Sie nicht versuchen hinter meinem Rücken ein Einverständniß fortzusetzen , das ganz geeignet ist , den Ruf der jungen Dame zu schädigen wie es schon ihr Verhältniß zu den Ihrigen getrübt hat . Sie werden mir Ihr Wort darauf geben , nicht etwa heimlich eine Annäherung zu versuchen , die ich offen verbiete . “ „ Wenn es mir erlaubt ist , Baroneß Harder noch einmal zu sehen und zu sprechen , sei es auch in Gegenwart der Frau Baronin . “ „ Nein ! “ „ So kann ich das geforderte Versprechen nicht geben . “ „ Besinnen Sie sich , wem Sie trotzen , Herr Assessor ! “ mahnte der Freiherr ; es lag eine unzweideutige Drohung in den Worten . Das schöne , klare Auge des jungen Mannes begegnete furchtlos dem seines Chefs , und doch hätte die düstere Gluth , die sich darin malte , ihn schrecken sollen . Die beiden Männer maßen sich wie zwei Gegner , die vor dem Kampfe ihre Kräfte prüfen . Die Haltung des Jüngeren war entschlossen , aber ruhig , die des Aelteren verrieth eine furchtbare Bewegung . Ich trotze nur einem harten und ungerechten Spruch , “ sagte Georg , die letzten Worte wieder aufnehmend . „ Excellenz haben die Macht , die Trennung über uns zu verhängen , und wir fügen uns einer Nothwendigkeit , gegen die wir Beide waffenlos sind . Daß Sie uns aber eine Unterredung versagen , die vielleicht auf Jahre hinaus die letzte ist , das – ich wiederhole es – ist hart und ungerecht . Ich weiß nicht , in welcher Weise auf Fräulein von Harder eingewirkt wird , in welcher Weise man ihr mein gezwungenes Fernbleiben darstellt ; ich muß ihr wenigstens sagen , daß ich mein Recht auf ihre Hand unter allen Umständen behaupte und Alles daran setzen werde , diese Hand einst zu verdienen – und das werde ich mündlich oder schriftlich versuchen , mit oder ohne den Willen Euer Excellenz . “ Er verbeugte sich und ging , ohne das übliche Zeichen der Entlassung abzuwarten . Raven warf sich in einen Sessel . Die Unterredung hatte einen ganz anderen Verlauf genommen , als er erwartete . Er hatte bisher nur amtlich mit Winterfeld verkehrt und ihn wohl für talentvoll und tüchtig in seinem Berufe gehalten , ihm jedoch nie eine hervorragende Bedeutung beigelegt ; die Verschiedenheit der Stellung schloß da jedes nähere Interesse aus . Heute zum ersten Male stand nicht der Untergebene dem Vorgesetzten sondern der Mann dem Manne gegenüber , und heute entdeckte der Freiherr , daß sich hinter dieser ruhigen Bescheidenheit und dieser klaren , sanften Stirn eine Energie barg , die der seinigen nichts nachgab . Er war gewohnt , mit der bloßen Macht seiner Persönlichkeit jeden Widerstand zu brechen ; hier rief er vergebens diese Macht und die ganze Ueberlegenheit seiner Stellung zu Hülfe ; es gelang ihm nicht , den Gegner herabzusetzen oder einzuschüchtern ; er mußte ihn in mehr als einer Hinsicht als ebenbürtig anerkennen . Gabriele hatte ihre Liebe keinem Unwürdigen geschenkt , und daß sie es nicht gethan , das eben wühlte in dem Inneren des Mannes , der in dumpfem Brüten in seinem Sessel lag . Er hätte viel darum gegeben , wenn es ihm möglich gewesen wäre , diese Neigung wirklich als eine Kinderthorheit zu verurtheilen und die Beiden mit Fug und Recht aus einander zu reißen . Jetzt blieb ihm nur der armselige Vorwand der Standes- und Vermögensunterschiede , und er selbst hatte einst gezeigt , wie leicht diese Schranken zu durchbrechen sind , sobald ein energischer Wille sich dagegen auflehnt , wenn ihn auch freilich ganz andere Beweggründe leiteten . Das schönste und heiligste Vorrecht der Jugend , eine glühende , ideale Leidenschaft , die nicht nach Schranken und Möglichkeiten fragt , hatte Arno Raven nie gelernt und nie geltend gemacht . Er hatte den Traum von Liebe und Glück nicht träumen wollen , als er dazu berechtigt war – seine ehrgeizigen Pläne ließen ihm keine Zeit dazu . Jetzt , im Herbste seines Lebens , schwebte der Traum herab , goldig und verklärend ; er umgab ihn mit schmeichelndem , trügerischem Schimmer und nahm seine beste Kraft gefangen , bis er jäh daraus erwachte . Die Jugend folgte der Jugend , und der alternde Mann stand allein auf der Höhe seiner Erfolge und seiner Macht , mit der öden Einsamkeit um sich her . Vielleicht hätte er in dieser Stunde Macht und Erfolge hingegeben , um noch einmal wieder jung zu sein . Textdaten zum vorherigen Teil < < < > > > zum nächsten Teil zum Anfang Autor : W. Heimburg Titel : Um hohen Preis aus : Die Gartenlaube 1878 , Heft 18 , S. 291 – 294 Fortsetzungsroman – Teil 10 [ 291 ] Doctor Max Brunnow hatte aus dem Munde seines Freundes das Verbannungsurtheil des Hofraths Moser entgegengenommen , war aber leider wenig davon berührt worden . „ Ich wäre wahrhaftig wieder hingegangen , “ sagte er lachend . „ Dieser vortreffliche Hofrath mit seiner bureaukratischen Majestät und der ewigen weißen Halsbinde ist eine kostbare Figur , und das junge Mädchen bedarf dringend einer vernünftigen ärztlichen Behandlung . Ich begreife es freilich , daß der ‚ allergetreueste Unterthan seines allergnädigsten Souverains ‘ den Sohn meines Vaters von seiner Schwelle bannt , aber es ist schade , daß meine Praxis hier in R. ein so schnelles Ende nimmt . Sie versprach , wenn auch nicht besonders einträglich , so doch amüsant zu werden . “ – Es sollte sich indessen bald eine andere Praxis für den jungen Arzt finden , die zwar noch weniger einträglich zu werden versprach , ihm aber das vermißte „ Amüsement “ in ganz ungeahntem Maße verschaffte . Georg hatte seinen Freund gebeten , die kranke Frau eines Copisten zu besuchen , der bisweilen Abschriften für den Assessor besorgte und dem dieser auch schon öfter Beschäftigung bei dem Regierungsbureau verschafft hatte . Die Frau litt bereits seit längerer