bei diesem Anblick aufeinander , als wollten sie verstummen für immer und ewig . Langsam streifte er seinen Verlobungsring ab und reichte ihn der jungen Dame hin – sie griff hastig nach dem ihren , und jetzt – zum erstenmal während der ganzen stürmischen Szene – wurde ihr Gesicht dunkelrot in Scham und Verlegenheit ... also deshalb hatte ihre zarte Rechte unverdrossen das schwere Bukett gehalten – die unschuldigen Blumen mußten den beraubten Goldfinger bedecken – dort in der Perlmutterschale , auf die der unsichere Blick der treulosen Braut fiel , lag der Ring – sie hatte ihn ja bereits abgelegt ... Der Hüttenmeister stieß ein markerschütterndes Lachen aus und taumelte durch die Tür , die der Student in demselben Augenblick öffnete , und aus dem Salon eilte Frau von Herbeck herüber und legte zärtlich ihre Arme um die » Standhafte « . » Er hat es nicht anders gewollt , der Tor « , murmelte die junge Dame trotzig , indem sie sich ziemlich unsanft der Umarmung entzog . Sie atmete einen Augenblick eine erfrischende Essenz ein , dann warf sie sich eine Handvoll Reispuder ins Gesicht – als Schutz gegen die hautverderbende Erhitzung ... 9 Die beiden Brüder flohen förmlich nach dem Ausgang des Schlosses . War es doch , als sei selbst die parfümierte Luft der langen Gänge mit Verrat und Lüge erfüllt . Unten in der offenen Tür des Musiksalons stand der Schloßverwalter und rief nach Leuten – der Flügel sollte anders gestellt werden . Man konnte den ganzen glänzenden Raum übersehen . Die purpurseidenen Vorhänge waren dicht zugezogen , an den Wänden brannten bereits die Armleuchter , ein helles Feuer loderte im Marmorkamin , und die Diener arrangierten einen Kaffeetisch – lauter Anstalten , den Musiksalon Seiner Exzellenz gemütlich und anheimelnd zu machen ... Das Notturno von Chopin wurde jedenfalls heute noch gespielt , und während man die silbernen Kuchenkörbe leerte und Kaffee aus Meißner Porzellan trank , machte man sich über den Verabschiedeten lustig , der sich unterfangen hatte , unmöglich gewordene Ansprüche an die künftige Hofdame Ihrer Durchlaucht der Fürstin von A. geltend zu machen . In einem dem Kamin nahegerückten Lehnstuhl lag die kleine Gisela . Die schmalen Füßchen lässig gekreuzt , schmiegte sie den kleinen , unscheinbaren Kopf an die farbenreiche Stickerei der Lehne . Als sie die beiden jungen Leute durch das Vestibül eilen sah , hob sie den Kopf und sprang auf den Boden . Sie war offenbar einen Moment ohne alle Aufsicht , denn in dem Augenblick , wo der Hüttenmeister hinaus auf den Kiesplatz trat , stand sie neben ihm und berührte seine Hand . Sie griff in die Tasche und holte eine Handvoll nagelneuer Kupferdreier heraus . » Da , nehmen Sie ! « flüsterte sie atemlos . » Ich habe sie gesammelt , weil sie hübsch sind – es ist sehr viel Geld , nicht wahr ? « Der Hüttenmeister blieb zwar mechanisch stehen , allein ein völlig verständnisloser Blick fiel auf das Kind – es sah aus , als habe plötzlich ein verheerender Hauch dieses blütenfrische Körper- und Seelenleben angeweht . » Rühre ihn nicht an ! « drohte der Student in ausbrechendem Schmerz und stieß die Kleine weg . Er lachte bitter auf , als die Geldstücke aus der Hand des erschrockenen Kindes klirrend über den Kies hinrollten . » Weißt du kleine Natter auch schon « , rief er , » wie die Hochgeborenen die Seelenwunden anderer behandeln ? Mit Geld , mit Geld ! ... Was an dir ist denn hochgeboren , du gebrechliches , häßliches kleines Menschenkind ? « Seine jugendlich kräftige Stimme hallte alarmierend in dem Vestibül wider , an dessen Wände sonst fast nur das Geräusch leiser Sohlen und das gedämpfte Geflüster der Lakaien schlugen . Die Diener und der Schloßverwalter fuhren mit langen Hälsen aus der Tür des Musikzimmers , und im Hintergrund des Vestibüls erschien Lena . Sie schlug die Hände zusammen , als sie die kleine Gräfin mit allen Zeichen des Schreckens , ohne Umhüllung und mit entblößtem Kopf draußen im Freien stehen sah , dazu hörte sie die beißende Frage des Studenten – bestürzt lief sie hinaus und zog das gräfliche Kind aus dem Bereich des » frechen Menschen « . In demselben Augenblick raffte eine weiße Hand die zugezogene Gardine eines Fensters im Erdgeschoß zurück , und das Gesicht des Ministers erschien hinter den Scheiben . Bei diesem Anblick wurden die fieberigen Flecken auf den eingefallenen Wangen des Studenten zur dunkeln Glut ... Er trat dicht an das Fenster heran – der Minister fuhr in sichtlicher Bewegung zurück , allein die langen Lider legten sich sofort wieder über die Augen – der junge Mann hatte keine Waffe in der hochgehobenen Rechten . » Ja , ja , sieh nur heraus und freue dich ! « rief der Student mit weithin schallender Stimme . » Die Elende da droben hat ihre Sache gut gemacht – der Plebejer geht ! ... Fahre nur so fort , Exzellenz ! Ignoriere die Hungersnot im Lande und jage den Geist aus den Schulen – da hast du gut regieren ! ... Was freilich kümmern dich deutscher Geist und deutsches Elend , du fremder Eindringling – « Der Kopf des Ministers verschwand , und die Vorhänge fielen wieder dicht zusammen – durch das Vestibül aber scholl eine heftig angezogene Glocke . Ob die unmittelbar darauf hervorstürzenden Diener Befehl hatten , den » Schreier « wegzubringen , blieb unentschieden . Der Hüttenmeister hatte bereits seine Arme um die Schultern des Bruders geschlagen und zog ihn fort ... Die hohe , athletische Gestalt des jungen Mannes aber , der noch einmal den Kopf mit der todesstarren Ruhe in den Zügen nach dem Schlosse zurückwandte , war wohl geeignet , Bedientenseelen Respekt einzuflößen – die Leute blieben zögernd stehen , während die Brüder den Schloßgarten durchschritten . Ein leises Abenddämmern webte bereits über der Gegend . Der Sonnenschein , der heute unermüdlich und energisch an die braunharzige Knospenhülle der Bäume , an