und Miss Tatiana kam immer wieder darauf zurück , warum nichts von alledem von den angelsächsischen Staatsmännern , denen sie ihr Leben lang vertraut , vorgesehen worden sei . Der Journalist meinte : » Ja , die Nachrichten aus China sind freilich so recht geeignet , die Fundamente des Glaubens an vorausschauende Staatsweisheit stark zu erschüttern . Aber es wird überhaupt viel weniger geplant und gelenkt , als man uns im Geschichtsunterricht lehrt . Die grössten Ereignisse kommen meist unerwartet . Man hat sich treiben lassen , ohne viel zu fragen , wohin und steht plötzlich vor überraschenden Tatsachen . Das landläufige Heroentum besteht dann eigentlich nur immer darin , sich mit Geschick aus Schwierigkeiten zu ziehen und es nachträglich so darzustellen , als habe man alles vorausgesehen . « » Aber « , fragte Miss Tatiana , » hat man denn nicht von Anfang an erkannt , dass diese fremden- und fortschrittsfeindliche Partei unseren kommerziellen Interessen notwendigerweise grossen Schaden zufügen muss ? Warum hat man sie überhaupt je so anwachsen lassen ? « » Um sie erfolgreich zu bekämpfen « , antwortete er , » hätte man sich offen zum Kaiser und zu seinen Reformfreunden bekennen müssen . Es gab vielleicht einen Moment , wo man das gekonnt hätte . Aber dazu hatte niemand den Mut und niemand sah wohl ein , wieviel auf dem Spiele stand . Die Schicksalsstunde für China war der Staatsstreich der Kaiserin Witwe im September 1898 . Dass damals die ganze Welt zuschaute , wie aller Fortschritt vertilgt wurde , nachdem er so lange gepredigt worden war und endlich eine Partei eifriger Bekenner gefunden hatte , und dass man zuliess , dass die finstere Reaktion an seine Stelle trat - das rächt sich heute , denn es rächt sich immer , aus Bequemlichkeit und Angst vor Komplikationen wissentlich das Höhere unterdrücken zu lassen , so schlau es auch im Moment erscheinen mag , Einmischungen zu vermeiden . Wer heute von idealen Gesichtspunkten in der Politik redet , begegnet nur mitleidigem Achselzucken , und doch wäre die Macht , die damals für das ideale Streben der Reformpartei eingetreten wäre , heute wohl die führende in China , und die unvermeidlichen anfänglichen Schwierigkeiten , denen sie begegnet wäre , hätten sicher nicht die Tragweite des Konfliktes angenommen , dessen kleines Vorspiel wir eben erst erleben . Die Vereinigten Staaten hätten diese Rolle übernehmen können , um so mehr , als sie China gegenüber reine Hände haben . Aber um solche Entschlüsse fassen zu können , gehören grosse , leitende Gedanken - und der Laden , wo Ideen für Staatsmänner und Diplomaten und Bücherstoffe für Autoren verkauft werden , existiert leider noch immer nicht . « 43 New York , den 21. Juni 1900 . Der entsetzliche Traum dauert weiter , keine Nachricht aus Peking , und schlimmer als alles , keine Nachricht von Ihnen . Ach , wo sind Sie , lieber Freund ? Meine tägliche Hoffnung ist , ein Telegramm von Ihnen zu erhalten , dass Sie in Schanghai von Ihrer grossen Reise ins Innere zurückgekehrt sind . Um diese Zeit müssten Sie doch dort eingetroffen sein . Was kann Sie so lang aufgehalten haben ? Ich sehne mich so sehr danach , von Ihnen zu hören , dass das Warten zu einem physischen Schmerz wird . Die Hitze liegt bleiern auf der Stadt . Tag und Nacht keine Abkühlung . Die Nächte sind am schlimmsten . Sie scheinen so endlos mit den wirren Gedanken , dem fiebrigen Einschlummern und den verschwommenen beängstigenden Visionen , die sie bringen . Dann wird die Hitze zu einem greifbaren Wesen , im Dunkeln lastet sie auf mir wie ein Alpdrücken , ich glaube sie fühlen und fassen zu können . In den Zeitungen steht , wie alle Jahre , es sei dies ein anormaler Sommer , noch nie hätten Menschen und Tiere so sehr unter der Hitze gelitten , noch nie seien so viel Hitzschläge vorgekommen . Es scheint , als sei es den Menschen ein Trost , sich einzubilden dass gerade ihre Leiden ausnahmsweise gross seien , so gross , dass sie dadurch von einer gewissen Bedeutung würden . Und es ist doch alles bedeutungslos . Leiden scheint nur ausnahmsweise gross , wenn es gerade unser persönliches Leiden ist . Könnten wir den Begriff unseres Ichs erweitern und dadurch mehr Leiden umfassen , so würden uns diese neuen Qualen , die wir bisher kaum ahnten , auch wieder als ganz ausnahmsweise gross erscheinen . Wenn einst in Millionen von Jahren die Erde tot und eisig durch die Weltenräume kreist , wer wird dann nach den kleinen Wesen fragen , die mal auf ihr an Hitzschlag starben ! Die Stadt ist ganz leer . Wir sind noch hier . Ich möchte auch gar nicht fort . Gerade hier in der furchtbaren Hitze glaube ich manchmal wirklich dort zu sein , wo all meine Gedanken sind . Hinter den hohen Pekinger Stadtmauern . Allein schon die Hitze dort in dieser Jahreszeit , ohne alles andere - welche Marter ! Ich bilde mir ein , daran teilzunehmen , von hier aus mittragen zu helfen . Wie schön wäre es doch , wenn man für andere tragen könnte , wenn man sagen könnte : » Ruh Du Dich jetzt aus , denn nun schieb ich die Schulter unter die Last . « Das Weh der Welt ist aber nicht wie ein Brot bestimmter Grösse , je mehr davon essen sollen , desto kleiner müssen die Teile werden . Nein , es wächst mit jedem neuen Gast , es ist immer in Überfluss auf dem Tisch und kämen auch immer wieder neue Millionen hinzu . Tragen helfen ! auch so eine Illusion , mit der die grosse Hoffnungslosigkeit verborgen werden soll . Jeder trägt , was schon mit ihm in der Wiege lag , was mit ihm selbst gewachsen ist , trägt , weil es eben nicht anders geht . Und vor , neben und hinter ihm stehen unabsehbare Reihen von Wesen