halbverhüllten , raffinierten Gemeinheit hatte er keine Ahnung , und daß sie ihm lustig aus den Lettern eines Buches entgegentrat , das erdrückte ihn fast . Ihm war jedes Buch so heilig , wie dem Wilden sein Fetisch ; und insbesondere jedes deutsche Buch , stand doch darin die » Weisheit « ! » Wozu werden solche Bücher gedruckt ? « fragte er sich , und versuchte an einer anderen Stelle zu lesen , vielleicht konnte er wenigstens dies erraten . Aber Paphnutius und Paphnutia blieben sich auf jeder Seite gleich in ihrem Reden und Tun . Da schlug er endlich das Büchlein zu und schob es heftig an seine Stelle zurück . Dann stand er lange regungslos und grübelte über seine Entdeckung nach . » Es gibt auch schlechte Bücher « , flüsterte er erstaunt vor sich hin , » um Gottes willen - wozu gibt es solche Bücher ? Wie kann es schlechte Bücher geben ? Und dann : Man weiß ja , wie die Mönche sind - der Fedko hat es ja eben selbst erzählt - wie , wenn hier lauter schlechte Bücher wären ? « Angstvoll stöberte er in dem Fache weiter . Aber der zweite , dritte , vierte Band , den er hervorzog , war gleichen oder ähnlichen Inhalts . Er brauchte nicht erst darin zu blättern , um dies zu erkennen , schon die sauberen Titelkupfer ließen keine andere Deutung zu . Sender war zufällig gerade an jenes Fach geraten , welches der alte Stephanus zur Erheiterung seiner Mußestunden so reichlich ausgestattet hatte . » Umsonst ! « stöhnte der Jüngling . » Hier sind keine Bücher , aus denen ich lernen kann , ich habe die Sünde umsonst auf mich genommen . « Ratlos wendete er den Blick von einem Fache zum anderen . Da fiel ihm eine Bücherreihe ins Auge , die etwas geringerer Staub bedeckte als die übrigen . Vielleicht hatte der alte Ämilius zuletzt darin geblättert . Er trat näher und zog einen der Bände hervor . » Theater « , las er . » Theater von Gotthold Ephraim Lessing . « Und darunter stand in großem Druck : » Nathan der Weise . « Kaum vermochte er das Buch zu halten , so sehr durchzitterte ihn die jähe Freude . Wie hatte er sich bei den Erzählungen seines Lehrers darnach gesehnt , endlich auch so ein » aufgeschriebenes Spiel « zu lesen ! Hier hatte er ein solches vor sich und es handelte dazu noch von einem Juden . Und Lessing hatte es geschrieben ! Sender erinnerte sich , daß Wild ihm erzählt , das sei ein großer Dichter gewesen . Er blickte zum Himmel empor . » Gott Israels , Herr der Heerscharen , du starker und einziger Gott , ich danke dir , daß du gewährt , wonach dein Knecht gedürstet ! « Laut und feierlich sprach er den hebräischen Dankspruch . Er hallte seltsam von den Klosterwänden wider . Dann schlug er das Buch auf . Dem Titel folgten zunächst die » Personen « . Er begriff sofort , was das bedeute : » Da hat er aufgeschrieben , wieviel Spieler man dazu braucht und wie jeder heißt . « Aber schon die erste Zeile im Verzeichnis faßte er sehr eigentümlich auf . » Sultan Saladin « , las er . » O du Lump ! - Ist das am End ' auch ein schlechtes Buch ? ! « Denn » Sultan « wird im podolischen Ghetto vornehmlich in jenem Sinne gebraucht , der auch unserem Sprachgebrauch nicht ganz fremd ist ; es ist dort das allgemein übliche Schimpfwort für einen Mann , der seinen sinnlichen Lüsten die Zügel schießen läßt und es zuchtlos mit mehreren Weibern zugleich hält . » Aber nein ! « berichtigte er sich , » solche Sachen wird doch so ein großer Dichter nicht aufschreiben ! ... Also , Saladin heißt er und ein elender Sultan ist er - aha ! Also steht bei jedem Namen aufgeschrieben , was das für ein Mensch ist , damit es der Spieler gleich weiß ! « Aber schon bei der nächsten Zeile stimmte dies nicht . » Sittah , seine Schwester - warum steht nicht auch da , wie sie ist ? ! Sie muß ja darum nicht auch schon schlecht sein , weil sie die Schwester von so einem Kerl ist ! Oder ist das gar so gemeint , wie in dem ekelhaften Buch von Paphnutius ? - Da nennen sich der Mönch und die Nonne auch Bruder und Schwester ! ... Aber weiter : Nathan , ein reicher Jude in Jerusalem ... Was ? ! « Sender unterbrach sich erstaunt und las es nochmals . » Reich ? ! « rief er höhnisch - » und in Jerusalem ? ! Mein lieber Mensch « - er meinte Lessing - , » ich glaub ' gern , daß du ein großer Dichter bist , und ob du trotzdem auch ein Schweinemagen bist , wird sich erst zeigen , aber daß du nichts von Juden verstehst , seh ' ich schon jetzt ! Hast du schon heutzutag ' von einem reichen Juden in Jerusalem gehört ? Andere Leut ' noch nicht ! « Auch diese Kritik war begreiflich . Das ungemeine Elend , in dem heute die jüdischen Bewohner der heiligen Stadt dahinleben , ist ein ständiger Gesprächsstoff des östlichen Ghetto - wird doch für diese armseligen frommen Müßiggänger unablässig gesammelt , und es vergeht kaum ein Monat , wo nicht ein Sendling von dorther auftaucht und durch grelle Schilderungen das Mitleid der polnischen und russischen Juden für ihre verkommenden Glaubensbrüder wachruft . » Reich ! - haha ! « Sender zuckte die Achseln . » Recha , dessen angenommene Tochter - meinetwegen , aber von Juden weißt du wirklich nichts , mein lieber Mensch , der Name heißt Rachel . « Die nächste Zeile aber machte das Maß seiner Nichtachtung für Lessings jüdische Kenntnisse vollends überfließen . » Daja , eine Christin