, zum zweiten Male wäre es sicher nicht geschehen . “ Ich – ich meinte das nicht in der Art , “ sagte Lucie , zaghaft zu Boden blickend . „ Nicht ? Und doch athmeten Sie mit einer so unendlichen Erleichterung auf , als Sie von meiner Entfernung hörten ? “ Das junge Mädchen erröthete . Ja freilich , sie hatte aufgeathmet bei der Nachricht , denn mit seiner Entfernung mußte [ 119 ] sich doch der Bann lösen , den dieser Mann die ganze Zeit über auf sie ausgeübt , selbst wenn er nicht an ihrer Seite war . Franziska hatte Recht , sie hatte oft genug zornig und – ohnmächtig dagegen gekämpft ; wie ohnmächtig , das fühlte sie erst wieder in diesem Augenblick , und dennoch war etwas von dem alten Trotz in ihrem Tone , als sie jetzt heftig fragte : „ Wie können Sie das wissen ? Sie haben mich ja nicht ein einziges Mal angesehen während des ganzen Weges ! “ Benedict sah sie auch jetzt nicht an , aber die fliegende Röthe kam und ging in seinem Antlitz , als er gepreßt antwortete : „ Wozu . Ich weiß es ja ohnedies , daß Sie mich fürchten – und hassen ! “ Es war derselbe Vorwurf , den Lucie ihm damals im Walde entgegengeschleudert , und sie ließ ihn ebenso widerstandslos über sich ergehen , wie er es gethan hatte . Aber der junge Priester schien doch eine Abwehr , einen Widerspruch erwartet zu haben , seine Lippen zuckten wie vorhin , als keine Antwort erfolgte . „ Sie sehen , wie gut es ist , daß ich gehe ! Leben Sie wohl ! “ Die tief aufquellende Bitterkeit in diesen Worten traf Lucie doch , sie machte unwillkürlich eine Bewegung , ihn zurückzuhalten . Die blauen Augen blickten ihn wieder bestürzt und fragend an , sie mußten eine eigenthümlich zwingende Gewalt auf den finstern Mönch ausüben , er stand regungslos und langsam schwand die Härte von seiner Stirn und von seinen Lippen . „ Habe ich Sie gekränkt ? Wir wollen doch nicht so scheiden ! Ich kehre lange , kehre vielleicht niemals zurück . – Leben Sie wohl ! “ Das klang freilich anders , als das Lebewohl , welches er vorhin gesprochen . Es war wieder die ganze Weichheit in seinem Tone , der düster milde Blick in seinen Augen , die Lucie schon einmal so räthselhaft getroffen . Mußte ihr denn jede Begegnung mit ihm den dunkeln unerklärlichen Schmerz bringen , der sich jetzt wieder regte und sie mit einer wahrhaft vernichtenden Gewalt überkam , als er sich von ihr wandte ? Das Trennungsweh , das in der Brust des Mannes stürmte , schien ein Echo gefunden zu haben , das junge Mädchen preßte leise die Hand auf ihr Herz , das sie noch so wenig verstand , und von dem sie nur wußte , daß es ihr wehe that . Günther hatte inzwischen seinen Hemmschuh in Ordnung bringen lassen und selbst mit Hand angelegt ; er blickte etwas überrascht auf , als er den jungen Geistlichen allein ankommen sah , es schien ihm doch etwas rücksichtslos , daß dieser seine Schwester so ohne Weiteres allein auf der Straße zurückgelassen hatte . Benedict ging mit einem kurzen hastigen Gruße an ihm vorüber , stieg in seinen Wagen und rollte bereits in der nächsten Minute bergabwärts . Jetzt endlich erschien auch Lucie . „ Nun , das muß man sagen , einer besondern Höflichkeit den Frauen gegenüber macht sich Pater Benedict nicht schuldig ! “ sagte Bernhard , während er ihr heim Einsteigen hehülflich war . „ Er hätte wohl auch noch die wenigen Schritte bis zur Höhe mit Dir gehen können , da er einmal in unserer Gesellschaft war ! “ „ Ich frage gar nichts nach seiner Höflichkeit ! “ erklärte Lucie , sich heftig in die Wagenecke werfend . „ Das glaube ich Dir , Kind ! Sein Wesen ist viel zu abstoßend , um Dir gefallen zu können , übrigens wäre das auch gar nicht von Nutzen , da er nun einmal ein Mönch ist . “ Lucie gab keine Antwort , zum Glück achtete Bernhard nicht weiter auf sie , der nur nothdürftig ausgebesserte Hemmschuh nahm seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch , er mahnte während der Hinunterfahrt den Kutscher unausgesetzt zur Vorsicht . Lucie war gegen die Gefahr vollkommen gleichgültig , ihr wäre es jetzt auch gleichgültig gewesen , wenn der Hemmschuh aufs Neue gerissen und der Wagen hinabgestürzt wäre , sie lag , den Kopf tief in die Polster gegraben , und kümmerte sich um nichts mehr auf der Welt . Inzwischen fuhr Benedict in entgegengesetzter Richtung weiter , immer tiefer hinein in ’ s Hochgebirge . Er hatte sich weit aus dem Wagenfenster gebeugt und die freie frische Bergluft umspielte kühl die bleiche Stirn des jungen Priesters , auf der noch die Spuren des letzten Kampfes zu lesen waren . Noch einmal hatte er am Scheidewege gestanden , noch einmal das berauschende Gift jener Nähe gekostet , jetzt war es überwunden ! Näher und dunkler stiegen die Berge vor ihm auf , die riesigen Schneehäupter legten sich zwischen ihn und die Versuchung , ihre starren Felswände sollten ihn auf ewig davon scheiden . Er wähnte den Kampf geendigt , wähnte sich hinter Schneegipfeln geborgen , während doch ein junges , heißes Herz wild und glühend in seiner Brust pochte , er kannte noch nicht die Gewalt der echten Leidenschaft , vor der Ferne und Schranken machtlos zusammensinken , die sich mit verheerender Kraft Bahn bricht durch Bergesweiten und durch Menschensatzungen , bis hin zu ihrem Ziele – oder ihrem Verderben ! Mehr als drei Monate waren vergangen , der Sommer hatte Abschied genommen und die Herbststürme brausten rauh und wild über das Gebirge hin . Was nicht jahraus jahrein auf seinen Gütern lebte , machte Anstalt wieder in die Stadt zurückzukehren , und auch auf Schloß Rhaneck traf man Vorbereitungen zur Uebersiedlung