, ein Mieter eingezogen , der , von Anfang an auf gute Nachbarschaft haltend , bald noch mehr als ein guter Nachbar zu werden versprach . Er kam jeden Abend und plauderte , so daß es mitunter an die Zeiten erinnerte , wo Dörr auf seinem Schemel gesessen und seine Pfeife geraucht hatte , nur daß der neue Nachbar in vielen Stücken doch anders war : ein ordentlicher und gebildeter Mann , von nicht gerade feinen , aber sehr anständigen Manieren , dabei guter Unterhalter , der , wenn Lene mit zugegen war , von allerlei städtischen Angelegenheiten , von Schulen , Gasanstalten und Kanalisation und mitunter auch von seinen Reisen zu sprechen wußte . Traf es sich , daß er mit der Alten allein war , so verdroß ihn auch das nicht , und er spielte dann Tod und Leben mit ihr oder Dambrett oder half ihr auch wohl eine Patience legen , trotzdem er eigentlich alle Karten verabscheute . Denn er war ein Konventikler und hatte , nachdem er erst bei den Mennoniten und dann später bei den Irvingianern eine Rolle gespielt hatte , neuerdings eine selbständige Sekte gestiftet . Wie sich denken läßt , erregte dies alles die höchste Neugier der Frau Dörr , die denn auch nicht müde wurde , Fragen zu stellen und Anspielungen zu machen , aber immer nur , wenn Lene wirtschaftlich zu tun oder in der Stadt allerlei Besorgungen hatte . » Sagen Sie , liebe Frau Nimptsch , was is er denn eigentlich ? Ich habe nachgeschlagen , aber er steht noch nich drin ; Dörr hat bloß immer den vorjährigen . Franke heißt er ? « » Ja , Franke . « » Franke . Da war mal einer in der Ohmgasse , Großböttchermeister , und hatte bloß ein Auge ; das heißt , das andre war auch noch da , man bloß ganz weiß und sah eigentlich aus wie ' ne Fischblase . Un wovon war es ? Ein Reifen , als er ihn umlegen wollte , war abgesprungen und mit der Spitze grad ins Auge . Davon war es . Ob er von da herstammt ? « » Nein , Frau Dörr , er is gar nich von hier . Er is aus Bremen . « » Ach so . Na denn is es ja ganz natürlich . « Frau Nimptsch nickte zustimmend , ohne sich über diese Natürlichkeitsversicherung weiter aufklären zu lassen , und fuhr ihrerseits fort : » Un von Bremen bis Amerika dauert bloß vierzehn Tage . Da ging er hin . Un er war so was wie Klempner oder Schlosser oder Maschinenarbeiter , aber als er sah , daß es nich ging , wurd er Doktor und zog rum mit lauter kleine Flaschen und soll auch gepredigt haben . Un weil er so gut predigte , wurd er angestellt bei ... Ja , nun hab ich es wieder vergessen . Aber es sollen lauter sehr fromme Leute sein und auch sehr anständige . « » Herr du meine Güte « , sagte Frau Dörr . » Er wird doch nich ... Jott , wie heißen sie doch , die so viele Frauen haben , immer gleich sechs oder sieben und manche noch mehre ... Ich weiß nich , was sie mit so viele machen . « Es war ein Thema , wie geschaffen für Frau Dörr . Aber die Nimptsch beruhigte die Freundin und sagte : » Nein , liebe Dörr , es is doch anders . Ich hab erst auch so was gedacht , aber da hat er gelacht und gesagt : I bewahre , Frau Nimptsch . Ich bin Junggesell . Und wenn ich mich verheirate , da denk ich mir , eine ist grade genug . « » Na , da fällt mir ein Stein vom Herzen « , sagte die Dörr . » Und wie kam es denn nachher ? Ich meine drüben in Amerika . « » Nu , nachher kam es ganz gut und dauerte gar nich lange , so war ihm geholfen . Denn was die Frommen sind , die helfen sich immer untereinander . Und hatte wieder Kundschaft gekriegt und auch sein altes Metier wieder . Und das hat er noch und is in einer großen Fabrik hier in der Köpnicker Straße , wo sie kleine Röhren machen und Brenner und Hähne und alles , was sie für den Gas brauchen . Und er ist da der oberste , so wie Zimmer- oder Mauerpolier , un hat wohl hundert unter sich . Un is ein sehr reputierlicher Mann mit Zylinder un schwarze Handschuh . Un hat auch ein gutes Gehalt . « » Un Lene ? « » Nu , Lene , die nähm ihn schon . Und warum auch nich ? Aber sie kann ja den Mund nich halten , und wenn er kommt und ihr was sagt , dann wird sie ihm alles erzählen , all die alten Geschichten , erst die mit Kuhlwein ( un is doch nu schon so lang , als wär ' s eigentlich gar nich gewesen ) und denn die mit dem Baron . Und Franke , müssen Sie wissen , ist ein feiner un anständiger Mann , un eigentlich schon ein Herr . « » Wir müssen es ihr ausreden . Er braucht ja nich alles zu wissen ; wozu denn ? wir wissen ja auch nich alles . « » Woll , woll . Aber die Lene ... « Achtzehntes Kapitel Nun war Juni 78. Frau von Rienäcker und Frau von Sellenthin waren den Mai über auf Besuch bei dem jungen Paare gewesen , und Mutter und Schwiegermutter , die sich mit jedem Tage mehr einredeten , ihre Käthe blasser , blutloser und matter als sonst vorgefunden zu haben , hatten , wie sich denken läßt , nicht aufgehört , auf einen Spezialarzt zu dringen , mit dessen Hilfe , nach beiläufig sehr kostspieligen gynäkologischen Untersuchungen , eine vierwöchentliche Schlangenader Kur als vorläufig unerläßlich festgesetzt worden war