« Und damit erhob sie sich und kehrte durch den Park ins Schloß zurück . Es lag ihr wirklich daran , den kleinen Geistlichen in Verwunderung zu setzen , und rasch erkennend , daß ihr wenigstens der Anfang der Ballade , der aus lauter Alltagsworten bestand , nirgends Schwierigkeiten machen würde , setzte sie sich an ihren Schreibtisch und schrieb , ohne daß sie das Wörterbuch zu Rate gezogen hätte : » Vater , Vater , lieber , guter Vater , Meine liebe Mutter liebt Barcsai . « » Hörst du , Weib , was unser Kind da plaudert ? « » Hör wohl , was es plaudert , liebster Gatte . Töricht ist es . Weiß nicht , was es redet . « Und er eilt von hinnen , fort auf Tolna , Ging die Hälfte Weges - kam dann wieder . » Öffne , Weib , die Türe , öffne , Gattin ! « » Ja , ich öffne , öffne schon , mein Gatte , Laß den Rock nur um den Leib mich werfen , Laß die Linnenschürze nur mich umtun , Laß die roten Stiefel nur mich anziehn . « Aber jener sprengte schon die Türe . Hier legte Franziska die Feder nieder und überflog das wenige , was noch folgte . Wo das sprachliche Verständnis einen Augenblick versagte , half ihr das Bild nur zu gut nach , und so wußte sie zum Schluß , daß das unglückselige Weib , » weil es den Barcsai geliebt « , bei einem durch den Gatten veranstalteten Rachegastmahl diesem und seinen Gästen als brennende Fackel gedient hatte . Sie schob entsetzt das Blatt beiseite . In diesem Augenblick aber meldete der alte Czagy , daß der Graf die Frau Gräfin zum Tee bitten lasse . Sie ließ ihm ihr Erscheinen zurücksagen , und als sie sich gleich darnach in einem kurzen Gespräche mit Hannah wieder gesammelt hatte , kam ihr plötzlich der Einfall , ob es sich nicht empfehlen würde , das ganze Vorkommnis ins Scherzhafte zu ziehen und dem Grafen eine humoristische Szene daraus zu machen . Wirklich , es war ein vorzüglicher Stoff , aber sie fühlte doch allzu deutlich , daß es mißglücken werde . So gab sie denn den Plan wieder auf und begnügte sich damit , bei der Teeplauderei von Toldy zu sprechen und von der kleinen Marischka , die mit jedem Tage reizender und drolliger werde . Zwanzigstes Kapitel Der Curatus , der am andern Vormittage wie gewöhnlich zum Unterricht kam , war mit der Übertragung zufrieden und erheiterte sich an Franziskas Entsetzen über den Inhalt der Ballade . Dabei nahm er zugleich Veranlassung , den Literarhistoriker zu spielen , Barcsai sei Lieblingsballade von alter Zeit her und seinem Stoffe nach nicht schrecklicher als andere . Das sei nun mal Balladenrecht , wenigstens in Ungarn . Es gäbe kaum ein altes Volkslied , darin nicht Verrat und Untreue vorkämen , denn das Lied spiegle das Leben . Allerdings verlange das Volksgefühl hinterher auch Sühne , ja , sei dabei ziemlich streng und gestatte meist nur die Wahl zwischen Eingemauert- und Angezündetwerden . Aber das letztere werde bevorzugt , weil es bunter und lebendiger sei . So ging das Geplauder , und alle Schrecknisse der Barcsaiballade waren aus ihrer Seele weggescherzt , als der Graf sie gleich nach Ablauf der Unterrichtsstunde zur Spazierfahrt abholte . Diese Spazierfahrten , die meist in die Berge hinein , aber auch wohl um die nördlichen Buchtungen des Sees gingen , blieben Franziskas besondere Freude , was nicht überraschen durfte . Der Graf war auf diesen Fahrten am gesprächigsten und plauderte dann viel von seinen Kinder- und Jugendjahren , von seiner geschwisterlichen Liebe zu Gräfin Judith und wie schön und reizend sie gewesen sei , bis endlich der alte Gundolskirchen , ein hausbackener Steiermärker , einer von denen , die mit Reiterstiefeln zur Welt kommen , an die Stelle der ihr angeborenen magyarischen Grazie die deutsche Würde vulgo Schwerfälligkeit gesetzt habe , den Rest habe dann die Kirche getan . Allemal , wenn das Gespräch diese Richtung nahm , nahm Franziska wahr , daß es dem Grafen in der Neigung lag , über die kirchlich und zugleich schwerfällig-deutsch gewordene Schwester Judith in einen spöttischen Ton zu verfallen , aber ebensowenig entging ihr , daß es diesem spöttischen Ton an Unbefangenheit gebrach . Soviel er sich dagegen sträuben mochte , die Schwester hatte doch das , was ihm fehlte : Klarheit und Einheit . Sie war jede Stunde dieselbe , während er auf jedem Gebiete schwankte . Selbst sein prononciert ungrischer Patriotismus , so voll und ehrlich er war , war doch schließlich nicht ganz das , wofür er ihn ausgab , und so kamen ihm selbst zum Trotz immer wieder Stunden , in denen er empfand , ohne Hof und Hauptstadt eigentlich nicht existieren zu können . Es ging eben ein Bruch durch sein Leben und seine Denkweise . Wochen vergingen . Eine besondere Freude war ihm die Vorliebe , mit der Franziska ihren Studien oblag , und nur ein Schatten lagerte sich über diese glückliche Zeit : allerlei Herrenbesuch aus der Nachbarschaft kam , oft mehr , als lieb und bequem war , aber die Damen blieben aus und ließen mit jedem Tage deutlicher erkennen , daß man die Mesalliance betonen wolle . Der Graf ärgerte sich heftig und begann den Besuchern , ja selbst Szabô gegenüber , eine große Kühle zu zeigen und ließ sich dann im Gespräche mit Franziska , wenn der Besuch endlich fort war , bis zu Bitterkeiten und Drohungen hinreißen . Er sei nicht gewohnt , einen solchen Affront zu dulden ; ob man ihn etwa zwingen wolle , sich an die Revision der ungrischen Stammbäume zu machen ? Er habe lange genug gelebt , um das Wunderbarste darüber berichten zu können . In dieser erregten Sprache ging es weiter . Aber so heftig er war , so wurd es doch schließlich Franziska nie schwer , die Zornesfalte wieder wegzudisputieren . »