Wenn Sie nicht vorlesen wollen , so werde ich es tun ! « Sie setzte sich zurecht und schlug das Manuskript auf . Wieder durchzuckte der Anblick von Hugos Schrift sie mit der Erinnerung an den heißen Liebesbrief , den er ihr damals geschrieben ... Und tot war ja diese Liebe nicht - das wußte sie - nur zu ewiger Stummheit verdammt . Und doch wieder nicht : einem Dichter kann der Mund nimmer verschlossen werden . Was er einer in direkter Anrede nicht sagen durfte , das konnte er ja - allen vernehmlich und nur einer verständlich - in seinem Gesange aussprechen . Ihr war , als müßte sie nun in dem aufgeschlagenen Hefte gar manche Stelle finden , die an sie gerichtet war , die ihr Leidenschaftliches und Süßes ins Ohr flüstern würde ... » Gut , « sagte Hugo , » lesen Sie , Gräfin . Meine Verse von Ihnen zu hören , wird mich ganz eigentümlich berühren und - belehren ; ich werde besser beurteilen können , als wenn ich selber lese , wie die Verse klingen ... Wenn es Sie also nicht langweilt , Frau Baronin - - « » Mich ? « rief Martha lebhaft , - » ganz im Gegenteil , ich bin sehr gespannt - lies , mein Kind . « Sylvia rückte näher zur Lampe und begann zu lesen . Hugo lehnte sich in seinem Fauteuil so zurück , daß sein Kopf im Schatten des Lampenschirmes verborgen war ; sein Blick hing an Sylvias Zügen , deren Spiel bewegt und ausdrucksvoll den ebenso bewegten und ausdrucksvollen Stimmfall begleitete . Das melodische Organ war bei manchen Stellen weich und zitternd und erhob sich bei anderen zu feuriger Kraft , aber beides geschah - nicht in deklamatorischer Absicht , sondern in unwillkürlicher , deutlich verhaltener Ergriffenheit . Mit großem Interesse lauschte Martha dem Inhalt des Stückes , mit noch größerem beobachtete sie ihre Tochter . An sie gerichtete Worte , wie sie erwartet hatte , konnte Sylvia in den vorliegenden Versen nicht finden , denn von Liebe und Liebessachen war nicht die Rede ; aber eine Sprache von solchem Schwung und solcher Schönheit fand sie darin , wie sie es nicht erwartet hatte . Kräftig und klirrend wie Trompetenschall , dann wieder sanft und einlullend wie das Plätschern einer mondbeschienenen Fontäne , von wilder Fröhlichkeit wie Mänadentanz und banger Schwermut wie Grabesläuten , so wechselten die Rhythmen , so reihten sich die Strophen in überraschend neuen Wortverschlingungen aneinander - im Schmucke ebenso neuer Bilder von tiefglühenden Farben oder mattschimmerndem Glanz . Und diese ganze Ausdruckspracht als Gewandung erhabener und lieblicher Gedanken , kühnsten Phantasiefluges und leidenschaftlich pulsierender Gefühlskraft . Die Leserin überkam eine genußvolle Bewunderung , wie nur vollendete Kunstwerke sie einzuflößen pflegen ; von der Begeisterung , die in diesen Versen vibrierte , strömte Mitbegeisterung in ihre Seele über - sie war gehoben und beglückt . Als sie das letzte Wort gelesen und die Hand , die das Heft hielt , sinken ließ , holte sie einen tiefen , zitternden Atemzug : sie liebte einen Dichter - einen großen Dichter . Auch Martha war hingerissen . » Wundervoll ! « rief sie . » Sie haben eine große Zukunft vor sich , Bresser . Und , Sylvia , ich muß sagen - Du trägst sehr schön vor . « Die beiden anderen blieben stumm . Nach einer Weile ergriff Martha von neuem das Wort , um von der Handlung des eben gelesenen Dramenfragments zu sprechen und zu fragen , wie dieselbe sich weiter entwickeln werde . » Einen ursprünglichen Plan habe ich verworfen , während dieser Akt entstand - also kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen , wie ich die Handlung weiterführe . Eine ganz neue Wendung hat sich mir - durch die zufällige Eingebung einer einzigen Reimzeile - aufgedrängt - und das muß nun erst reifen , ehe ich überhaupt an dem Stücke weiterarbeiten kann . « » Das also sind die geheimen Vorgänge des Schaffens ? « sagte Martha nachdenklich . » Ich denke , « erwiderte Bresser , » daß diese Vorgänge bei jedem Künstler andere sind . « Sylvia schwieg noch immer . Sie war wie in einen Traumzustand versetzt , aus dem sie sich nicht durch den Klang der eigenen Stimme reißen wollte . Warm und beseligend - wenn auch zugleich beängstigend - strömte ihr vom Herzen das Bewußtsein auf , daß da ein Mensch vor ihr war , dessen Scheitel mit der höchsten irdischen Krone - mit der des Genius - geschmückt war , und von diesem Menschen wurde sie geliebt ... ihn wiederzulieben war süßester Zwang . Die Dichtung war ihr zu Kopf gestiegen , ihre Seele taumelte in Bewunderungsrausch . Unerwartet trat Delnitzky herein . Damit war der Bann gelöst . Wie aus einem Traum erwachend , fuhr Sylvia empor ; es war , als hätte ein kalter Luftstrom ihre Schläfe berührt und den Rausch verscheucht . » Grüß Euch Gott alle miteinander ... Küß die Hand , Mama ... ah , Herr Bresser ... freut mich - noch immer in Wien ? Ich hab ' geglaubt , Sie sind schon nach Ihrem geliebten Preußen abgedampft ... Du , Sylvia , ich wollte Dir sagen , ich hab ' heute zwei Freunde zum Essen eingeladen ... den Felsegg und den Milovetz . « » Gut , « sagte sie . Er warf sich in einen Fauteui » Bei was habe ich die Herrschaften gestört ? « » Sylvia las uns aus einem Drama vor - von Herrn Bresser . « » So . Da hab ' ich was versäumt ... Na , wir werden ja Ihre Stücke vielleicht einmal in der Burg sehen , was ? Das ist mir lieber als vorlesen hören ... Dazu hab ' ich gar kein Talent , oder keine Geduld . « Hugo empfahl sich bald . Als er , sich verabschiedend , Sylvias Hand küßte , sagte er : » Sie haben nicht ein Wort des Urteils geäußert