Leibe und auf Kosten eines andern zeitigt , der Raubvogel , der die unschuldige Taube würgt , der Tiger , der die frommäugige Antilope zerreißt , und , endlich der Mensch , der sein Dasein zum Schaden seines Nächsten fristet , sie Alle sind nichts weiter , als Träger jener feind ­ lichen Kräfte , die zur Ökonomie der Natur unent ­ behrlich sind . Wer wagt es noch : von Gut und Böse zu reden ? Es gibt nur eine sichere Errungenschaft , die wir unserer Kultur verdanken , Nur einen Firnis , der das Tier in uns übertüncht : es ist der Anstand ! Dieser ist die Grundlage unserer Ethik , ist die einzige praktisch durchführbare Disziplin des Menschenge ­ schlechts . Den Anstand gewahrt und wir sind höchst bevorzugte , untereinander wohlangesehene Wesen , denn der ganze Lohn unserer Tugend beschränkt sich ja doch auf die Anerkennung unserer vortrefflichen Mitwelt , wie hoch oder gering wir jene anschlagen , das be ­ stimmt den Grad unserer Moralität , — alles Andere ist Überspanntheit . “ — 8 Aus diesem Brüten ward er aufgeschreckt durch Bertha , die ihn derb an der Schulter rüttelte und ungeduldig fragte : „ Nun ? “ Leuthold sah sie , wie träumend an : „ Was denn ? “ „ Ich will endlich wissen , was werden soll ? “ sagte Bertha zornig . Leuthold legte das Kind , das auf seiner Schulter eingeschlafen war , auf das Sofa . „ Ja so — wegen unserer Scheidung ! “ „ Daran hast Du wohl schon gar nicht mehr gedacht ? “ „ Ich gestehe Dir allerdings , daß ich in diesem Augenblick an etwas Anderes dachte . Doch ist die Sache sehr einfach . — Du begibst Dich vorderhand zu Deinem Vater und suchst , Dich mit diesem aus ­ zusöhnen . Gretchen bleibt bei mir . Du bist frei , zu gehen und zu kommen . Hältst Du es nicht aus ohne das Kind , so magst Du in einigen Wochen zurück ­ kehren , das ist Dir unverwehrt . In jedem Falle wird es gut sein , wenn Du so lange wegbleibst , bis ich mein elendes Los neu gestaltet habe . Ich will jetzt auf das Gericht gehen und auf Eröffnung des Testa ­ ments antragen . Bin ich zu Ernestinens Vormund ernannt , so kann und muß ich mein Schicksal an das meiner Mündel knüpfen , “ — er blickte , von einem Gedanken erfaßt , plötzlich starr vor sich hin , dann fuhr er auf und griff nach seinem Hute . „ Ja , ja , aufs Gericht , vielleicht bin ich doch Vormund ! “ Damit wandte er sich zum Gehen . Bertha rief ihm nach : „ Also soll ich mein Bün ­ del schnüren ? “ „ Tue ganz , wie Dir beliebt ! “ sagte Leuthold auf der Schwelle mit der alten Höflichkeit und ver ­ schwand . Bertha trat an ihre Kommode und begann darin zu kramen . „ Das war der Mühe wert , daß ich den braven Oberkellner im Stiche ließ , um des vornehmen Herrn Doktors willen . Hätte ich den Fritz genommen , so wäre ich jetzt Hotelbesitzerin , während ich als Frau Doktorin kaum weiß , wo ich mein Haupt hinlegen soll ! “ Sie blickte zu dem schlafenden Kinde hinüber . „ Hätte ich das Mädel nicht — da wäre mir mein Herz leichter ! Ach was — es ist ja sein Kind und hat ihn auch viel lieber als mich — es schlägt gewiß einmal ihm nach und verbittert mir das Leben ! “ Doch als reue sie dieser Gedanke im Entstehen , eilte sie zu Gretchen hin und küßte sie.weinend auf die reine , kindliche Stirn . „ Nein , nein , Du kannst nichts dafür ! “ schluchzte sie und riß die Kleine mit Ungestüm an ihre volle Brust . Sechstes Kapitel , Seelenmord . Ein frischer Herbstwind schüttelte die früchte ­ schweren Äste der Obstbäume in dem Hartwich ’ schen Küchengarten . Unter einem großen Apfelbaum stand eine neue , grünangestrichene Bank . Einige weiße Wäsche , die zum Trocknen aufgehängt war , flatterte lustig wie Festfahnen nach der Seite zu , von welcher eine Gruppe von Personen eintrat , die sich der Bank unter dem Apfelbaume näherte . Es war Rieke , die langsam und behutsam den alten Rollstuhl schob , der so lange den Katzen und Hühnern zur Wohnung ge ­ dient hatte , jetzt aber frisch aufgepolstert , und schön bezogen war . Nebenher gingen der biedere Heim und Leuthold . In dem Stuhle lag , von Kissen umgeben , Ernestinens kleine , schmächtige Gestalt mit verbundenem Kopfe und andächtig gefalteten Händen . Wären nicht ihre großen Augen mit leuchtendem Blick ins Weite gerichtet gewesen , man hätte sie für eine lächelnde Leiche halten können — so lilienweiß war das abge ­ zehrte Gesicht , so bläulich die geöffneten Lippen , durch die sie die frische Morgenluft einsog . Haben doch die Spuren des eben rückkehrenden und des entfliehen ­ den Lebens eine so wunderbare Ähnlichkeit mit ein ­ ander , wie Früh- und Abenddämmerung ; dies stille , regungslos daliegende Kind konnte ebenso gut Abschied von der Welt nehmen , als sie zum ersten Male wie ­ der begrüßen . Und dennoch feierte Ernestine heute ihre Auferstehung , — sie durfte zum ersten Male an Gottes freie Luft hinaus und sie genoß dieses Glück mit so unaussprechlicher Freude , daß sie nichts zu tun vermochte , als ihre kleinen Hände zu falten und zu beten . Sie hatte freilich noch nicht die Kraft , sich aus den Kissen ihres Sessels zu erheben ; aber ihre junge Seele regte und lüftete die Fittiche und schwang sich mit den Vögeln empor in den blauen Herbsthimmel . „ Wie ist Dir , mein Kind ? “ fragte Leuthold sanft und teilnehmend . „ O — gut , lieber Onkel ! “