dem von Richten herbeigeholten Mantelsacke des jungen Freiherrn nach Brastnick wiederkehrte . Er brachte ihm ein kurzes Schreiben der Gräfin Rhoden mit . Renatus saß in dem Familienkreise seines Gastfreundes beim Abendessen , als der Diener ihm den Brief aushändigte . Er erkannte die Handschrift und steckte ihn in die Brusttasche . Ein Billet-doux ? scherzte der Hausherr . Durchaus nicht ! entgegnete Renatus , nur irgend eine Nachricht von meines verstorbenen Vaters alter Freundin , von der Gräfin Rhoden ! Erst später in der Nacht , als Renatus sich in seinem Zimmer allein befand , die Männer hatten lange beim Weine gesessen , öffnete er den Brief der Gräfin . Er enthielt nur die wenigen Reihen : » Wenn Sie diese Zeilen erhalten , wird meine Tochter Richten bereits verlassen haben . Mit welchen Empfindungen ich Ihnen dieses schreibe , sage Ihnen Ihr eigenes Herz . Ich habe mir erlaubt , meine Tochter in Ihrem Wagen nach Ramsdorf fahren zu lassen : sie wird ihre Freundin in das Stift begleiten . Für einige Tage bin ich , wegen der Ordnung meiner Angelegenheiten , noch auf Ihre Gastfreundschaft angewiesen , die mir jetzt nicht leicht zu tragen sein wird ; und ist es mit Ihren Geschäften nicht unvereinbar , so wäre es vielleicht für uns Alle eine Erleichterung , wenn Sie den Besuch bei Ihrem Freunde so lange ausdehnen wollten , bis ich mit meiner jüngeren Tochter Ihr Schloß verlassen haben werde . Ich will dazu thun , diesen Zeitpunkt möglichst zu beschleunigen . « Anrede und Unterschrift waren durchaus förmlich gehalten , aber in der Stimmung , in welcher Renatus sich befand , focht der Brief ihn wenig an . Man hatte mit ihm über seine in Aussicht stehende Heirath mit der ältesten Gräfin Rhoden gescherzt , und er hatte alle darauf hinzielenden Bemerkungen mit der Versicherung zurückgewiesen , daß davon gar nicht die Rede sei . Als man derselben nicht glauben wollen , hatte er unumwunden eingestanden , daß er vor dem Feldzuge allerdings eine Anhänglichkeit für sie gehabt habe , aber die Gräfin sei ja älter als er , sei kränklich , und daß nach seiner Heimkehr von jener blöden Jugendschwärmerei nicht mehr die Rede gewesen sei , könne man am besten daraus abnehmen , daß er sich eben noch völlig frei befinde , während ihn doch nichts abgehalten haben würde , sich zu verloben und zu verheirathen , hätte er dazu irgend einen Antrieb in sich verspürt . Er rühmte dabei die Mutter als seine älteste und theuerste Freundin , welcher Gastfreundschaft zu gewähren ihm ein Glück gewesen sei . Er sprach von den unschätzbaren Eigenschaften der ältesten Tochter , erwähnte der ihn entzückenden Fröhlichkeit der jüngeren Gräfin , sagte , daß er die beiden Schwestern wirklich als seine eigenen Schwestern liebe , und die Aufnahme , welche diese Ansprüche bei seinen Genossen fanden , ließ ihn deutlich erkennen , daß man im Allgemeinen seine Verheirathung mit Hildegard als eine unpassende betrachtet haben würde . Man bezeichnete eine solche Zufriedenheit , sich in der Voraussetzung getäuscht zu haben , daß Renatus sich in der Ueberzeugung bestärkte , das Richtige und das Berechtigte gethan zu haben ; und wie man ihm von verschiedenen Seiten zu dieser und zu jener Heirath anrieth , ihm diese und jene Tochter aus den Familien des benachbarten Adels als die für ihn schickliche Frau bezeichnete , genoß er seiner Freiheit mit wirklichem Vergnügen , obschon keines der erwähnten Mädchen den Wunsch , es zu besitzen , in ihm hervorrief . Auch am Morgen , als er frischen Sinnes erwachte , fühlte er keine Reue über seine Handlungsweise . Er beklagte Hildegard , als ob er gar nicht an ihrem Mißgeschicke betheiligt wäre , und als er dann den kleinen Brief der Gräfin wieder in die Hand nahm , that es ihm leid , daß diese von ihm gehen wollte . Er hatte eine Weile sogar den Gedanken , noch an demselben Tage nach Hause zu reiten , um es zu verhindern ; aber das Wiedersehen nach dem eben Statt gehabten Bruche und die unvermeidlichen mündlichen Erklärungen mußten nothwendig eine erschütternde Scene herbeiführen , eine jener Scenen , vor denen Renatus eine wahre Scheu trug . Er beschloß also , schriftlich abzumachen , was er der Gräfin zu sagen wünschte , und wie sie sich kurz zusammengefaßt hatte , that er es auch . » Meine theure Mutter ! « schrieb er ihr , » denn eine Mutter sind Sie dem verwaisten Knaben ja gewesen , lange ehe er daran denken konnte , diesen Namen durch ein engeres Anschließen an Sie sich zu verdienen , gehen Sie nicht im Unmuthe von mir fort . Der Bruch , der gestern geschehen ist , wie plötzlich er Ihnen auch erschienen sein mag , war nach meinem Empfinden längst ein nothwendiger geworden , und ich zweifle nicht , daß selbst Hildegard und Sie ihn als einen solchen anerkennen müssen . Wenn mich mit Recht der Tadel trifft , daß es mir an Muth gefehlt hat , gleich , als ich den Irrthum meines Herzens einsah , und das ist