Publikums war ohnehin » volgär « geworden , und bezog ihre Stiftsstelle im Weingarten . Hier war es auch , wo ich sie näher kennen lernte und mich zu dem seltsamen Wesen hingezogen fühlte ; vielleicht ihrer wunderbar kindlichen Augen , vielleicht auch des nimmermüden Quells ihrer Erzählungen halber . So manchen Nachmittag habe ich in dem Spittelstübchen der Alten gesessen und ihrem zittrigen Gesang zugehört , den sie auf dem Spinettchen begleitete , das so wunderlich dünne , klirrende Töne hatte : 167 » Guter Mond , du gehst so stille Durch die Abendwolken hin , Gehst so ruhig , und ich fühle , Daß ich schrecklich einsam bin . – « Das sang sie am liebsten . Schrecklich einsam ! Ja , das war sie , aber sie schmückte ihre Einsamkeit aus . Sie hatte sich in der Erinnerung ihren Seligen zurechtgestutzt zu einem Charakter , der dem Helden ihres Lieblingsromanes glich , augenrollend , wutschnaubend , aber unendlich ritterlich , gerecht , zartfühlend . Ihr Leontes wurde zu einem begeisterten Forscher fremder Weltteile , dessen frühes Grab sie sich in einem Urwald vorstellte , malerisch umrankt von Lianen und sonstigen Schlinggewächsen . Eine indische Fürstentochter in golddurchwirkten Musselingewändern naht bei Lunas keuschem Lichte und begießt diese Stätte mit ihren Tränen , sie hat ihn natürlich geliebt ! Nein , diese Phantasie ! Dazu duftete es aus der Porzellanvase , die sie ihren » Postpurry « nannte , so wunderlich süß nach welken Blättern , und zur Erfrischung gab es Holundermilch , die so mild und blumig schmeckte , alles ganz passend zueinander . Ich hätte mir Blandinens Bewirtung auch gar nicht anders vorstellen können , als aus so ungewöhnlichen Sachen . Sie buk kleine Kuchen , die sie » Seladons « nannte , und machte einen Likör aus Rosenblättern , der » Doppelte Liebe « hieß . Noch höre ich , wie sie ihren Sohn zu beschreiben pflegte , und jedesmal fügte sie hinzu : » Ich brauche ja nur den Leontes des Dichters zubeschreiben – so war er auch . « Und dann deklamierte sie : 168 » Er blühte hold in seinen jungen Tagen , Sein Haar war blond , die Lippe sanft geschwellt . Ein kühnes Herz schien diese Brust zu tragen , Und Mild ' und Kraft auf dieser Stirn gesellt . Wohl mochte man beim ersten Anblick fragen . Ist dies Apoll , der Hirt ; ist ' s Mars , der Held ? Doch sah man bald , daß solch ein lichtes Auge Zum Leuchten wohl , doch auch zum Blitzen tauge . « Natürlich mit ganz falschem Pathos . Aber wie staunte ich sie an , wie bedauerte ich , daß diese Blüte der Menschheit mir verloren gegangen war , obgleich meine Großmutter versicherte , Leontes-Christian sei ein dicker untersetzter Bengel mit Stülpnase und strohblond gewesen . » Er wäre so alt wie Ihr Herr Vater , « schloß Blandine seufzend , » ach – es stirbt als Knabe , wen die Götter lieben . « So malte , sang und seufzte sie ihr einsames Alter hin ; das kleine Gesichtchen schrumpfte immer mehr zusammen , ihr Kleid saß lose und schlotterig und war abgenutzt , aber noch immer blitzte hell das goldene Schildchen mit der » Mutterliebe « auf ihrer Stirn ; sie hatte es von ihrer Mutter zur Feier der Konfirmation erhalten . Eines Tages besuchte uns ein Jugendfreund meines Vaters , ein Maler ; beim Spazierengehen trafen wir Blandine , die , ein Gießkännchen in der Hand und in ihrer ganzen verschollenen Pracht , dem Kirchhofe zuwanderte , gefolgt und verhöhnt von so und so viel Straßenjungen . Wir nahmen uns ihrer an , wofür sie mit einem altmodischen Knicks tief untertauchte und » oblischiert « war . Der Maler aber ward ganz begeistert und schwur , uns nicht eher zu verlassen , als bis er das » kostbare alte Stück « gezeichnet habe . Ich führte ihn ein bei ihr . Sie saß ihm mit größtem Vergnügen , und er war so hingerissen von der » Echtheit dieses Modells « , daß er ihre ganzen Sonderbarkeiten , selbst die Holundermilch in Kauf nahm und die » Bezauberte Rose « von A bis Z anhörte , die sie aus dem Gedächtnis deklamierte . » Echt ! echt ! großartig ! « murmelte er , und nicht gar lange 171 dauerte es , da prangte Blandine in einer weit verbreiteten illustrierten Zeitschrift . Es stand nur darunter : » Blandine « . Das Bild aber war wirklich köstlich . Der Künstler hatte das gute , wunderliche , runzelvolle Antlitz unter der braunen Perücke vollendet wiedergegeben , auch das Stirnband mit der » Mutterliebe « fehlte nicht . Der Zufall wehte diese Zeitung über das große wogende Meer in ein fernes Land und in das Haus eines Deutschen , der seine Heimat und Mutter heimlich verlassen hatte vor länger als vierzig Jahren , Krischan Schumann hieß der Deutsche . Da packte ihn ein wunderliches Gefühl : er nahm seines Sohnes zehnjähriges Töchterlein und reiste mit ihm in die alte Heimat . Ein in harter Arbeit erstarrter , schweigsamer Mensch war er drüben geworden im Kampfe ums Dasein . Die ganze Knorrigkeit des alten Bibliothekars hatte er geerbt , auch dessen Äußeres , aber das zierliche Enkelkind mit dem langen kastanienbraunen Haar und den blauen Augen , das mochte wohl an Blandine erinnern . So standen diese zwei Fremdlinge eines Tages vor dem Altweiberspittel in der stillen Straße , und Blandine Schumann lugte hinter den Asklepiablättern hervor und wunderte sich , wer das wohl sei . Niewand war da , der die alte Frau hätte vorbereiten können , und so trat plötzlich der breite knorrige Mann unvermittelt vor sie hin , sah die kleine wunderliche Gestalt an und sagte mit leiser Stimme und zuckenden Lippen : » Mutter ! « Sie schüttelte den Kopf , sie kannte ihn nicht , verstand ihn nicht . Da schob er die Kleine vor