nicht weiter kam , und es mit manchem dieser Entwürfe eines Tages zu hapern anfing . Jedesmal wenn Grottfuß bei Einhart gewesen , ging er mit zernagter Miene von dannen , weil er aus Einharts Arbeitsraum den Atem von etwas mit forttrug , das wie Blumen oder Bäume mit starkem Eigensinn aus sich aufwuchs . Denn wo Einhart ging und stand , sann er sich jetzt in die Typen der Menschen hinein . An Ecken und Enden der Straßen und Plätze und in den Lokalen kannte er Mienen und Geberden und all die Stimmungen und Ereignisse . Sein Blick war fremdartig und sicher , weil er etwas darin jetzt besaß , was wie Härte von Steinen stach . Er hatte etwas Blinzelndes und Souveränes , wenn er so innerlich suchte . Er sah jeden Menschen darauf an , ob er ihm zu einem Bilde dienen könnte , zu einem Jünger aus Emmaus oder zu einem Fischer am See oder zu Jairi Töchterlein oder gar zu dem bleichen , sanften Gottessohne selber ? Und Einhart saß jetzt wieder bald wirklich fest und zeichnete und malte . Er brachte dazu eine Achtlosigkeit des Lebens , daß man einfach nicht begriff , wie es möglich war so auszukommen . Er rührte sich buchstäblich Tage und Wochen nicht aus seinen Wänden . Er aß ein Stück Brotrinde und trank Kaffee tagelang . Er mühte sich . Er zeichnete mit peinlicher Sorgfalt seine Entwürfe und begann dann mit neuartigen Grundierungen , versuchte allerlei Mittel der Alten und rang zu dem leuchtensten Ausdruck in Farben durchzudringen . 6 In einer Vorstadt unter alten , mächtigen Kastanien , die jetzt kahl standen , und die der Westwind mit nassen Flocken bestrich , lag eine Villa wie ein großer , marmorner Würfel mit weißen Fächertreppen in den Garten nieder und mit weißen Statuen oben an den Zinnen gegen den Himmel . Rings schlief ein fein gepflegter Garten , der im Sommer wie ein erlesenes Bukett erblühte , in dessen Schattengängen dann eine melancholische , sehnsüchtige , bleiche Dame wandelte , oder zwei Kinder von etwa zehn Jahren , ein blonder Knabe und ein rotbraunes Mädchen sich jagten , oder wo Fräulein Margit , die älteste Tochter des Hauses , in einer Laube , von blauen Glycinen umsponnen , manchmal saß und schrieb . An dem hohen , eisenblumigen Gittertor , das jetzt von Naßschnee triefte und einsam lag , las man in goldnen Buchstaben den Namen : » Rehorst « . Herr Rehorst war einer der größten Fabrikanten der Stadt . Sein Vermögen galt als ungeheuer und war in diesen Jahren derart im Wachsen , daß er nichts scheute , was den Träumen seiner leidenschaftlichen und tiefsinnigen Frau irgend konnte zu Licht und Leben verhelfen . Frau Rehorst kannte in dieser Welt keinerlei Dinge mehr , an die sich ihr Fuß hätte stoßen können . Nichts , was je ihr Auge beleidigte oder ihren Sinn verletzte , oder von dem sie auch nur von Ferne erwogen , daß es unerfüllbare Wünsche wären . Wenn man eintrat , auch jetzt in der naßkalten Zeit , duftete die warme , teppichweiche Vorhalle nach fremden , wunderbaren Blumen . In die Dämmerung des Raumes , der von oben seitlich ringsum Licht erhielt , fielen bunte Scheine durch die blauen Lünetten der Wölbung , und die Wandflächen hielten in kühlen , blauen Tönen schimmernde Gemälde . Die Innenräume waren weit wie Säle , tief einsilbig , da und dort in Nische oder Erker mit einer Statue versehen . Der Hauptton von dem einzigen , großen Meistergemälde der Mittelwand gleich im ersten Zimmer stimmte ein in die blaßorangenen Seidenbezüge der Wandflächen , und gegen ein mächtiges Mittelfenster stand eine reiche , helle Marmorgruppe als wundersames Schattenspiel . Man wandelte hin in Duft und Stille . Man sah auf Ecktischen einsame Blumenkelche in Vasen , und in der Ferne durch hohe Türen leuchteten von den Wänden neue Farbenakkorde mit stillen Seen in Buschwerk , wo Liebende wandeln . Alles lud wie eine Traumstätte ein , weil aus halberschlossenen Räumen ohne rechte Begrenzung Träume einen grüßten . Hier ging Frau Rehorst um , eine schlanke , schöne Frau , still und verhärmt , mit tausend Träumen zur Beglückung der vielen , die Gott nicht beglücken konnte , und sie war oft achtlos gegen Margit und gegen ihre beiden jüngeren Kinder . Alle drei Kinder hingen an der Mutter außermaßen . Alle sahen sie mit Entzücken in ihren wallenden , langen Falbelkleidern herschweben in Hoheit . Alle hörten mit Hingabe den weichen Schattenklang ihrer Rede . Alle wußten , daß sie der Geist des Hauses war mit ihrer ungestillten Sehnsucht nach hohen Dingen . Sie war großen , dunklen Gesichts , voll feiner Schmäle , langsam und sicher in ihrer beseelten Bewegung , heftig , aber ganz verhalten . Immer beschäftigt , den Wohlfahrtseinrichtungen der großen Rehorstschen Unternehmungen einen edlen Sinn und eine wahrhaft menschliche Belebung zu geben , kamen die Kinder ihr nicht immer zu passe , vornehmlich , weil in einem jeden auch der Vatergeist mit tätiger Achtlosigkeit lebte , der im Tun ganz Freude sah , ohne immer gleich nach der Höhe und nach letzten Zielen zu fragen . Nun in Margit ganz und gar . Margit war sehr nach dem Vater . Deshalb hatte es Frau Rehorst auch gern gesehen , daß Grottfuß sich Margit gewählt . Denn außer ihren inbrünstig ausfüllenden , sozialen Pflichten kannte Frau Rehorst nichts Lieberes , als die Künste . Mit sehnsüchtig feiner Sammlung trat sie meist allein unter die neuen Bilder der Frühlingsausstellung und sann sich in die Seele einer Landschaft , wie in eigene , dumpfe , oder lachende Akkorde , und ermaß aufs Kennerischste Tongebung und Pinselstrich , verhaltenes Hoffen und Drängen oder rohe , kalte Erkenntnis der Dinge , die aus Farben zu ihr sprechen konnte . Sie war es gewesen , die an einem Grottfußschen Bilde , das im Frühling mit zur Schau kam , ein besonderes Gefallen gefunden , und die