trat Mainau auf die Schwelle der Glasthür ; diesmal nicht mit jener eleganten Lässigkeit , jenem oft verletzenden Gemisch von Langeweile und pflichtschuldiger Höflichkeit , mit welchem er stets im Versammlungszimmer der Familie einzutreten pflegte – er sah stark erhitzt aus , als habe er eben einen anstrengenden Ritt zurückgelegt . Der Hofmarschall fuhr zusammen und sank in den Stuhl zurück , als der hohe Mann so unerwartet erschien , und wie eine dräuende Wetterwolke einen dunklen Schatten in das Zimmer warf – man hatte kein Geräusch von Schritten auf den Steinstufen gehört . » Mein Gott , Raoul , wie hast du mich erschreckt ! « stieß er heraus . » Weshalb ? Ist es etwas Absonderliches , wenn ich von drunten heraufkomme , um die Herzogin zu empfangen , wie du auch ? « versetzte Mainau gleichgültig – er sah über den kranken Mann im Rollstuhl hinweg wie in atemloser Spannung nach der Stelle , wo seine junge Frau stand ... Sie hatte die Linke auf die Ecke des Schreibtisches gestützt ; an den duftigen Kanten des Spitzenärmels sah man , daß diese Hand heftig bebte . Die boshafte Mitteilung des Hofmarschalls über ihre Mutter hatte sie zu tief getroffen , sie fühlte , daß diese Erschütterung lebenslang in ihr nachzittern werde – trotzdem erkämpfte sie sich eine aufrechte , ungebrochene äußere Haltung , und die grauen Augen unter den leicht zusammengezogenen Brauen begegneten dem Blick ihres Mannes fest und finster , sie machte sich auf neue Kämpfe gefaßt . Vorläufig schritt er nach dem großen Tisch inmitten des Salons , nahm die dort stehende Karaffe und goß etwas Wasser in ein Glas . » Du siehst fieberhaft aus , Juliane – ich bitte dich , trinke ! « sagte er , ihr das Glas hinreichend . Sie wies es erstaunt , nicht ohne Entrüstung zurück – er bot ihr einen Schluck Wasser , um die Aufregung zu dämpfen , die er mit einigen strengen , energischen Worten , ihrem unversöhnlichen Feind gegenüber , hätte verhindern können . » Lasse dich durch diese Fieberrosen nicht erschrecken , bester Raoul ! « beruhigte der Hofmarschall , während Mainau das Glas wegstellte . » Es ist das Fieber der Debütantin , das heißt der Debütantin in Schloß Schönwerth – draußen in der Kunstwelt , respektive im Laden der Kunsthändler , ist die schöne Frau als Gräfin Trachenberg längst mit Glück aufgetreten – was sagst du dazu , du geschworener Feind aller weiblichen Raphaele , Blaustrümpfe und dergleichen ? Da sieh ' mal her , was für ein Talent sich heimlicherweise , um den Ehekontrakt herum , in Schönwerth eingeschmuggelt hat ! Nur schade , daß die Verhältnisse mich zwingen , dieses Blatt zu konfiszieren . « Mainau hatte das Bild schon ergriffen und betrachtete es . Liane sah mit Herzklopfen , wie ihm das Blut in die gebräunten Schläfen stieg . Sie erwartete jeden Augenblick einen gegen » die Stümperei « gerichteten Spottpfeil hinnehmen zu müssen ; aber ohne den Blick von dem Blatt in seiner Hand wegzuwenden , sagte er nur in kaltem Ton über die Schulter zu dem alten Herrn : » Du wirst nicht vergessen , daß das Recht zu konfiszieren oder zu erlauben in diesem Fall einzig mir zusteht ... Wie kommt das Bild hierher ? « » Ja , wie kommt es hierher ? « wiederholte achselzuckend und sichtlich verlegen der Hofmarschall . » Durch die Ungeschicklichkeit unserer Leute , Raoul – das Kistchen , in welchem es verschickt werden sollte , wurde mir zerbrochen übergeben . « » Ei , das werde ich streng untersuchen . Solche grob ungeschickte Hände dürfen nicht straflos ausgehen , « sagte Mainau . Er legte das Bild ohne ein Wort des Beifalles , oder auch nur des Tadels wieder hin . » Und was ist das ? « fragte er und nahm das Fließpapier mit den getrockneten Pflanzen in die Hand ; obenauf lag ein dünnes , beschriebenes Heftchen . » Lag das auch in dem verunglückten Kistchen ? « » Ja , « sagte Liane an Stelle des Hofmarschalls , fest , fast rauh , wie im Trotze der Verzweiflung . » Es sind getrocknete , wildwachsende Pflanzen , wie du siehst – einige Gattungen aus dem Orchideengeschlecht , die man in der Umgebung von Rudisdorf nur äußerst selten findet ... Magnus verkauft Herbarien nach Rußland , und ich habe bei der Zusammenstellung ihm stets geholfen ... Habe ich auch mit dieser harmlosen Beschäftigung gegen die Etikette , die Ansichten im Hause Mainau verstoßen , so bedaure ich den abermaligen Mißgriff . « – Sie streckte Mainau , der das Heftchen mit den Augen überflog , bitterlächelnd ihre edelschönen Hände hin . – » Du wirst mir bezeugen müssen , daß keine Tintenflecken an den Fingern sind , und daß ich niemals die Sünde begangen habe , dich auch nur mit einem Wort über dieses bißchen lückenhafte botanische Wissen zu langweilen ... Dank der Ungeschicktheit deiner Leute stehe ich vor deinen Augen wie entlarvt , und muß still halten . « – Mit einer lieblichen sanften Gebärde legte sie die schlanken , biegsamen Hände an die Schläfen , als wolle sie die klopfenden Pulse beschwichtigen . » Es thut mir leid , daß ich wider Willen diese Szene veranlaßt und gegen dein mir aufgestelltes Programm , dieses – lasse es mich nur einmal , nur dieses einzige Mal aussprechen ! – dieses grausam ausgeklügelte Programm geistiger Tötung – verstoßen habe . Meine Schuld war es nicht – es geschieht auch nicht wieder ... Nur eines habe ich noch zu sagen , ich muß die Beschuldigung des Herrn Hofmarschalls , daß ich in der Kunstwelt mit meinen kleinen Leistungen aufgetreten sei , um zu brillieren , entschieden zurückweisen ... Als ich mein erstes Bild den Blicken der Oeffentlichkeit ausgesetzt wußte , da hat mich wochenlang das Fieber geschüttelt – nicht aus Angst um den Erfolg , nein , vor Beschämung über mein Wagnis ; das Geld aber ,