seiner Unterlippe nagend . Er drückte der schönen Braut herzlich die Hand , sprach einige Worte mit dem alten Herrn Hammer und winkte alsdann Schwindelmann und Schellinger , die sich für eine kleine halbe Stunde entschuldigten und dann mit ihm fortgingen . Es war in später Nachmittagsstunde , und die Drei schritten neben einander durch die Straßen dahin , Richard aufrecht in der Mitte , zu seiner Rechten Schwindelmann , der besonders wehmüthig gestimmt war und von Zeit zu Zeit heftig schluckte , zu seiner Linken der Garderobe-Gehilfe , welcher den Oberkörper vornüber hielt und seiner Gewohnheit gemäß die Hände auf dem Rücken hatte . Schweigend gingen sie so mit einander fort , durch eine Straße um die andere , endlich durch das Thor , bis sie einige hundert Schritte vor demselben an ein eisernes Gitter kamen , durch welches man allerlei Kreuze und Steine blinken sah . » Folgt mir nur , « sagte Richard mit leiser Stimme , » ich weiß schon , wo sie liegt . « Damit schritten sie über die Gräber dahin und kamen endlich an einen kleinen Hügel , auf welchem ein einfaches Kreuz stand , über das ein frischer Immergrünkranz hing . Hier blieben alle Drei mit gefalteten Händen stehen , der alte Schellinger zog die Augenbrauen in die Höhe und bemühte sich , seine Wehmuth zu verbergen , während dem weicheren Schwindelmann die Thränen über die Wangen herabtropften . Der Himmel war den ganzen Tag mit finstern Wolken bedeckt gewesen , die sich jetzt eben am Horizont ein wenig erhoben und der glühenden Abendsonne erlaubten , einen letzten glänzenden Blick auf das einsame Grab zu werfen . Dabei erhob sich ein leichter Wind , der Kranz von Immergrün rauschte . - - » Amen ! « sprach Richard . Dann bückte er sich nieder , brach ein paar Zweige Immergrün ab und nahm eine Hand voll Erde von dem Grabe . » Das soll man mir später einmal in das letzte Kopfkissen nähen , « sagte er dann . Schwindelmann wischte sich die Augen , und als sich die Drei zum Weggehen anschickten , zeigte er auf ein eingesunkenes Grab , nicht weit von dem anderen und sagte : » Dort liegt die arme Nähterin , wißt ihr , dieselbe , der ihr damals geholfen , ihr Kind wieder zu verschaffen . « » Wo ? « fragte der Zimmermann . » Hier , Richard . « Da war kein Kreuz zu sehen , nur ein kaum bemerklicher Erdhügel ohne Blumen , selbst ohne Gras . » Wo ist denn das Kind geblieben ? « fragte Richard nach einer Pause . » O es ist gut versorgt worden , « entgegnete Schwindelmann . » Herr Arthur Erichsen hat sich seiner angenommen und es geht ihm ganz vortrefflich . « Bei diesen Worten zuckte ein gewaltiger Schmerz auf dem Gesichte Richards , und er sprach mit dumpfer Stimme : » Die Marie hat mir einmal erzählt , daß jene Nähterin ihr gesagt : Wenn du einmal glücklich verheirathet bist und du siehst mein armes Kind an einer Ecke stehen , so schenke ihm ein Almosen . - O Gott ! und nun liegen Beide hier ! « Schweigend , wie sie gekommen , schritten die Drei wieder nach der Stadt zurück , durch die dunkeln Straßen bis an den Gasthof , wo die Hochzeit gehalten wurde . Hier war es glänzend erleuchtet , und lustige Tanzmusik schallte in die Nacht hinaus . » Ich mag nicht mehr hinauf gehen , « meinte Richard ; » sagt meinem Vater , daß ich ihn zu Haus erwarte . Euch seh ' ich auch wohl noch . Um elf Uhr fährt der Wagen ab , und bis dahin wird die Geschichte oben fertig sein . « Er reichte Beiden eine Hand , und schritt alsdann , ohne sich umzusehen , nach Hause . * * * Die freundlichen Leser einer längeren Geschichte wie die vorliegende sind den Theilnehmern an einer Landpartie zu vergleichen . Beim ersten Grauen des Morgens , sobald man die Thore der Stadt hinter sich hat , hier beim Anfang des ersten Kapitels , ist die Schaar der Lustwandelnden dicht geschlossen ; wohlgeordnet und emsig geht es fort über Berg und Thal , Sonnenschein oder Regen entgegen , und wie dort das lachende , muntere Völkchen über die heiße Chaussee dahinzieht oder durch den Schatten des Waldes , so laufen hier emsig die blitzenden Augen über die Blätter des Buchs , durch die Linien frisch und wohlgemuth . Bei manchem der da draußen Wandelnden ebenso wie bei den Lesern ist indessen der Reiz der Neuheit bald vorbei ; sie blicken seufzend auf den Weg , den sie noch zurückzulegen haben , und die bunten Bilder , die sich vor ihnen aufrollen , sind ihnen schon entleidet . Diesem ist die Fläche , die er durchwandern muß , zu einförmig , Jenem zu abwechselnd ; dem Einen scheint die Sonne zu hell , der Andere ärgert sich über die finsteren Wolken , die am Horizont emporsteigen , auch gefallen ihm nicht die Gesichter , die ihm begegnen , oder die Kleidung der Leute , denen sie angehören ; bald scheinen sie ihm zu geputzt , zu geziert , bald gar zu sehr bedeckt mit dem Schmutze dieses Lebens . Unmuthig seufzt der Spaziergänger auf der staubigen Straße und der Leser mit dem Buche in der Hand . Er findet Kameraden , die wie er denken und die sich stillschweigend verbinden , langsam zurückzubleiben . Manche werden schon nach den ersten Kapiteln zu Marodeurs , Andere bei der ersten Rast , hier am Schluß des ersten Bandes . Die Zurückbleibenden folgen nicht mehr dem Winke des Voranmarschirenden , sie lagern hier und dort an der Straße , und da böses Beispiel ansteckend ist , so werden der Marodeurs immer mehrere , je mehr man sich dem Ziel der Reise nähert . Viele gehen nicht weiter als bis zum Schluß des zweiten Bandes , Andere schauen