Lage befinden durch Spekulationen , zu welchen ihn der Bankier Weiler verleitet habe , und so weiter . Ich habe ihn oft gewarnt . Umsonst . In Geldangelegenheiten ist er so optimistisch und vertrauensselig wie ein Kind . Er träumt immer noch von fabelhaftem Erwerb und Gewinn . Seltsamer Widerspruch seiner idealen Natur . Gräßlich , wenn er durch einen großen Verlust plötzlich aus diesem Traum gerissen würde . Dieses Erwachen könnte ihm den Verstand kosten . Er ist ja von einer so krankhaft übertriebenen Feinfühligkeit ... Und alles das stürmt in vierundzwanzig Stunden auf mich ein , während er sich plötzlich mir entzieht ... Ach , ich bin namenlos unglücklich ... Alles verliere ich mit ihm ... Können Sie mir das nachfühlen , Herr Schlichting ? Können Sie das ? « Herr Schlichting befand sich in einer ausgesuchten Verlegenheit . Erst war ihm jedes Wort von der Hausfreundschaft wie ein Stachel in die Seele gegangen , dann unterstrich er den Fortgang des leidenschaftlichen Berichtes in kühleren Gedanken mit einem » Auch sie « , und zuletzt gewann sein natürliches Mitempfinden wieder die Oberhand . Und gar als sie seine Hand auf ihre Brust drückte , war er so tiefinnerlich von ihrer Hilflosigkeit , ihrem Leid , der Berechtigung des Schmerzes und der Tücke des Schicksals durchdrungen , daß er ihr hätte zu Füßen sinken und den Saum des Gewandes küssen mögen . Jetzt , wo sie ihn fragte : » Können Sie das fassen ? « da lockte es ihn wieder mit der ganzen überlegsamen Kraft des Impressionisten herauszurücken : » Gewiß kann ich das , denn es ist ein wunderschönes Dokument menschlicher Verirrung ; wenn ich Ihnen aber als ehrlicher Mann raten soll , so lassen Sie künftig die Dummheiten der Hausfreundschaft bleiben und lassen den Baron laufen wohin und so weit er will , Ihr Gatte muß Ihnen genügen . « Nein , das moralisierend zurechtweisende Schwänzchen » Ihr Gatte muß Ihnen genügen « wäre eine bodenlose Anmassung gewesen . Kein Gatte in der Welt muß genügen . Es gibt Gatten , die keinen Schuß Pulver wert sind . Das Weib hat auch dem Gatten gegenüber das unanfechtbare Recht der auf gründliche Erfahrung und tiefe Wissenschaft gestützten Kritik - und wenn sie kraft dieser Kritik experimentiert , mit einem Hausfreunde vergleichende Studien treibt ... ja ums Himmelswillen , was geht das unbeteiligte Dritte an ? Das ist ja alles so unausdenkbar intimster Natur ... Allein Gefühl und Verstand lagen nur einen Moment in so seltsamem Widerstreit . Die vornehme Frau hatte mit ihrer Herablassung und er Enthüllung ihres Leides schließlich eine solche Gewalt über seine kühlere Einsicht gewonnen und die ganze Luft seiner abendlich stillen Stube so mit elektrischer Spannung erfüllt , daß es ihm in allen Nerven zuckte und prikelte , daß er selbst leidenschaftlich erregt , nur die Worte hervorbrachte : » O , befehlen Sie über mich , was kann ich für Sie thun ? « Dabei liebkosten seine Finger ihren Handschuh und streichelten bis zum Handgelenk , wo durch eine Öffnung des Leders sich ein Stückchen kerniges , heißes Fleisch herauspreßte ; er tippte mit den Fingerspitzen darauf , erst zaghaft , dann fest , und wiederholte dringlich : » Was kann ich für Sie thun ? « In solchen Lagen und Stimmungen fallen alle konventionellen Schranken , welche die Gesellschaft sonst mit so steifer Komödienspielerei zwischen den Menschen aufrecht erhält und im Namen der Sitte , des guten Tones und ererbter Gesetze von jedermann respektiert wissen will . Im Leid gibt es keine Standesunterschiede , da bricht das allgemeine , ursprüngliche Menschengefühl hervor wie eine Frühlingsblume aus dein letzten Eis und Schnee . Da steht das Herz zum Herzen auf du und du . Jede Not , innere und äußere , ist eine Gleichmacherin ; sie setzt Ich und Nicht-Ich auf die gleiche Linie und rückt sie so nahe zusammen , daß sie in eins verschmelzen . Die fremde Not wird als die eigene empfunden , sie ist nichts Fremdes , nichts Gleichgültiges mehr . Du weinst über das Weh des andern - es ist dein eigenes . Tat-twam asi ! Das bist du ! Alles was lebt und leidet , das bist du selber . Alle Vielheit ist Täuschung und Schattenbild in Raum und Zeit - und Raum und Zeit sind selbst Täuschung und Schattenbild des einzigen ewigen Wesens . Tat-twam asi ! Das ist die Uroffenbarung der Menschheit , Kern und Stern aller Evangelien , aller heiligen Schriften , in welchen Zeichen und Zeiten sie auch geschrieben sein mögen . War das noch die vornehme , reiche , beneidete Frau des Kommerzienrats , die hier in seinem dunklen , armen Stübchen vor ihm saß auf dem harten Stuhl und deren Hand er in der seinen preßte , er , der obskure Kandidat der Philologie , der » Einsame « , wie ihn die Kameraden nannten ? Wie eine Vision erschien ihm jetzt wirklich das Menschenpaar unter dem Weidenbaum am nächtigen Isarstrand , und wie er die Züge erforschte , da waren es keine fremden : es war sein Antlitz und die ihm gegenübersitzende Frau barg ihr Haupt in seinem Schoße ... Und draußen rauschte leise die Isar ein Trostlied . Jetzt konnte er auch im Ernste den brüderlichen Sorgenteil haben , den ihm Kuglmeier erst vor wenigen Stunden hier im Scherz zugesprochen hatte . Und hatte er nicht Herzensnot wie sie ? Wie sollte er nicht zu seiner Kümmernis all ' ihren Kummer nehmen ? Wie sollte er sie nicht trösten , wie ein Bruder seine Schwester tröstet ? Er hörte kaum ihr still verhaltenes Schluchzen , er sah nicht die Thränen , die sich langsam aus ihren schönen , großen Augen lösten und die Wange herabrollten ; in dichter Finsternis saßen sie da , Hand in Hand , durchflutet von dem stürmischen Lebensgefühl , das sich seines Anrechtes auf Glück nicht stumpf begeben , nicht feig entsagen will . » Was kann ich für Sie thun ? « fragte