. Es lag in diesen Melodien auch etwas von dem wilden Stürmen von Genuß zu Genuß , von dem jähen Wechsel zwischen fieberischer Aufregung und tödtlicher Ermattung , von dem Ringen nach Betäubung , die , ewig gesucht , nie gefunden wurde , und doch klang immer und immer wieder etwas Mächtiges , Ewiges hindurch , das nichts gemein hatte mit jenem Elemente , das mit ihm kämpfte , sich darüber erhob , um schließlich doch wieder darin unterzugehen . – Aus den Gärten stiegen die Orangendüfte empor und flutheten herein durch die weit geöffneten Balconthüren und wehten berauschend hin durch das Gemach . Klar , voll unendlicher Schönheit und unendlichen Friedens lag der Mondesglanz über der ewigen Stadt , und im bläulichen Nebeldufte verschwand die dämmernde Ferne . Träumerisch rauschte die Fontaine dort unten inmitten der Blüthenbäume , und das Licht , das in den fallenden Tropfen glänzte , erhellte jetzt auch in vollster Klarheit die ganze Reihe der Gemächer mit ihren Kunst- und Marmorschätzen ; es beleuchtete das Bild in dem reich vergoldeten Rahmen , so daß die dämonisch schöne Gestalt da oben zu leben schien , und fiel auf das Antlitz des Mannes , dessen Stirn inmitten all dieser Schönheit und all dieses Friedens so schwer umdüstert blieb . Freilich , es lagen Jahre zwischen jenen langen nordischen Winternächten , in denen der junge Künstler seine ersten Compositionen schuf , und dieser duftigen Mondnacht des Südens , in welcher der hochgefeierte Rinaldo das Hauptthema seiner Oper in unendlichen Variationen wiederholte , und wohl noch vieles Andere , was schwerer wog , als die Jahre allein . Und doch versank das Alles in dieser Stunde . Leise kam die Erinnerung gezogen und ließ längstvergangene Tage wieder aufleben , längstvergessene Bilder wieder hervortreten , das kleine Gartenhaus mit seinen alterthümlichen Möbeln und der dürftigen Weinranke über dem Fenster , das armselige Stückchen Gartenland mit den wenigen Bäumen und Gesträuchen und den hohen gefängnißartigen Mauern ringsum , das enge , düstere Haus mit dem so tief gehaßten Geschäftszimmer . Matte farblose Bilder – und doch wollten sie nicht weichen , denn über ihnen schwebten lächelnd ein paar große tiefblaue Kinderaugen , die dem Vater nur dort geleuchtet hatten , und die er hier , in dieser Umgebung voll Poesie und Schönheit , vergebens suchte . Er hatte sie so oft gesehen in dem Antlitze seines Kindes , und dann auch einmal noch – anderswo . Die Erinnerung daran war freilich halb verweht , fast vergessen , hatten sie sich ihm doch nur auf einen Augenblick gezeigt , um sich dann wieder zu verschleiern , wie sie es jahrelang gethan , aber diese Augen waren es doch , die ihm allein vorschwebten , als sich jetzt aus dem Wogen und Wallen der Töne eine zauberisch süße Melodie emporrang . Es sprach ein unendliches Sehnen daraus , ein Weh , das die Lippen nicht aussprechen wollten , und es schlug die Brücke hinüber zu der fernen , fernen Vergangenheit . Jetzt hatte der Genius die Fesseln gesprengt , die ihn damals drückten und einengten ; jetzt stand er oben auf der einst erträumten Höhe . Was Leben und Glück , was Ruhm und Liebe nur zu geben vermochten , das war ihm zu Theil geworden , und jetzt – wie ein Sturm brauste es wieder empor aus den Tasten , wild , leidenschaftlich , bacchantisch , und daraus hervor klagte immer wieder jene Melodie mit ihrem ergreifenden Weh , mit ihrem ruhelosen , nie gestillten Sehnen . „ Ich fürchte , unser Signor Capitano hält es nicht lange aus in Mirando . Es ist gefährlich , daß er hier fortwährend seine See vor Augen hat ; er blickt mit einer solchen Sehnsucht darauf hin , als wolle er uns je eher je lieber davonsegeln . “ Mit diesen Worten wandte sich Marchese Tortoni an seinen Gast , der während der letzten Viertelstunde fast gar keinen Antheil am Gespräche genommen hatte und den der junge Wirth soeben auf einem verstohlenen Gähnen ertappte . „ Nicht doch ! “ verteidigte sich Hugo . „ Ich fühle mich nur so grenzenlos unbedeutend und unwissend bei all ’ diesen idealen Kunstgesprächen , bin so tief durchdrungen von dem Gefühle dieser meiner Unwissenheit , daß ich mir soeben in aller Eile das ganze Commando während eines Sturmes wiederholte , um mir die [ 492 ] tröstliche Ueberzeugung zu verschaffen , daß ich doch auch noch irgend etwas verstehe . “ „ Ausrede ! “ rief der Marchese . „ Sie vermissen das weibliche Element hier , das Sie so sehr verehren und das Sie nun einmal nicht entbehren zu können scheinen . Leider kann mein Mirando Ihnen diesen Reiz noch nicht bieten . Sie wissen , ich bin unvermählt und habe mich bisher noch nicht entschließen können , meine Freiheit zu opfern . “ „ Noch nicht entschließen können , Ihre Freiheit zu opfern , “ parodirte Hugo , „ mein Gott , das klingt ja ganz entsetzlich . Wenn Sie wirklich die höchste Stufenleiter irdischen Glückes noch nicht erstiegen haben , wie die eigentliche Lesart lautet – “ Glauben Sie ihm nicht , Cesario ! “ fiel Reinhold ein . „ Mein Bruder ist mit all ’ seiner Ritterlichkeit und Galanterie doch im Grunde eine Eisnatur , die so leicht nichts erwärmt . Er tändelt mit Allen – Empfindung hat er für Keine ; der jedesmalige Roman , den er Liebe , gelegentlich auch wohl Leidenschaft zu nennen beliebt , dauert gerade so lange , wie er am Lande ist , und verweht mit der ersten frischen Brise , die seine ‚ Ellida ‘ wieder heraustreibt in ’ s Meer . In seinem Herzen hat sich noch nie etwas geregt . “ „ Abscheuliche Charakteristik ! “ rief Hugo , seine Cigarre fortwerfend . „ Ich protestire feierlichst . “ „ Willst Du etwa behaupten , sie sei ungerecht ? “ Der Capitain lachte und wandte sich an Tortoni . „ Ich versichere Ihnen , Signor