So . « Er nahm hastig ihren Arm und schritt weiter . » Nein , nein , « wehrte sie angstvoll . » Nicht jetzt . Du darfst sie nicht herausfordern . « » Ich schlag alles kurz und klein . « Er machte eine verzweifelte Gebärde der Auflehnung . » Ach Stefan , warum ist das alles so ! Warum hast du nicht viel Geld ! Bei deinem Genie ! Warum ist alles so traurig um uns ! « » Es wird anders , Liebchen , es wird anders ! Ich werde Geld haben , Macht haben , alles was du willst . Ich werde die Welt aus den Angeln heben ! Ich habe ein großes Werk vor ! Du wirst sehen . « » Ich glaube ja gern daran . Nur ist die Zeit so lang . Jeder Tag ein Jahr . « » Nur Geduld . Du wirst sehen . Kann ich bei euch essen ? « » Willst du kommen ? Wirklich ? Und ohne Zorn ? Wie herrlich ! « » Mach um Gotteswillen nicht so viel Ausrufezeichen in deine Rede ! Das macht mich nervös ! Ich hasse alle Ausrufezeichen ! « » Was hast du denn ? Du bist so verbissen seit einigen Tagen . « » Verbissen ? Nein . Nachdenklich , ja . Ich verkehre da mit einem jungen Menschen , Agathon Geyer , einem Juden . Ich bin nicht sentimental , aber , - na , du müßtest ihn sehen . Er sieht aus wie , es klingt lappisch , aber ich muß immer an Aladdin mit der Wunderlampe denken . Und was am sonderbarsten ist , unter den Papieren meines Vaters , der ja auch Agathon hieß , hab ich Briefe von seiner Mutter gefunden . Sie sind mit Jette Pohl unterzeichnet . Sie war noch Mädchen damals . Schön , gescheit , liebenswürdig vielleicht . Etwas Merkwürdiges liegt in den Briefen , dasselbe was in Agathons Augen liegt . Aber du schläfst ja ? « » Nein , ich bin nur müde . « Familie Estrich war sehr liebenswürdig gegen Gudstikker und Gudstikker war ebenfalls liebenswürdig gegen die Familie Estrich . Er küßte seine künftige Schwiegermutter auf die Wange , fragte Herrn Estrich nach dem Gang der Ziegelei-Angelegenheit , sang nach dem Abendessen zur Guitarre , Volkslieder , die von treuer Liebe handelten und vom Kampf des Mannes um seinen Herd . Um elf Uhr ging er . Auf der Straße wurde sein Gesicht finster , herb und verzerrt . Er schlug sich an die Stirn und sprach zu sich selbst . Er suchte ein Cafe auf , und in dem Augenblick , wo er den Raum betrat , erhielt sein Gesicht wieder den aufmerksamen und übertrieben stolzen Ausdruck . Er begrüßte den Lehrer Bojesen , setzte sich zu ihm an den Tisch , rieb sich fröhlich die Hände und erzählte eine heitere Schnurre von einem Soldaten und einem Fuhrmann , die er erfunden hatte , aber so darstellte , als ob er sie eben erlebt hätte . » Also wie geht es Ihnen , lieber Bojesen ? « fragte er darauf und rieb sich wieder die Hände . » Gut ? « » Wenns nicht geht , so zwingt mans eben ! « » Sie sind immer allein . Ich habe Sie noch nicht anders als allein gesehen . Wie kommt das ? « » Nun , das ist so Gelehrtenart , « erwiderte Bojesen mit einer sanften Selbstironie . » Ich muß Ihnen sagen , diese Stadt , diese Menschen hier , sie liegen nicht innerhalb der Welt . Es ist etwas Verlorenes und Verkommenes , ein Sumpf . « » Kein Wunder , « sagte Gudstikker , » wie leben wir denn ! Sternenlos ! Und unsre jüdischen Mitbürger sorgen dafür , daß uns der Himmel holder Ideale noch weiter fortrückt . Eigentlich wundre ich mich immer , wenn ich einen anständig gekleideten Menschen treffe , der kein Jude ist . « » Freilich , das ist ein Kardinalthema , « gab Bojesen leicht errötend zu . » Und das ganze Land ist in dieser Beziehung , was unsre Stadt im kleinen ist . Die Juden bringen ja das geistige Leben der Nation in Bewegung , es ist wahr ; schon deswegen weil die Presse in ihren Händen ist . Vielleicht ist das ein Unglück , vielleicht auch nicht . Vielleicht sind da diese scharfen Reagentien , diese Gewandtheit und Schlüpfrigkeit am Platz . Vielleicht hat ihre wirtschaftliche Unternehmungslust mehr Aufschwung im Gefolge , als unsrer Bedächtigkeit erreichbar wäre . Aber für das Hauptunglück halte ich , daß sie sich nun und von allen Seiten her auch in die Kunst eindrängen . « » Ich verstehe ; Sie haben recht , « murmelte Gudstikker , den die Beredsamkeit eines andern ungeduldig machte . » Aber schließlich , Kunst ist Kunst . Man kann ja Gold legieren , aber reines Gold kommt dabei nicht um den Wert . « » Gewiß . Trotzdem ist eine Gefahr . Sehen Sie mal , früher hatten die Juden genug zu tun , sich die Gebiete zu erobern , die ihnen nahe standen . Plötzlich nahmen sie teil an der reichen Kultur , die sie selbst mitschaffen halfen und wuchsen in die Kunst hinein . Es war eine unausbleibliche Verbindung . Jetzt sehen Sie überall jüdische Künstler , erschreckend viele , erschreckend gute . Ich spreche nicht von denen aus vergangenen Jahrzehnten , das ist keine Frage mehr ; sie haben meist mit der Kunst , wie ich sie meine , nichts zu tun . Von den heutigen will ich reden . Sie sind Künstler , echte Künstler , daran ist nicht zu zweifeln . Aber sie richten uns zugrunde . Alles , was wir erworben haben , lang und mühselig , damit können sie hantieren ; alles , wonach wir ringen , das haben sie und wenn wir unser Blut hingeben für eine Sache , stecken sie dieselbe Sache