. Und wenn ich sterbe und man öffnet mir das Herz — ich glaube , man findet seinen Namen da mit glühenden Buchstaben eingebrannt . ” “ Gnädige Frau — regen sich doch nicht auf , das Kind fängt auch schon an zu weinen , ” mahnte die Bürgersfrau , welche Didi an die Hand genommen hatte . Die Daniel schluchzte auf , trocknete sich das Antlitz und zog den grauen Schleier vor . “ Warum denn auch darüber reden — es ist ja umsonst . Verzeihen Sie , daß ich Sie mit meinem Kummer belästigte . Nicht wahr — ich habe Ihr Versprechen ? ” Agathe neigte den Kopf . Die Frauen verließen mit dem Kinde das Wartezimmer . Nach einigen Minuten kamen andere Leute herein , es läutete — man rief zum Einsteigen . Frau Heidling empfing ihre Tochter auf dem Bahnhof . Während beide in Onkel Bärs großer dunkler Kalesche die aufgeweichte Landstraße entlangrollten , benutzte Frau Heidling gleich die Gelegenheit , um sich bei Agathe nach der Wäsche und den anderen häuslichen Angelegenheiten zu erkundigen . Es beunruhigte sie schon die ganzen Tage , daß sie Agathe alles allein überlassen hatte . Agathe war ja freilich ein erwachsenes Mädchen , und ihr Mann hatte Recht , wenn er ärgerlich wurde , weil sie die Reise mit ihm als ein Opfer betrachtete , und wenn er sagte , Agathe müsse doch auch lernen , sich selbständig um etwas zu kümmern . Die Regierungsrätin hatte nun einmal das quälende Gefühl , sie würde bei der Heimkehr vieles anders finden , als sie es gewohnt war und als sie es für richtig hielt . Agathe war auch so gleichgültig , so interesselos . Ihre Fragen : ob keine von den Damastservietten gefehlt habe , und ob die Mädchen abends keinen Braten , sondern Wurst bekommen hätten , beantwortete sie in einem müden , unliebenswürdigen Ton . Agathe dachte nicht daran , der Mutter von ihrer Begegnung mit der Daniel zu sagen . Sie würde sich aufregen , und Agathe war von jeher gewohnt , ihre Mutter zu schonen . Dann die Furcht , Mama möchte irgend etwas Moralisches vorbringen — etwas Tadelndes über Lutz und die Schauspielerin , oder Agathe bedauern , daß sie eine so häßliche Geschichte erfahren hatte . Und das alles war es doch gar nicht , was ihr so unsinnig weh that — nicht Abscheu — nicht tugendhafter Unwille — nur Neid — Neid — Neid ! Agathe hörte beim Abendessen ein langes und breites Gespräch : Cousine Mimi wollte Diakonissin werden , aber die Eltern wünschten , sie sollte sich die Sache noch ein Jahr überlegen . Der Regierungsrat nannte den Plan eine exaltierte Mädchenidee und sprach von dem Beruf , den die Tochter zuerst bei den Ihren zu erfüllen habe ; Agathe kam es vor , als sei sie von den Menschen , ihrem Thun und Reden und Wollen durch einen weiten , mit Nebel angefüllten Raum getrennt . Mimi begleitete sie zu ihrem Zimmer — sie hatte es auch während jenes fröhlichen Sommeraufenthaltes als Pensionärin bewohnt . Nicht das Geringste hatte sich hier verändert : dieselbe altertümliche , weiß und grün gestreifte Tapete , dieselben geraden , hochlehnigen Stühle , mit knisternd steifem , hartglänzendem Möbelkattun bezogen , der auf der ganzen Welt nur noch in den Gaststuben konservativer Landedelleute zu finden ist . Die kühle , von einem Lavendelaroma und dem Geruch der Viehställe durchzogene Luft schlug Agathe mit tausend plötzlichen Erinnerungen an die erste Jugend , an Frohsinnn und Gelächter entgegen . “ Weißt Du noch ? ” fragte Mimi und hielt die Kerze empor , einen alten , wunderlichen Kupferstich zu beleuchten . In wurmzerfressenem Mahagonirahmen Sappho , die sich flatternden Gewandes und flüchtigen Fußes mit schönem Schwunge vom leukadischen Felsen ins Meer stürzt . — Eines Tages hatten sie die Jungens hereingeholt und o — wie hatten sie mit Martin und den Kadetten über diesen theatralischen Schmerz gelacht , gekichert und gespottet . Mimi zündete ihrer Cousine das Licht an und ließ sie allein . Agathe mußte sich ruhig verhalten , denn nebenan , nahe der Thür , schliefen die Eltern . Und vor ihr lag die lange , lange , einsame Nacht . — — Das war so grauenhaft : sich vorzustellen , wie er bei einer anderen gewesen , während sie ihm gehörte mit jedem Pulsschlag ihres Blutes , dem ganzen überschwänglichen Gefühl ihres Herzens und allen Träumen ihres Hirns . . . . . . Und kein Gedanke kam von ihm zu ihr geflogen . . . . Sie glaubte seine geistige Nähe zu empfinden , und sein Kopf ruhte befriedigt auf einer weichen , atmenden Brust , sein Ohr hatte in stiller Dunkelheit dem freudewilden Herzschlag jener Frau gelauscht . Ihre geöffneten Lippen hatten den Hauch seines Kusses zu spüren gemeint , und sein Mund hatte Wonne von dem Antlitz der anderen getrunken . . . — Pfui — wie das gemein war und schmachvoll lächerlich dazu . . . Wie ihre im Todeskampf ringende Liebe geschändet wurde durch die Erkenntnis der Wahrheit , der elenden , abscheulichen Wirklichkeit . “ Hast Du Kopfweh ? ” fragte Mama Agathe , als die Verwandten sich um den Frühstückstisch versammelten . “ Ich weiß nicht — nein . ” Die Wände , der Tisch , der Stuhl , auf den sie sich setzte , alles schien leise zu schwanken . Sonderbar . . . . “ Du wirst mir doch nicht krank werden ? ” fragte der Regierungsrat besorgt . In dem heiteren Frühlingssonnenschein , der heut Morgen zu den hohen Fenstern des Gartensaals hereinglänzte , unter den vollen , gesunden Landmenschen , die in ihren Kleidern schon einen Duft von draußen — von Gras und Blumen und frischer , feuchter Erde zum Frühstück brachten , sah er mit Unzufriedenheit und verletztem Vaterstolz , wie abgemagert und dürftig Agathe vor ihm saß . Seine Tochter war ja häßlich . . . . . ein graues ,