daß das nicht möglich sei , weil man ja auf der Bühne immer eine Wand fehlen lassen müsse , nämlich nach dem Zuschauerraum hin ; über diesen Vortrag bezwangen die meisten ein Lachen , Heller aber lobte den Redner laut , das Hansen sehr von seinem Freunde verdroß , denn es schien ihm unehrlich . So folgten noch allerhand Reden und Gespräche . Hans brach mit den Russen zugleich auf , und wiewohl es schon recht spät war , nahmen ihn die beiden doch noch mit sich in ihre Wohnung . Dieselbe bestand aus drei recht elenden Räumen , die hatten aber eine besondere Bedeutung , denn ein großer Teil der Freiheit , welche das Paar genoß , wurde durch diese Wohnungseinrichtung erzeugt . Sie wollten nämlich wie zwei gute Kameraden zusammen leben , nicht so , wie es in der heutigen Ehe sei , daß das Weib vom Manne unterdrückt und ausgebeutet wird ; deshalb hatte der Mann eine Stube für sich , und die Frau hatte eine Stube ; und nur in wichtigen Fällen und nach besonderer Anfrage und Einwilligung durfte einer des andern Raum betreten ; in der Mitte aber lag ein Zimmer , das ihnen beiden gemeinschaftlich gehörte und vornehmlich für die Einnahme der Mahlzeiten bestimmt war . Hatte einer Lust , mit dem andern zu plaudern , so ging er in dieses Zimmer und klopfte an der Tür des andern , und wenn der wollte , so kam er heraus , wenn er aber nicht wollte , so beachtete er das Klopfen nicht , und jener ging wieder in seine Stube zurück . Auf dem Tisch in diesem Mittelzimmer stand eine russische Teemaschine , deren Schlot der Mann mit Kohlen füllte , die er schnell zum Glühen brachte , und unterdessen legte die Frau einen Hering , in Zeitungspapier gewickelt , auf die Tafel , ein Brot und ein Messer . Das geschah beim Schein einer alten Petroleumlampe , der die Glocke fehlte . Der Mann ging mit weiten Schritten in dem Stübchen auf und ab , und indem er seinen weichen und schwarzen Bart langsam strich , blickte er gradeaus ins Leere , wie wenn er in weiter Ferne ein Ziel sehe , das für andre unsichtbar war durch die Wände mit den schmutzigen Tapeten ; dazu erzählte er in abgebrochenen Sätzen mit fremdartigen Tönen von Schlüsselburg , daß dort die Zellen der Gefangenen unter dem Wasserspiegel lägen , und die Gefangenen würden nach zwei oder drei Jahren wahnsinnig . Die Lampe flackerte durch den Luftzug , wenn er vorbeiging . Seine Frau saß auf dem verdrückten und lumpigen Sofa und hatte die Beine auf den Sitz gezogen und die Arme um die Knie geschlagen ; sie starrte unbeweglich vor sich hin . Der Bruder war ein Künstler gewesen , ein Musiker . Ganz zarte , weiche Hände hatte er gehabt , die schonte er ängstlich seiner Kunst wegen , daß er sogar im Bette des Nachts Handschuhe trug . Ein merkwürdiges Leben hatte er in seinen Fingerspitzen ; einmal durchblätterte er ein Buch , da sagte er plötzlich , das Blättern mache ihn krank , und war ganz blaß geworden und hatte fieberige Augen . Wie nun sein erstes Werk gedruckt wird und er der Korrekturen wegen in der Druckerei zu tun hat , da sieht er , wie die Bogen von der Maschine gebracht werden , in hohen Stößen , an einen Tisch , wo Kinder sitzen , welche die Bogen falzen müssen ; ganz kleine Kinder waren das , von neun Jahren höchstens , Knaben und Mädchen , die sahen blaß aus und hatten fieberige Augen , und griffen eilfertig ein jedes zu , nahmen den Bogen vor sich und falzten . Als er sie befragte , antworteten sie , daß sie oft Kopfschmerzen haben , weil sie vierzehn Stunden lang jeden Tag gedruckte Bogen von einem Stoß nehmen müssen , knicken und falzen ; aber es war nicht wegen der Fingerspitzen , die waren hart geworden . Zum Spielen hatten sie keine Lust , sondern sie wollten Geld verdienen und hofften , wenn sie erst erwachsen waren , so wollten sie sich Branntwein kaufen , jetzt nahmen ihnen die Eltern immer ihr Geld weg . Wie er das gehört hatte , da warf er seinen kostbaren Pelz ab und schenkte den einem Kinde , es solle ihn seinem Vater geben , und dann setzte er sich zu den Kindern , nahm einen Stoß Notenbogen und falzte Bogen , und wie seine Fingerspitzen bald rot wurden und feurig , da begann er plötzlich irr zu reden und wurde nach Hause gebracht in einem Wagen und verfiel in eine schwere Krankheit , in der er nichts von sich wußte , sondern schrie beständig , daß er Kinder gemordet habe , und einmal schrie er auch , er habe Kinderfleisch gegessen . Wie er wieder aufstand , mochte er nichts mehr von seiner Kunst hören , sondern kleidete sich in Lumpen und ging ins Volk , pilgerte auf der Landstraße , arbeitete , was seine schwachen Kräfte konnten , und sagte den Leuten , der Kaiser und die Beamten und die Reichen müßten ermordet werden . Einmal banden ihn die Arbeiter , die ihm zuhörten , und führten ihn vor den Richter , aber er entsprang wieder aus dem Gefängnis . Ein verlorenes Mädchen lachte ihm zu , eine ganz niedrige Dirne , die von den Soldaten geliebt wurde . Zu der sagte er , daß er sich vor ihr schäme , weil sie ein größeres Leiden trage , wie einem Manschen möglich sei , da weinte sie , ging mit ihm und diente ihm . Zuletzt wollte er sich als Arbeiter verdingen bei einem Bau , wo er Gelegenheit hatte , etwas gegen den Kaiser zu unternehmen , da wurde er verhaftet , und nun wird er bald sterben , denn er ist ganz krank . Eine Zeitlang ging der Mann stumm auf und ab . Dann sagte seine Frau : »