von ihrem versteinten Körper ablöst und in die Glut hineinsaust , während Fleisch und Gebein zu Eis gefrieren . Du , die noch scheinen wird , - die noch scheinen wird , wenn ich gestorben bin - Es ist meine Seele - es ist meine Seele - ist - meine - Seele - Hhh ! da fliegt sie in die Sonne hinein ! mitten in die große rote - Ein heißer Schlag hat sie durchfahren und nun - was war ? Jetzt bin ich wach , dachte Josy , endlich ist es vorbei ! Diese unbequeme Rückenlage ist schuld ; die Stockung im Blutumlauf bringt das hervor . Ganz klar war es ihr noch nicht , doch stand sie auf und tastete mit eiskalter Hand nach einem Glase . Ein unsteter Mondschein flog durch das Zimmer und über das Bett , in dem Laure Anaise und Rösli dicht umschlungen lagen . Laure Anaise mit offenem Munde , mit tief um die Stirn gewühltem schwarzem Haar sah fahl und hager aus , und Röslis zartes Gesicht erschien der Mutter leichenhaft blaß . Josy war plötzlich ganz wach . Wenn sie krank wäre ! Und statt für sich selbst ein paar Gramm Bromkali aufzulösen , wie sie gewollt , beugte sie sich ängstlich über die Schlafenden und sog den warmen , reinen Hauch ihres Kindes ein . Aber während sie sich so überzeugte , daß beide ruhig schliefen , kam eine Trauer , ein Einsamkeitsgefühl über sie , das beinah Furcht war . Mit nackten Füßen , die Augen groß offen , stand sie , ohne sich besinnen zu können , blickte scheu nach dem Fenster , an dem der Regen wie Tränen herunterrann ; die gekalkten Stämme der Obstbäume im Garten schimmerten unbestimmt im Mondlicht - jämmerlich , wie gequälte Kinder schrien die Katzen . Ein nie empfundener Wunsch , sich anzulehnen , an kraftvolle Schultern sich zu schmiegen , tauchte wie unbewußt auf . Sie streckte die rechte Hand aus und seufzte . Plötzlich warf sie beide Arme über dem Kopf zusammen , und heiße , qualvolle Tränen brachen hervor . Es schmerzte in den Augen , in der Kehle , in der Brust . Langsam ermannte sie sich und riß die Vorhänge zusammen ; das Totenlicht auf Röslis Köpfchen brachte sie zur Verzweiflung . Sie tastete sich an ihr Bett zurück . Was fehlt mir ? fragte sie , und sie antwortete sich : lebenswund ; lebenswund . Denke , daß er in der Welt ist ! sagte eine süße Stimme , vor der Josefine erschauderte . Es war wie eine Liebkosung , dieser warme , frohe Ton . Denke , daß solch ein Mensch lebt ! daß er Wirklichkeit ist ! kein Kindermärchen , kein Poetenmärchen , schlichte Wirklichkeit - Josefine ertrug die Stimme nicht länger , sie wollte sie nicht länger hören . » Und du lügst ! « sagte sie , bebend vor Zorn , » und es ist alles Betrug ! Es ist eine Schwäche , die vorübergeht , und er ist ein Mensch wie die anderen . Ich bin erfahren , nur zu erfahren ! Nur zu sehr belehrt , daß die Welt nicht so ist , und daß es solche Menschen nicht gibt ! Nein , so ist die Welt nicht , und wir müssen sie nehmen , wie sie ist ! « Sie zündete eine Kerze an und schluckte das beruhigende Salz , das sie sich selber verschrieben hatte . Aber es wirkte sehr langsam , und während sie dalag und auf den Schlaf wartete , ward die süße Stimme nicht müde , zu flüstern : Er ist in der Welt ! er ist wirklich ! kein Kindertraum , kein früher Morgentraum , kein Jungemädchentraum ! » Es ist Lüge ! es ist Lüge ! wir träumen , und wenn wir erwachen , lächeln wir über unsere Träume , oder - wir weinen über sie . « Sie wollte sich im Bette aufbäumen , wollte Licht machen , sich ankleiden , arbeiten , um nichts mehr zu hören . Aber eine unsichtbare Gewalt drückte ihren Körper nieder , eine weiche , schwere Hand legte sich auf ihren Kopf , und das Singen in ihrer Seele ward lauter als zuvor . Und doch hören wir nicht auf zu suchen , unser ganzes Leben lang ! Und doch hören wir nicht auf zu suchen , so lange wir atmen . » Ich habe nichts gesucht ! ich habe nichts ersehnt . Ich glaube an nichts Gutes ! Ich glaube an nichts Großes . Es ist ein Schatten ! Es ist eine Schwäche ! « Ahhh ! da war wieder der Sonnenschein auf der nackten Haut ; und dazu ein seliges Wohlgefühl des Geborgenseins , der Sicherheit , des Ruhens in einer großen , mächtigen , ringsum verbreiteten Kraft . Freude ! hauchte es um sie ; Freude ! Freude . So fühlte sie sich untersinken . Tage des Rausches , in denen die Wirklichkeit undeutlich und alle unsichtbaren , namenlosen Dinge groß und wichtig sind und selbst das Heimlichste klar ! Tage des Rausches ! Josefine empfand plötzlich Sehnsucht nach Musik , sie , die ihr Ohr als stumpf und empfindungslos kannte . Sie nahm Rösli an die Hand und ging mit ihr ins Großmünster , zum Orgelkonzert . Viele Studenten waren dort , alle sahen die schlanke schwarze Frau mit dem weißgekleideten Kinde kommen . Manche grüßten sie , aber sie dankte nur wenigen , denn sie sah niemand in den Farben des Lebens - die Menschen , die anderen Menschen waren für sie zu Schemen verblaßt . Der Orgel gegenüber , im Chor , auf einer der langen Bänke ohne Lehne nahmen sie Platz . Aber die Bank knarrte erbarmungslos , und Josy flüchtete sich mit der Kleinen in einen dunklen , dicht an die Mauer gedrückten Kirchenstuhl . Die Orgel begann , gegen ihre Gewohnheit , wie es der Hörerin schien , leise und bebend , als schauerten Tropfen herab ,