um , das junge Mädchen in höchsteigener Person nach Dresden zurückzubringen . Käthe ließ alle diese ausgesuchten Höflichkeiten schweigend über sich ergehen . Sie wollte abwarten , ob sich Henriette nicht doch durch Doktor Bruck bestimmen ließe , die Schwester zu begleiten . Bis jetzt hatte er noch keinen Versuch gemacht , wahrscheinlich weil er den Plan an der Reizbarkeit der Kranken nicht scheitern sehen mochte , und aufgeregt und gereizt war sie augenblicklich in hohem Grade . Er kam jeden Morgen um die bestimmte Stunde . Die Wohnzimmer der beiden Schwestern stießen an einander , und die Thür stand stets offen . Käthe hörte dann seine beschwichtigende Stimme , sein sanftes Zureden ; er konnte aber auch so herzlich auflachen , daß die Kranke unwillkürlich einstimmte . Für Käthe ’ s Ohr hatte dieses metallreiche , frohmüthige und doch so angenehm beherrschte Lachen einen eigenthümlichen Reiz – es zeugte so unwiderleglich von der unangetasteten Jugendfrische der Seele ; es bewies ihr , daß er seiner Sache , seiner Zukunft gewiß war , daß er sich auch innerlich absolut nicht den tausend Widerwärtigkeiten und Kränkungen beugte , die auf ihn einstürmten . Sie selbst sprach ihn nicht . Um diese Zeit meist an ihrem Arbeitstische sitzend , konnte sie ihn drüben auf- und abwandeln sehen , aber so unzertrennlich auch sonst die beiden Schwestern waren , kurz vor der Besuchsstunde des Arztes zog sich Henriette stets in ihr Zimmer zurück , und Käthe hütete sich , mit einem hinübergerufenen Worte oder auch nur einem verständnißvollen Blicke Theilnahme an dem Gespräche zu verrathen , die von der Kranken offenbar nicht gewünscht wurde . … Die Tante Diakonus aber sprach sie sehr oft , und zwar in der Schloßmühle . Die alte Frau sah täglich nach Suse , seit sie so nahe wohnte ; sie brachte ihr Suppen und eingemachte Früchte und saß stundenlang bei der Haushälterin , die sich durchaus nicht darein fand und sehr unglücklich war , daß es mit dem Spinnen , Stricken und Waschen „ immer noch nicht gehen wollte “ . Das waren trauliche Dämmerstündchen in der Schloßmühlenstube . Die Tante erzählte aus ihrer Jugend , aus der Zeit , wo sie noch „ die Frau Seelsorgerin “ im Dorfe gewesen war ; sie beschrieb den schweren , thränenreichen Moment , wo sie den Doktor als achtjährigen Knaben aus dem Elternhause weggeholt hatte , weil ihm Vater und Mutter in Zeit von wenigen Tagen gestorben waren , und mochte sie auch mit kleinen Erlebnissen aus ihrer sonnigen Mädchenzeit oder aus ihrem glücklichen Eheleben beginnen , stets und immer gipfelten ihre Schilderungen in dem Zusammensein mit dem Doktor , der so recht der Sonnenschein ihres Lebens geworden war , wie sie versicherte . Beim Nachhausegehen begleitete Käthe die alte Frau den rauschenden Fluß entlang bis an die Brücke . Die kleine Hand der Tante lag dann auf dem Arme des jungen Mädchens , und sie wandelten dahin , wie zusammengehörig , als müßten sie auch mit einander über die Brücke schreiten und hineingehen in „ des Doktors Haus “ , das so still und friedlich , so weltverloren und vom Dämmerlichte eingesponnen , hinter dem Ufergebüsche lag . Die Abende waren noch sehr frisch , und von dem schwarzen , starrenden Walde her zogen dünne Nebelschleier und feuchteten Haar und Kleider – da schlüpft man gern unter das gastliche Dach , auf welchem der Schornstein raucht . Gewöhnlich brannte schon die grünverschleierte Lampe in der Eckstube ; durch das eine unverhüllte Fenster fiel ihr Licht , breit und hell , schräg über die Brücke . Die heimkommende alte Frau konnte nicht fehlgehen , wenn es auch schon tief dunkelte . Dann ging sie hinein ; der letzte Fensterladen wurde geschlossen , und dort in der behaglichen Ofenecke – Käthe konnte sie mit ihren scharfen Augen vollkommen übersehen – , wo der grüne , verblichene Fußteppich lag und hinter dem runden Tische ein hochlehniger , gepolsterter Armstuhl stand , arrangierte sie geräuschlos den Abendtisch und wartete strickend , bis der Doktor sein Pensum beendet hatte . … Das hatte sie dem jungen Mädchen auf der Abendwanderung wiederholt geschildert , und gar so gern blieb sie dann einen Augenblick auf der Brücke stehen , überblickte ihr trautes Heim und deutete lächelnd nach dem Manne , der arbeitend seinen dunkellockigen Kopf über den Schreibtisch beugte . Aber er sprang dann gewöhnlich auf und öffnete das Fenster , denn der neu angeschaffte Kettenhund fuhr mit wüthendem Gebelle auf die Herankommenden los . „ Bist Du es , Tante ? “ rief der Doktor herüber . Bei diesen Lauten floh Käthe aus dem Bereiche des Lampenscheines . Mit einem flüchtigen „ Gute Nacht ! “ stürmte sie die einsame Allee hinauf ; sie kam sich vor wie ausgestoßen , und so mußte auch ihm später zu Mute sein – falls er Flora wirklich noch an seine Seite zu zwingen vermochte – , wenn er aus dem Hause am Flusse in die Stadtwohnung zurückkehrte und von seinem Weibe , der Seele des Hauses , mit kühlem Gruße am Schreibtische , oder geschmückt zu einer Abendgesellschaft , im flüchtigen Vorübergehen empfangen wurde . – – Es war am siebenten Tage nach der Abreise des Kommerzienrates , als die Nachricht aus Berlin eintraf , daß die Spinnerei verkauft sei . Die Präsidentin war von dieser Neuigkeit so angenehm berührt , daß sie , noch im Cachemirschlafrocke , mit dem Briefe in der Hand , die Treppe zur Beletage hinaufstieg und in Henriettens Zimmer trat , wo sich auch Flora kurz vorher eingefunden hatte . Die alte Dame setzte sich in einen Lehnstuhl und erzählte . „ Gott sei Dank , daß Moritz ein Ende macht ! “ sagte sie heiter gestimmt . „ Er hat ein brillantes Geschäft abgeschlossen ; das Etablissement wird ihm so horrend bezahlt , daß er selbst ganz überrascht ist . “ Sie legte die feinen Hände gefaltet auf den Tisch und sah unendlich zufrieden aus . „ Er wird nun ganz