erschlagenen Vaters mit demjenigen der Mörder sühne , oder sie trage am Ende selbst blutige Gedanken mit sich herum , die sich mit dem Frieden des Klosters nicht vertrügen . Diese schreckliche Vermutung , die ursprünglich ihrem zahmen und frühe durch Klosterzucht geregelten Gemüte ferne lag – Perpetua war keine schwerblütige Bündnerin , sondern entstammte einer ehrbaren Zugerfamilie – hatte ihr der alte Lucas zu Riedberg noch vor der Fahrt , die er nach Italien getan , um das Fräulein heimzugeleiten , zu wiederholten Malen nahegelegt . Er selbst war ganz davon durchdrungen , wie von einer unabwendbaren Notwendigkeit . Aber auch diese Mutmaßung hielt nicht stand . Lucretia war der Schwester heute so kindlich weich und versöhnlich erschienen , daß sie sich einen derartigen Verdacht als ein Unrecht gegen das verwaiste Fräulein vorwarf . In Wahrheit , heute hegte Lucretia keine Rachegedanken . Sie sann mit einer Trauer , die ihre geheime Süßigkeit hatte , den Erlebnissen ihrer Heimreise aus Venedig nach . Ein seltsames Verhängnis hatte das Leben des ihrer Rache Verfallenen in ihre Hand gegeben und sie hatte es nicht genommen , sie wußte heute mit voller Herzensüberzeugung , daß sie es nicht nehmen dürfe . Der Widerstreit ihrer Gefühle hatte sich gelegt , sie war zur Ruhe gekommen . Lucretia hatte Venedig , begleitet von ihrem treuen Lucas , im Frühjahr verlassen und die lange Strecke bis nahe an die Grafschaft Chiavenna erst über Verona und Bergamo und dann längs der blühenden Ufer des Comersees in mäßigen Tagritten ohne Aufenthalt und Abenteuer zurückgelegt . Grimani hatte sie mit einem Geleitbriefe durch das Venezianische versehen – im Mailändischen genügte ihr Name – und von Rohan war ihr als schützender Kavalier der junge Wertmüller mitgegeben worden . Wohl hatte die Herzogin gegen dieses für die schöne Reisende , wie sie behauptete , in keiner Weise passende Geleite zuerst Einspruch erhoben ; aber der Herzog kannte die guten und schlimmen Eigenschaften seines Wertmüller nicht erst seit gestern und wußte , daß sein wunderlicher Adjutant sich noch in jeder ernsten Probe ehrenhaft , zuverlässig und tapfer erwiesen hatte . So strebte Donna Lucretia , von dem triumphierend neben ihr reitenden Locotenenten geistvoller , als ihr wohltat , unterhalten , den täglich sich vergrößernden Silberspitzen ihrer heimischen Gebirge entgegen und eines Tages gelangte der kleine Reisezug in die sumpfige Ebene durch welche die Adda sich langsam dem Nordende des Comersees zuwindet . Da sie am Morgen in der kühlen Frühe aufgebrochen waren , beschlossen sie an einem Kreuzwege unfern der drohenden Festung Fuentes vor einer Locanda kurze Mittagsrast zu halten , um dann heute noch Chiavenna zu gewinnen und am nächsten Tage den Saumpfad über den Splügen einzuschlagen . Lucretia zog es vor , die unreinliche Herberge nicht zu betreten ; sie setzte sich allein in eine Weinlaube , deren blasses Frühlingsgrün sich eben aus den springenden Knospen entwickelte . So hatte sie eine Weile den Hühnern zugesehn , die neben der Krippe das von den fressenden Pferden herausgeworfene Futter aufpickten , da erblickte sie zwischen den zarten Blättern und jungen Ranken hindurch auf der staubigen Landstraße einen Zug Leute , der sogleich ihre ganze Aufmerksamkeit fesselte . Sie erriet , daß ein Gefangener eingebracht werde , und als er näher kam , erbebte ihre Seele . Ein halbes Dutzend spanischer Soldaten , voran ein alter dürrer Hauptmann zu Pferde , führten in ihrer Mitte einen Mann in der Alltagstracht des Veltlinerbauers , dessen Kleider zerrissen und über und über von Sumpfwasser geschwärzt waren . Staub und Blut entstellten sein Angesicht , und die Hände waren ihm mit groben Stricken hinter dem Rücken zusammengebunden . Das Fräulein erkannte mit Entsetzen die hohe Gestalt und die trotzige Haltung des Jürg Jenatsch . Auf den Spuren des eingeholten Flüchtlings schnüffelten spanische Bluthunde , welche wohl bei dieser Menschenjagd Dienste geleistet hatten , und gelbe halbnackte Jungen und blödsinnige Zwerggestalten liefen johlend hinter dem gewaltigen wehrlosen Manne her . Beim Herannahen des Trupps eilten die Bewohner des Hauses vor der Türe zusammen , auch Lucas kam herbei , der eben die Pferde wieder gesattelt hatte , und Wertmüller trat hinter Lucretia . Der spanische Hauptmann gebot seinen Leuten Halt , stellte sich in den Schatten der Hauspforte und nahm seine Sturmhaube von dem totenkopfähnlichen Haupte , dessen braune Knochen nur durch zwei erhitzte , tiefliegende Augen belebt erschienen . Dann hieß er sein abgejagtes Tier , dessen Riemenzeug zerrissen war , zur Zisterne führen und fragte kurz und barsch : » Ist jemand hier , der in diesem Späher den vormaligen ketzerischen Prädikanten und vielfachen Mörder Georg Jenatsch erkennt ? « Es schlurfte in zerfetzten Schuhen ein ältlicher Knecht herbei und sagte mit kriechender Miene : » Zu dienen , Exzellenz . Ich hauste anno 1620 in Berbenn und war dabei , als dieser Gotteslästerer mit verfluchter Hand meinen leiblichen Bruder gegen den Hochaltar von St. Peter schleuderte , daß der Ärmste für sein Lebtag ein Gebresten davontrug . « – » Das paßt « , sagte der Spanier , » ich betraf denselben Prädikanten im gleichen Sommer an der Zugbrücke unserer Festung . Eure Ausflüchte , Mann , helfen Euch nicht und der Strick ist Euch gewiß . « Lucretia hatte im Hintergrunde der Laube den Auftritt mit laut klopfendem Herzen angesehen . Konnte sie Georg retten ? Wollte , durfte sie es ? . . . Hinter ihr stand Wertmüller , dessen angriffslustige Ungeduld sie fühlte , und den sie leise den Hahn seines Pistols spannen hörte . Lucretia erhob sich und schritt , von einer unwiderstehlichen Macht gezogen , langsam vor . Bei des Spaniers letzten Worten stand sie zwischen ihm und dem an einen steinernen Stützpfeiler der Laube geschnürten Gefangenen . In diesem Augenblicke flog eine Handvoll Kot und Steine von einer lachenden Kropfgestalt geworfen an die blutende Stirne des Gefesselten , aber seine Miene blieb stolz und ruhig , nur seine Lippen bewegten sich flüsternd : » Lucretia , deine Rache vollzieht sich ! « klang es in romanischen