Brust nicht fehlen . Leben Sie wohl , mein theurer , väterlicher Freund ! Sie haben mir einst gestanden , daß ich Ihnen den Glauben an die höchsten Güter des Menschen wiederzugeben so glücklich gewesen bin , und Sie haben mir damit einen Trost gewährt , an dem ich mich jetzt oft zu halten genöthigt bin , wenn mein ganzes Dasein mir als ein verfehltes vorkommt , wenn ich mich frage : Wozu habe ich gelebt und wozu soll ich leben ? - Ihnen , mein Freund , bin ich doch etwas werth , zu etwas gut gewesen , und ich weiß Ihnen für die Ermuthigung , welche diese Gewißheit mir gewährt , nicht besser zu danken , als indem ich Ihnen mich mit allem meinem Kummer nahe . Nehmen Sie , der , wie Sie mir selber sagten , das Leben von seinen Höhen bis zu seinen Tiefen kennt , und den diese Kenntniß nachsichtig gemacht hat , nehmen Sie mich duldsam auf und denken Sie in irgend einer guten Stunde an die arme Hildegard . « Siebentes Capitel Man soll im Zorn nicht handeln , im Zorn keine Entschlüsse fassen ! so lautet eine alte Regel ; aber jede Regel scheint nur um ihrer Ausnahme willen da zu sein , und Jeder erfährt es wohl einmal in seinem Leben , daß sein Zorn ihn aus dem trägen Gange seiner Unentschlossenheit emporgerissen , und ihn wie mit einem heftigen Spornstoße zu einem Ansprunge und in einen neuen Weg getrieben hat , den eingeschlagen zu haben man sich später freut . Renatus wenigstens meinte , an sich eine solche Bemerkung machen zu können . Sieben ganze Jahre hatte er sich in dem völlig unwahren Verhältnisse zu Hildegard bewegt , weil er sich es beständig vorgehalten , daß es einem Manne , einem Edelmanne , nicht anstehe , ein gegebenes Wort zu brechen . Nun es geschehen war , nun da er Hildegard , er täuschte sich darüber nicht , endlich dazu genöthigt hatte , ihn seiner Verpflichtung gegen sie zu entlassen , nun fühlte er sich so leicht , so frei , und trotz seines edelmännischen Bewußtseins so völlig in seinem Rechte , daß er dieses Wohlbehagens nicht wieder verlustig zu werden wünschte . » Mag zum Teufel gehen , was nicht mehr zu halten ist ! « hatte er in seiner Entrüstung zu Hildegard gesagt , und je mehr er auf seinem Ritte darüber nachsann , um so mehr beschloß er , jenen in der Zorneshitze gethanen Ausspruch zu einer Wahrheit zu machen . Es war sein beeinträchtigtes Menschenrecht , das ihm jene Worte eingegeben hatte ; weßhalb sollte er anstehen , es zu wahren ? - Die Zeiten , in welchem der Adel selbstherrlich auf seinen Gütern gesessen hatte , waren in seinem Vaterlande für immer dahin . Er hatte keine Unterthanen mehr , die von ihm abhingen und über die er zu Gericht saß . Er und sie waren gleichmäßig Bürger des Staates geworden , fast in allen Fällen derselben Gerichtsbarkeit unterworfen ; aber Einen Weg gab es noch , auf welchem der Edelmann sich der Vorrechte seines Standes , denn solche waren freilich noch genug vorhanden , voll bewußt werden konnte : es war die militärische Laufbahn . Der Offizierstand war noch eine besondere Kaste , der Offizier hatte noch seinen besonderen Gerichtsstand , und je mehr die bürgerliche Gesellschaft seit der französischen Revolution im Staate an Bedeutung gewonnen , um so entschiedener hatten in Deutschland , und namentlich in Preußen , die Edelleute sich im Heere zusammengeschlossen . Weßhalb sollte Renatus sich mit der Sorge für einen großen , ihm zwar Ansehen verleihenden , aber auf lange hinaus keine Vortheile versprechenden Besitz belasten , wenn Ansehen und Ehre ihm schon aus der großen Adelsverbindung im Heere erwuchsen , der er sich auch künftighin nur anzuschließen brauchte , um neben seinen angeborenen Ehren auch noch der ganz besonderen sogenannten militärischen Ehre theilhaftig zu werden und für sich eine Menge von Rechten und von Schranken aufgerichtet und benutzbar zu finden , die alle darauf berechnet waren , auf künstliche Weise dem Adel jene bevorzugte Stellung zu erhalten , die auf natürliche Weise vor dem Urtheile der gesunden Vernunft und vor dem Bewußtsein des Bürgerstandes nicht mehr zu behaupten war . Sein Vater hatte die Güter mit Schulden belastet , hatte des Sohnes mütterliches Erbe aufgezehrt ; aber er hatte ihn , wie Renatus jetzt erkannte , wahrscheinlich eben deßhalb frühzeitig in das Heer , als in die ihm angemessene Laufbahn , eingeführt . Es war nicht des jungen Freiherrn Schuld , wenn seine Vorfahren nicht durch Stiftung eines Majorats der ungemessenen Willkür des Einzelnen Schranken gesetzt hatten , es konnte also auch nicht seine Pflicht sein , herzustellen , was er nicht zerstört , aufzurichten , was er nicht untergraben hatte . Es war genug , daß er unter der Verschwendung seines Vaters litt , daß er Fehler büßte , die er nicht begangen hatte . Und endlich , was änderte sich denn in seiner Stellung , wenn er jene Rathschläge befolgte , welche ihm von Erfahrenen gegeben worden waren ? Er blieb der Freiherr von Arten-Richten , gleichviel , ob zu diesem Richten noch Neudorf und noch Rothenfeld gehörten oder nicht . Und wenn es vollends möglich war , sich durch Entäußerung der beiden andern Güter mit weniger Sorgen zu einem größeren Wohlstande als dem gegenwärtigen emporzuarbeiten , so wäre es ja gegen alle Klugheit und Vernunft gewesen , sich nicht dazu entschließen zu wollen . Er war in heftiger Aufregung von seinem Hofe fortgeritten ; aber je weiter er sich von demselben entfernte , je mehr ließ er dem Pferde Freiheit , seinen Schritt zu wählen , und während er so langsam durch den Wald hinritt , gediehen seine Meinungen und Vorsätze immer mehr zur Reife . Auf den Beistand des Königs , auf den Hildegard und sein Oheim ihn hingewiesen und den zu erbitten , beide ihm Hoffnung gemacht hatten , durfte er jetzt