Herrenhäusern sitzen zu sehen , weit auseinander im Lande wohnend . Während die jungen Notare einstweilen noch in den Wohnräumen ihrer Vorgänger die Ämter antraten und verwalteten , suchte gelegentlich jeder in den Ortschaften seines Kreises eine Behausung . Das gab Gelegenheit , sich der angesessenen Wohnerschaft zu zeigen und Leutseligkeiten mit ihr zu tauschen . Um auf der nunmehrigen Laufbahn nicht mehr verwechselt zu werden , hatten sie auch das Äußere so ungleich als möglich gemacht , Julian das üppige Haar kurz gestutzt und ein zartes Schnurrbärtchen gepflanzt , Isidor das Haar mit Pomade glatt gestrichen und gescheitelt ; dazu trug jener einen schwarzen Filzhut , breit wie ein Wagenrad , dieser ein Hütlein wie ein Suppenteller . Das Glück wollte , daß beide in kurzer Zeit Anlaß fanden , ein schönes Grundstück zu billigem Preise an sich zu ziehen und statt der bisherigen Besitzer lediglich den eigenen Namen in die Grundbücher einzutragen . Nachher konnten sie soviel Land davon verkaufen , daß sie beinahe zinsfrei wohnten . Julians Sitz lag im Osten in der großen Dorfschaft Lindenberg ; die weit zerstreuten Häuser zogen sich um den Fuß des Berges herum , die neue Kanzlei aber glänzte weiß von der Höhe ins Land hinaus . Isidor hatte zur Residenz die Kirchgemeinde Unterlaub gewählt , und das kleine , aber zierliche Landhaus , das er bezogen , war ebenfalls auf einer anmutigen , aus grünem Buchengehölz ragenden Erdbrust gelegen , wo es » im Lautenspiel « hieß . Wenn die Eltern Weidelich zu einer gewissen Jahreszeit des Abends , bei schönem Wetter , die Anhöhen über dem Zeisighofe bestiegen , so konnten sie in der Ferne die weißen Mauern und die Fenster beider Häuser im Scheine der niedergehenden Sonne schimmern und funkeln sehen . Aber nicht nur das Himmelslicht , auch die Gunst der Menschen schien die glückseligen Wohnungen und ihre Eigner zu verklären ; denn als wiederum eine kleine Zeit verstrichen , starb in Isidors Gegend ein altes Mitglied des Großen Rates und nahm in Julians Revier ein anderes , durch Verhältnisse genötigt , seinen Austritt . Die Altliberalen , über den Verlust ihres alten Genossen betrübt , wollten es auch einmal mit jungem Holze versuchen und hoben den jungen Notar im Lautenspiel auf den Schild ; die Demokraten im Osten holten schon seines großen Hutes wegen den Julian vom Lindenberg herunter ; denn dieser Hut , als ein unverhohlenes Zeichen der Gesinnung , bildete einen trefflichen Gegensatz zu dem gescheitelten Haar und dem glatten Gesicht Isidors und eine Herausforderung aller Andersgesinnten überhaupt . Sie wurden zur nächsten Versammlung des zweihundertköpfigen Rates einberufen und , nachdem die Wahlen anerkannt , zum Handgelübde in den Saal geführt ; schon vor der Sitzung hatten sie unter Anleitung des Weibels sich die Plätze ihrer Vorgänger gesucht und nahmen nach vollzogener kurzer Handlung dieselben ein . Als sie nun dasaßen , der eine hier , der andere dort , waren beide gleichmäßig still und doch unaufmerksam , so daß sie kaum wußten , was jetzt verhandelt wurde . Nach und nach fiel es ihnen ein , daß sie gedruckte Sachen in einem Umschlag mit sich führten , neue Vorlagen wurden ausgeteilt , sie vertieften sich blätternd darein und erwischten auch den Faden , an welchem die Beratung eines Gesetzentwurfes sich hinspann . Aber schon bei der ersten Abstimmung , die im Laufe des Morgens stattfand , fehlten sie im Saale , da sie ihren guten Bekannten gefolgt , die ihnen gewunken , und mit denselben zum Frühstücke in eine Schenke gelaufen waren . Es konnte wegen Unvollzähligkeit überhaupt nicht abgestimmt und mußten die Weibel ausgesandt werden , aus den umliegenden Wirtschaften die Abwesenden herbeizuholen , während der ernstere und an Ausdauer mehr gewöhnte Teil der Senatoren , der auf dem Rathause saß , irgendeinen Bericht anhörte . In den ihnen wohlbekannten dunkeln , von Geräusch erfüllten Zechstuben stellten sich die Weibel unter die Türen und ersuchten mit lauten Ausruferstimmen die hochgeachteten Herren , zur Abstimmung zu kommen . Mit einigem Tumult erhoben sich die eifrigen Frühstücker und kamen , die Zwillinge mitten unter ihnen , eilig in einer dichten Wolke durch die uralte Türe hereingeströmt . Isidor und Julian fanden die Sache lustig und kamen mit lachenden Gesichtern , während der verdrießliche Präsident auf dem Hochsitze zum ersten Vizepräsidenten neben ihm sagte : » Das geht ja bald wie in einer Schule , wenn man die Knaben hineintreibt ! « Es wurde mit dem Entwurf fortgefahren , wollte aber nicht recht klecken , weshalb der Präsident vorschlug , abzubrechen und eine Nachmittagssitzung zu halten . Das beliebte der Versammlung und verschaffte den zwei jüngsten Mitgliedern ein neues Vergnügen , indem sie , jeder unter einer Schar seiner Gesinnungsgenossen , zum Mittagessen ins Gasthaus wanderten . Dort tauten sie vollständig auf , beim Kartenspiel um den schwarzen Kaffee die Weihe der Ebenbürtigkeit erwerbend . Als man nach zwei Stunden in die Ratssitzung zurückkehrte , fühlten sie sich schon wie zu Hause . Sie begannen an diesem ersten Tage die äußerlichen Gewohnheiten älterer Stammgäste und vielbeschäftigter Männer nachzuahmen , Julian verließ seine Bank , um sich an einen Tisch zu setzen , welcher mit Schreibmaterial bedeckt in der Mitte des Saales stand . Einen Vorrat klein geschnittener Blätter nicht beachtend , löste Julian von einem Buche des schönsten Papiers einen großen Bogen ab , schlug ihn auseinander und statt ein Falzbein zu gebrauchen , riß er ihn aus freier Hand , um seine Kanzlistenkünste zu zeigen , mit einem Zuge mitten durch , allerdings schnurgerade . » Ratsch ! « machte der Herr Präsident , dem der schrille Laut in den Ohren weh tat , gegen seinen Nachbar , » diesen Vergeuder möchte ich nie zum Finanzminister machen ! Wie er nur mit dem schönen Papier umgeht , das ihn nichts kostet ! « Julian aber fuhr fort , die Stücke entzweizureißen , bis er endlich eines passend fand , darauf zu schreiben , die Feder eintauchte , nachdenklich zur Saaldecke emporschaute und dann anfing