in ein Eckchen und ich thue derweil meine Arbeit . « Lotte folgte ihr mechanisch . Nach und nach wurde ihr wirklich besser , Lenas muntere Thätigkeit brachte sie auf andere Gedanken . Wie sie die Schwester so heiter hantieren sah , musste sie daran denken , wie recht der Vater und Franz Krieger gehabt , dass sie für ein Mädchen wie Lena keine Gefahr darin sahen , in Berlin einen Beruf zu suchen . Lena hatte wirklich das frische » Zugreifsche « , auf das der Vater seine Hoffnung für sie gesetzt hatte . Wie Lotte so nach Haus zurückdachte , fiel ihr gleichzeitig ein , wie lange sie nichts von der Heimat gehört und wie viel länger noch sie selbst nicht geschrieben hatte . Ein letzter , gutherzig fürsorglicher Brief von Franz Krieger lag noch immer unbeantwortet zwischen ihren Geschäftsbüchern . Mein Gott , wenn er wüsste ! Er , der sie noch immer lieb zu haben schien , der sich noch immer um sie sorgte ! Nein , sie konnte ihm jetzt nicht schreiben , gerade ihm nicht . Um nichts in der Welt ! - - Gerharts Frühlingsdrama machte ungeheure Fortschritte . Er arbeitete mit einem Schwung , als ob ihm Flügel gewachsen wären . Eine merkwürdige , fast krankhafte Ausdauer war über den unstäten Menschen gekommen , der sich sonst von jeder Stimmung , von jeder Laune hatte treiben lassen . Seine ganze Seele war bei dieser Arbeit , in der er ein Stück ureignen Wesens niederlegte . Sein ganzes heisses Liebesleben mit Lotte strömte er in dieser Dichtung aus , und wenn ihm einmal die Kraft versagte , griff er zu seiner alten Praxis und berauschte sich immer aufs neue an der Glut seiner eigenen Leidenschaft . Wenn Lotte dann , was ihr noch immer geschah , scheu von ihm zurückwich , rief er seine Muse , seine Göttin in ihr an . Mit tausend Eiden schwur er ihr immer aufs neue , dass ihre Liebe ihm für seine Arbeit so notwendig sei , wie dem Verschmachtenden ein Tropfen Wasser zum Leben . Er nannte sie seine Laura , seine Friederike , und immer wieder besiegt , sank das schwache zärtliche Geschöpf in seine sehnsüchtig ausgestreckten Arme . Seit jenem Abend bei Lena hatte Lotte sich ' s vorgesetzt , mit Gerhart über ihre Zukunft zu sprechen . Ehrlich und aufrichtig wollte sie ihm sagen , dass sie , trotz all ihrer Liebe zu ihm , nicht über das hinfort käme , was er » eingefleischte bürgerliche Vorurteile « nannte . Dass sie die freie Liebe für einen sündigen Rausch halte , dem ein Ende gesetzt werden müsse . Dass sie sich trennen wollten , bis die Mittel zur Heirat gefunden seien . Aber sie kam nicht dazu . So weit hatte sie in seinem Umgang doch schon einen freieren Blick gewonnen , dass sie einsah , seine Arbeit konnte nur von einer wilden freien Leidenschaft getragen , gedeihen . Er konnte sich jetzt nicht von ihr trennen , wollte er seine Arbeit nicht aufs Spiel setzen , noch weniger aber konnte er gerade jetzt seiner Ansicht nach » spiessbürgerliche Entschlüsse « fassen . Und ihn um selbstsüchtiger Gründe willen um das Glück des Schaffens , um die Hoffnung auf Erfolg bringen , das brachte Lotte nicht über ihr gutes , nachgiebiges Herz . - In einem freien literarischen Verein , der grosse Hoffnungen auf Gerhart setzte , hatte er kürzlich die beiden ersten vollendeten Akte seines Werkes gelesen . Lotte war nicht dabei gewesen , aber sie hatte nicht nur von Gerhart gehört , dass das Frühlingsdrama , selbst in dieser noch unfertigen Gestalt einen Sturm des Entzückens erregt hatte . Der annwesende Direktor einer freien Bühne hatte Gerhart die Aufführung im Herbst zugesichert , ja man hatte einen Vorschuss aufgebracht , um sich das Stück zu sichern und Gerhart Schmittlein die Arbeitszeit zu erleichtern . Dieser Erfolg hatte Gerhart , wenn das möglich war , einen noch erhöhten Schwung für seine Arbeit gegeben . Im Juni hoffte er fertig zu sein . Dann wollten sie ein paar Ferientage irgendwo in der Nähe verbringen . Auch Lotte würde es nötig haben . Gerhart fiel es , trotzdem er ganz in seiner Arbeit lebte , doch auf , dass sie in der letzten Zeit nicht zum besten aussah . Aber wenn er sie fragte , wich sie ihm aus . Sie wusste selbst nicht , was ihr fehlte . An einem schwülen Junitage wurde das Frühlingsdrama vollendet . Am Abend las Gerhart es Lotte in einem Zuge vor . So sehr ihr die erste Hälfte gefallen hatte , so tief es sie gerührt hatte , unzählige feine Züge aus ihrem und Gerharts Liebesleben förmlich portraitähnlich darin wieder zu finden , so wenig befriedigte sie der zweite Teil . Die ungeklärt bleibenden Verhältnisse ängstigten sie , und Gerharts Antwort , als sie ihn nach dem Warum fragte , bedrückte sie mehr , als dass sie sie beruhigt hätte . Wenn so , wie er meinte , das wirkliche Leben aussah , wenn so , unausgeglichen und verworren , es verklang , was hatte sie dann zu erwarten ? Und doch war es ihr von Tag zu Tag gewisser geworden , dass eine Klärung eintreten müsse . Etwas , das sie seit kurzem mit geheimnisvoll süssem Schauer ganz erfüllte , drängte übermächtig dazu . Noch hatte sie keine Gewissheit , aber ihr ganzes Wesen schien ihr selbst wie von einem heiligen Wunder durchsetzt zu sein . In der ersten ruhigen Stunde wollte sie ' s Gerhart vertrauen , dann musste ja Klarheit werden . An die Möglichkeit , dass dieser fanatische Wirklichkeitsdichter hinter sein eigenes Leben , hinter das ihre und vielleicht das eines Dritten ein Fragezeichen , eine unlösbare Ziffer setzen könnte , um sich selbst treu zu bleiben , dachte sie nicht . So weit hatte ihre gesunde Natur sich von seiner krankhaften noch nicht verwirren lassen . Am nächsten Morgen fuhren sie nach