Deutschland errichten wollten . Das gärte noch unter den weißen Haaren , und sie wurden ihr Leben lang keine kühlen Rechner . Eines Abends fragte Schratt seinen jungen Freund nach Heimat und Eltern . Als Sylvester Erlbach nannte , wurde er aufmerksam . » Erlbach ? Das Dorf bei Nußbach ? « » Ja . Waren Sie dort ? « » Einmal , vor Jahren . Ich besuchte den Pfarrer Held . « » Den Herrn Maurus Held ? Kannten Sie ihn ? « » Ob ich ihn kannte ? « Der Alte lächelte und wurde wieder ernst . » Er war mein Freund . « Da sprang Sylvester vom Stuhle auf und schüttelte ihm die Hand und sagte , daß er den verehrten Mann wie einen Vater geliebt habe . Es tat ihm wohl , daß er von ihm erzählen durfte . Und dann kam die hastige Frage : » Er war Ihr Freund ? Wo haben Sie ihn kennen gelernt ? « » Das erzähle ich Ihnen ein anderes Mal , Herr Mang . Heute ist es zu spät , aber wenn Sie morgen herüberkommen , will ich einen langen Faden spinnen . « Sylvester ging den nächsten Abend zu Schratt , dessen Wohnzimmer sich beim Lampenlicht ungemein behaglich ansah . Die lange Wand neben der Türe war mit einer hohen Bücherstelle verkleidet ; zwischen den beiden Fenstern stand der umfangreiche Schreibtisch , und darüber hingen alte Stahlstiche in hellbraunen Rahmen , deren Leisten in schwarzen Vierecken zusammenliefen . Einige Steindrucke in ovalen Rahmen waren dazwischen angebracht , Brustbilder von Männern in altväterlichen Tachten . Einer schaute absonderlich verwegen von der Wand herunter , hatte die Arme über der Brust gekreuzt und einen breitkrempigen Hut in die Stirne gedrückt . Vom Hute herab wallte eine Feder mit kühnem Schwunge . Sylvester trat näher hinzu und las die Unterschrift : Friedrich Hecker seinem Freunde und Mitkämpfer Hans Schratt zur Erinnerung an den 20. April 1848 . » Der Hans Schratt war mein Bruder , « sagte der Alte , » aber nun setzen Sie sich . Ich will sehen , daß Madame Rottenfußer Tee bringt . « Sylvester setzte sich auf das geblümte Sofa , über welchem eine Silhouette neben der andern hing ; meist jugendliche Köpfe mit bunten Mützen . Frau Rottenfußer setzte den Teekessel über die Spiritusflamme , Schratt stopfte seine lange Pfeife und hüllte sich in duftende Wolken . » Also , ich habe Ihnen die Erzählung versprochen . Wie ich gut Freund wurde mit dem Gottesgelahrten Maurus Held . Das heißt , damals ist er noch nicht soweit gewesen . Anno 1848 gesegneten Andenkens . « Der Alte schwieg eine Weile , dann sagte er lächelnd : » Gesegneten Andenkens , jawohl ! Trotz allem , was seither gesagt und geschrieben wurde . Die gescheiten Menschen von heute zucken die Achseln über das tolle Jahr . Ich sage Ihnen , junger magister in artibus , die Herzen waren heiß und der Verstand nicht immer kühl damals . Aber in den Leuten war mehr Weisheit , als in den trockenen Dienern der Nützlichkeit , die heute die Nasen rümpfen und sich das bißchen Freiheit wegstehlen lassen , was ihre Väter errungen haben , - - Und jetzt nehmen Sie Tee . Er kommt aus Fukian , wie mein trefflicher Freund Sporner versichert . « Sylvester trank und nahm eine aufmerksame Miene an . Der Alte unterbrach sich oft ; in den Pausen blies er den Rauch vor sich hin . » Sechsundvierzig Jahre . Und just so lange ist es her , daß ich mit dem Studiosus Held Stuhl an Stuhl in der Kneipe saß und von der rosenroten Zukunft redete . Er war noch länger als Sie . Mager , derbknochig , gute Bauernrasse aus der Tölzer Gegend . Er redete nicht viel , und ich glaube fast , daß er heimlich über die Freunde lachte , welche die Welt verteilten . Na , es ist auch manches mit untergelaufen , was man nicht ernsthaft nehmen konnte . Obenan die große Revolution in München , die nichts anderes war als ein bischöflich genehmigtes Haberfeldtreiben . Die Freiheit lag damals in der Luft . So einen Vorfrühling hat die Welt nicht mehr gesehen . Es war wie eine Ahnung in die Menschen gefahren , daß diesmal mit den Knospen noch ein anderes aufkeimen müßte , und wer jung war , hielt freudig die Nase in die Höhe . Man hat unsern lieben Altbayern hinterher eingeredet , daß sie auch die Flügel rührten , als der Freiheit Hauch mächtig durch die Welt ging . Es war aber nicht so schlimm , junger Herr Mang . Wenn Sie den Freisinger Abscheu vor den Revolutionen haben , dürfen Sie ihn nicht auf unsere braven Mitbürger ausdehnen . Sie haben nichts gegen ihre Gewissen und ihre Gewissensräte getan . Wer damals die Finger ins Maul steckte und seinen erhabenen Herrscher auspfiff , tat es in honorem ecclesiae , zu Ehren der Mutter Kirche . Auch wenn er es nicht wußte . Also , unser Maurus Held . Der hörte zu , wenn wir die großen Reden hielten , und schwieg . Er hat die Übertreibungen nicht altklug verachtet oder gar aus Angst vermieden . Den hat nur seine Bescheidenheit von den großen Gebärden abgehalten , und als etwas geschah , was sein rechtlicher Sinn nicht billigte , hat er gezeigt , daß er kein Hasenfuß war . « Der Alte klopfte die Pfeife aus und füllte sie wieder . » Ja , und das war zu Anfang Februar . Ein schöner , warmer Tag , nur etwas bewegt . Die Krämer hatten ihre Läden geschlossen und trieben sich mit den akademischen Bürgern in der Ludwigstraße herum . Die Biederkeit erging sich im Freien und wartete , ob nichts geschähe . Und es geschah auch was . Von der Universität herunter kamen die Alemannen . Sie wissen , das Leibkorps der Lola . Schlechte Kerle , ganz gewiß . Schon deshalb