, lächelte gutmütig der gelehrte Bauer vom Steinhofe . » In früheren Zeiten ist lange genug ununterbrochen an mir die Reihe gewesen , mich über die Leute und Dinge zu verwundern . Jetzt bin ich gottlob wenigstens ein wenig dahintergekommen , daß man mit seinem Erstaunen haushalten muß und daß es schade ist , es an das unrichtige Individuum oder den unrechten Gegenstand wegzuwerfen . Morgen früh aber gehen wir beide zu Irene Everstein oder Frau von Rehlen . Weißt du , ich nenne sie am liebsten immer noch bei ihrem Vaternamen , noch dazu , da es auch der meinige ist . Wenn es dir paßt , so werde ich dich gegen elf Uhr abholen . Du kannst es mir aber aufrichtig sagen , wenn du andere wichtige Abhaltungen hast . « Ich hatte dergleichen nicht . Siebenzehntes Kapitel Wenn der Vetter Just sein Wort gegeben hatte , so konnte man sich darauf verlassen , daß er es pünktlich hielt . Dieses war selbst in seinen Traumjahren auf dem Steinhofe der Fall , und sein Aufenthalt in Amerika hatte nichts daran geändert . Fünf Minuten vor elf Uhr am folgenden Tage vernahm ich seinen langsamen , soliden Schritt auf der Treppe . » So , da bin ich , und wir können gehen « , sagte er . » Irene wird sich gewiß recht freuen ; aber ein Vergnügungsweg ist es nicht , das versichere ich dich . « Dieses brauchte er nun mir gerade nicht immer zu wiederholen , ich wußte es bereits . Die Zeiten , wo wir uns in dem Blättergrün und Sonnengold unserer Nußbaumnester an der Hecke von Schloß Werden schaukelten und uns daraus wild , frei und fröhlich in alle grenzenlose Jugendlust der Erde niedergleiten ließen - auf die » Vergnügungswege nach dem Steinhofe « , wie der Vetter sich ausdrückte - , die Zeiten waren nicht mehr vorhanden . Aber aus dem Sonnengold und Blättergrün stieg ich an diesem Morgen doch hernieder in den Straßenschmutz der Stadt Berlin . Wie du die Jugendfreundin auch finden magst , hiervon werdet ihr auch reden , Fritz Langreuter ! sagte ich mir wehmütig-bänglich ; und dazu war es schon sehr viel und ein großer Segen , am Arme des Vetters Just Everstein diese Straßen durchwandern zu dürfen , vorüber an den Anschlagsäulen mit den hundert bunten , zu den heutigen Lustbarkeiten einladenden Zetteln , ganz abgesehen von den anderen öffentlichen , privaten oder amtlichen Ankündigungen und Aufforderungen . » Guck , da steht die Gesellschaft und der Staatsanwalt wieder einmal einem durchgeschnittenen Halse gegenüber perplex ! Diese dreihundert Taler , die dem Denunzianten des Täters angeboten werden , sind für mich das kurioseste Preisgeld , was der Menschheit , das heißt dir , mir und den übrigen , hingehalten werden kann « , brummte der Vetter . » Was will es dagegen heißen , die beste Komödie zu schreiben oder das beste Bild zu malen und einen Preis dafür zu kriegen ? Beiläufig , ich habe es damals in der Neuyorker Staatszeitung gelesen , daß du auch einen Preis für eine wissenschaftliche Abhandlung bekommen hast . Das muß dich doch sehr gefreut haben , Fritz ; - als ich es las , war ich natürlich aus Rand und Band . Hast du noch ein Exemplar von der Abhandlung für mich , und kann ich sie verstehen ? « » Makulatur , alter Freund ! « sagte ich , besaß jedoch in einem staubigen Winkel ein hübsch Bündel von mir und der Welt höchst überflüssigen Abdrücken . Wir gingen weiter und sprachen auf dem ferneren Wege wenig mehr miteinander und nichts von irgendwelcher Bedeutung ; aber unter der Tür des Hauses , in dem Irene von Everstein jetzt wohnte , hatten wir eine Begegnung , von der kurz erzählt werden muß , und zwar mit einer kleinen Abschweifung . Es ist eine der volksläufigen Vorstellungen , daß die höheren Klassen unserer heutigen Gesellschaft den ideelleren Bestrebungen des Menschen immer noch vollkommen fremd gegenüberständen und teils mit Verachtung darauf herabsähen , teils drolligerweise Furcht davor hätten . Dem ist nach meiner Erfahrung nicht so , nicht einmal im großen ganzen . Daß man hier wie auch in anderen Kreisen ein tüchtig Quantum von Dilettantismus oder von beschäftigungsloser Neugier oder von leerem Vorwitz im Verkehr der Welt zu verdauen hat , ist freilich nicht zu leugnen ; doch wo hat man das denn nicht ? Ich meinesteils habe mich in meinem engen Reiche nie über eine aristokratische Mißachtung zu beklagen gehabt , wohl aber ziemlich häufig über des edeln deutschen Philistertums verzogene Schnauze ein vergnügtes Lächeln mit einiger Mühe unterdrückt . Wir deutschen Gelehrten usw. haben wahrlich keinen Grund , das » Krieg den Palästen ! « durch unseren Tabaksdampf nachzubrummen . Wahrlich , wenn es uns Spaß macht , so dürfen wir unsere Fehdebriefe da dreist an ganz andere Türen als die unserer früheren Reichsunmittelbaren usw. anheften . Einer von den letzteren , und zwar ein sehr guter Bekannter aus den Hörsälen der Universität und von manchem » wissenschaftlichen Abend « her , war es , der uns über die Schwelle , die wir eben überschreiten wollten , entgegentrat . » Sieh da , Doktor ! Was für ein guter , närrischer oder gar böswilliger Geist führt denn Sie in dieses Haus , wenn ich fragen darf ? « » Ich komme jedenfalls unter dem Geleit eines guten , treumeinenden Führers , mon prince « , erwiderte ich . » Ich wünsche eine Jugendbekanntschaft zu erneuern , Durchlaucht . « Die Durchlaucht oder Erlaucht hatte den Vetter höflichst gegrüßt und dieser den Gruß ebenso zurückgegeben . » Eine Jugendbekanntschaft ? Darf ich fragen , mit wem , lieber Freund und gelehrter Gönner ? « Ich stellte zuerst die beiden Herren einander vor , und sie begrüßten sich noch einmal . Dann beantwortete ich die an mich gestellte Frage , indem ich Irenes jetzigen Namen nannte , aber auch ihren Mädchennamen hinzufügte . Der Fürst * * sah mich