Johannes gefangen sei und sehnsüchtig auf Befreiung sinne . Auf einmal klang ein melodisch Summen , das ich früher schon bemerkt , jedoch für Einbildung gehalten . Vom nächsten Schornstein kam es her . Ich rutschte rittlings die Dachfirste entlang , und in den Schornstein hineinhorchend , vernahm ich Harfenschall und den Sang einer weiblichen Stimme . Nach längerem Lauschen beschloß ich , mich ein Stück in den Schornstein hinunterzulassen , um zu erkunden , wer die Sängerin sei , und ob ihr Gemach meine Flucht begünstigen könne . Den Strick befestigte ich oben am Schornstein , ließ das andere Ende in die Höhlung und glitt behutsam hinab . In die Schlinge des unteren Endes steckte ich den Arm und schwebte nun im Schornstein nahe der Mündung eines Kamins , durch den die Musik empordrang . Deutlich vernahm ich den Harfenschall und die Worte , von sanfter Mädchenstimme gesungen : Es kämmte die Gräfin ihr flutend Haar , Zur Minne täte sie taugen . Da wallte vorbei der junge Scholar Und hub die schmachtenden Augen . » Scholar , so halt deine Augen in Hut , Daß sie zu hoch nicht fliegen ! Wer nicht geboren aus Adelsblut , Darf keine Gräfin kriegen . « - » Und ist mein Schatz auch hoch und fern , Mein Minnen soll daran hangen , Wie ich liebe des Himmels hehrsten Stern . Wer mag ihn zur Erde langen ? « - » Scholar , von der Erde gehörst du fort , Hast schon des Himmels Weihen , Bist gar so rein wie die Engel dort , Die lieben , ohne zu freien . Du Keuscher bist höher geboren denn ich , Dein Adel reicht über die Fürsten . Du hebst mich hinan , ich fühle mich Nach himmlischer Minne verdürsten . « Das war kein Lied , wie es eine Tochter des Vogtes oder ein dienend Weib hätte singen können , im Ausdruck lag etwas Adeliges und Trauriges . Ich wußte nicht , was tun , ob ich mich wieder entfernen oder noch länger lauschen solle . Auf einmal riß das Linnentuch , mit dem ich meinen Strick verlängert hatte , und ich stürzte , wobei sich mein Kopf derart an einem vorspringenden Stein stieß , daß mir die Sinne schwanden . In mein Gesicht gespritztes Wasser brachte mich wieder zu mir . Ich lag auf der Diele eines fremden Gemaches , ängstlich starrten mich zwei von Kerzenschein beleuchtete weibliche Gesichter an . Das eine gehörte einer etwa zwanzigjährigen schönen Jungfer . Die groß aufgetanen Augen hatten braune Sterne , bleich wie Marmor die feine Haut , die Wangen rosa . Um die Schläfen wallten dunkle Locken . Die zarte Hand hatte soeben meine Stirn mit Wasser benetzt , ich fühlte noch die wohltuende Berührung . Der Jungfer Kleidung war schlicht , doch voller Anmut . Die andere Frau , schon ältlich , hatte eine trauervolle Güte im runden Gesicht ; sie war wohl eine Dienerin . » Er kommt zu sich , Jungfer Gräfin ! « sagte sie , » die Wunde scheint nicht schlimm . « » Gott sei gelobt ! « entgegnete die Jungfer mit beklommener Stimme . Mich freundlich anblickend fuhr sie fort : » Unbesorgt , junger Gesell ! Wir sind Ihm nicht feind . Können uns denken , Er ist der gefangene Goldmacher und hat versucht , übers Dach zu entkommen . Was mich betrifft , so bin ich des Grafen Schlick jüngste Tochter , mit Namen Thekla , und dies ist meine treue Kammerfrau Marianka . Wir beide sind auch nichts anderes denn Gefangene . Diese Burg Wasenstein , die mein Vater seinen Kindern vermacht hat , ward unser Gefängnis . Und dieselben Peiniger halten uns fest , so auch Ihn , junger Gesell , hier eingesperrt haben . Vielleicht lässet sich zwischen uns gemeinsame Sache machen , so daß einer dem andern zur Freiheit hilft . Aber nun sag Er , wie Er sich befindet , und ob seine Kopfwunde sehr schmerzet . « Solche Worte waren mir noch holdere Musik , als das Lied zur Harfe . Ich richtete mich auf und lächelte : » Dank für des Fräuleins Gnade und ebenfalls Euch , gute Kammerfrau , Dank für den Beistand . Dem Himmel Dank , daß ich euch gefunden habe ! « Meinen Kopf betastend , erklärte ich die Verletzung für unbedeutend und erhub mich vom Boden . Auch die Frauen stunden auf , und nachdem sie ein nasses Tuch zu meiner Kühlung gereicht hatten , war unsere erste Überlegung , wie wir uns vor Überraschung sichern könnten . Die Kammerfrau gab den Rat , ihre Herrin solle mit Harfen fortfahren . Das sei der Wärterin , deren Schlafgemach hinter der einen Wand gelegen , und auch der Burgwache im Hofe unverdächtig . Zur Musik möge ich meine Geschichte erzählen . Gesagt , getan . Und nun lauschten voll inniger Teilnahme die beiden Frauen meinem Berichte . Als ich auf den Dominikaner und den Prager Herrn zu sprechen kam , in dessen Schloß ich verhaftet worden , sagte das Fräulein bitter : » Mein sauberer Oheim , der Graf Slawata ! Und sein tückischer Helfershelfer Pater Aloisius - auch uns gegenüber ein rechter Teufel und Folterknecht . Mein Oheim will seine Nichte um ihre Habe bringen , nachdem er dazu beigetragen , daß mein teurer Vater unter Henkers Schwerte verbluten gemußt . Zum Klosterfräulein wollen sie mich machen , und weil ich mich widersetze , ist diese Gefangenschaft über mich verhängt . « Ich starrte die Jungfer an : » Unter Henkers Schwerte ist Euer Vater verblutet ? « - Nach einem tiefen Seufzer kam die Antwort : » Mein Vater gehörte zu jenen böheimischen Empörern , so für die Glaubensfreiheit kämpften , jedoch am Weißen Berge geschlagen und zum Teil dem Scharfrichter überliefert wurden . « Ergriffen neigte ich mich und hauchte einen Kuß auf der Jungfer Hand . » Spielet weiter auf der Harfe ! « mahnte Marianka . Doch