bedauerlicher Nachsatz wieder die Erbauung , die sein frommer Vers gestiftet . Nachdem er zum Beispiel das Lob des tugendhaften Weibes mit einem Schwung gepriesen , daß mans hätte für fünfstimmigen Chor mit Orchester setzen mögen , konnte er hinzufügen : » Was in aller Welt aber , bitte , sagt mir , fange ich mit einem tugendhaften Weibe an ? « Es war noch nicht ganz das ; es haperte noch hier und da ein wenig mit seiner Bekehrung . Immerhin , der bußfertige Wille war unverkennbar , und alle Vollkommenheit auf einmal , nicht wahr , darf man doch billigerweise nicht erwarten . So daß bereits die Hoffnung munkelte , er werde sich vielleicht doch noch mit der Zeit als Tenor im Chor brauchen lassen . Indessen , was wollte in dieser wichtigen Zeit Viktor , was überhaupt ein einzelner besagen ! Das Stiftungsfest der Idealia rückte heran , und Adventsstimmung bemächtigte sich der Gemüter . Endlich wurde sie Gegenwart , die große Woche , unglaubliche , doch unleugbare Gegenwart . Am Vortage des Festes ergab sich , gewissermaßen von selber , durch die Unfähigkeit , sich mit etwas anderem zu beschäftigen , im Verein mit der ungewöhnlich milden Witterung ( elf Grad Celsius im Schatten ! ) eine Art Vorfeier , indem ein Teil der Mitglieder , darunter Viktor als Gast ( sonst fast lauter Damen ) , verabredeten , nachmittags draußen vor der Stadt in der Waldegg zusammenzukommen ; leider ohne Frau Direktor , welche durch Zurüstungen zum Fest ferngehalten war . Nach genossenem Kuchen belustigte sich das muntere Trüpplein mit körperlichen Freispielen , im besondern mit Platzvertauschen , eins zwei drei , husch von einem Baum zum andern ; und der gezähmte Viktor sprang zwischen den Idealianerinnen wacker mit wie der Wolf zwischen den Lämmern im Paradiese . Unter dem zahlreichen Volk , das der sonnige Tag in die Waldegg gelockt hatte , saß auch Frau Steinbach ; die schaute dem minniglichen Ereignisse mit sonderbaren Augen zu , als gewahrte sie ein Fastnachtwunder . Nicht wenig schämte sich Viktor vor ihr , bestrebt , möglichst korpulente Baumstämme zwischen sich und ihren beobachtenden Blick vorzuschützen . Allein auf das Schämen kommt es ja schließlich nicht an , wofern einem nur bei der Sache , worüber man sich schämt , wohl zumute ist . Und so wagte er sich denn allmählich dreister vor , unbekümmert um die gescheiten Augen der Freundin durch die vordersten Baumreihen springend . Am Haupttage dann , abends um acht Uhr im Museumssaal , wickelte sich das umsichtig geordnete und fleißig einstudierte Programm zufriedenstellend ab . Zunächst der Prolog zwischen dem Statthalter und dem Viktor ( alte und neue Kultur ) , wobei sich , wie der Pfarrer witzig bemerkte , die alte Kultur der neuen entschieden überlegen zeigte ; nämlich Viktor vermochte zeitlebens keine zehn Verse textrichtig auswendig zu lernen . Hierauf , nach etlichen Gesangsvorträgen , kam das gewaltige Festspiel des Kurt an die Reihe . Aber o weh ! Bestürzung ! Ein Bär sollte zwischen die Nymphen und Meergreise fahren ; und jetzt schickte wahrhaftig der Apotheker Röthelin im letzten Augenblick den kostbaren Bärenpelz zurück ; so leid es ihm täte , allein eine plötzliche Erkrankung seines Vaters - er müsse unbedingt mit dem nächsten Zug verreisen . Allgemeine Aufregung ; nur der Kurt selber , den es doch in erster Linie anging , blieb bewunderungswürdig ruhig ; es gehe auch ohne den Bären , tröstete er seine Gemeinde ; wiewohl etwas gezwungen , denn ärgerlich war ihm der Ausfall doch . Da kam ihm der Viktor lachend entgegen : » Es wird wohl keine so schwierige Kunst sein , Herr Neukomm « , meinte er , » ein bißchen zu brummen . Falls ich also aushelfen kann - « und duckte sich , von Beifall begleitet , in den Bärenpelz ; brummte auch in der Tat gar nicht schlecht , soweit es seine kraftlose Stimme erlaubte . Zum Schluß folgte eine rätselhafte Nummer : Als der Vorhang auseinanderwich , sah man auf der Bühne einen Pflanzenwald mit einer mannshohen glänzenden Schmetterlingspuppe aus Flitterpapier zwischen den Blättern . Frau Direktor Wyß , als Ehrenpräsidentin der Idealia , sang drei Strophen , deren Text auf Verwandlung deutete ; dann tupfte sie mit einem Zauberstabe auf die Puppe ; die Hülle fiel , und aus der Hülle schlüpfte , statt eines Schmetterlings , zwei wacklige Fühlhörnchen in den Haaren , das mit Blumen und Kränzen lieblich geschmückte Idealkind . Das sogenannte Idealkind war ein begabtes , hübsches Waisenmädchen , das Frau Direktor Wyß und Frau Regierungsrat Keller in ihren Schutz genommen hatten und auf ihre Kosten erziehen ließen . Mit scherzhafter Anspielung auf die Idealia wurde es das Idealkind getauft , machte übrigens auch seinem idealen Namen durch vortreffliche Schulzeugnisse alle Ehre . Das Idealkind nun lispelte , die Fühlhörnchen schüttelnd , einige Verse des Dankes , tat ein paar zierliche Knickse , hierauf wurde es von der Bühne geholt , von den Damen um die Wette abgeküßt und heimlich in den Winkeln mit Geschenken überhäuft . Hiermit war der feierliche Teil des Festes zu Ende ; und ein unendliches Erlösungs-Tanzen hub an , mit dem Idealkind als Lieblingsgeschöpf , welches Idealgeschöpf übrigens , ungeachtet ihrer lenzknospigen Jugend , nicht übel nach dem Kurt äugelte . Aber auch Viktor erfreute sich der Bevorzugung , zum Lohn für seine Mitwirkung und gefällige Aushilfe . Kaum ein Paar glitt an ihm vorüber ( denn selber zu tanzen fühlte er sich nicht aufgelegt ) , ohne ihm eine Artigkeit oder eine neckische Anspielung auf seinen Bären oder seine Kultur zuzuwerfen , in verschiedenen Geistesgraden , aber immer im liebenswürdigsten Tone . Ja , den Witzigsten gelang sogar , mit einem als Lasso kühn geschleuderten Gedankenfaden den Bären und die Kultur geschickt zu verknüpfen : » Ich hätte gemeint , der Bär passe besser in die alte Kultur als in die neue « oder : » Haben Sie uns am Ende mit Ihrer neuen Kultur einen