fremde Menschen zugegen ; waren wir aber nicht allein , so murmelte er dasselbe leise vor sich hin , daß nur ich es hören konnte . Ich hafte ihn nun wohl so bitter , als er mich hassen konnte ; aber ich wich ihm aus und fürchtete den Augenblick , wo es einmal zur Abrechnung käme . So ging es ein volles Jahr lang , und der Herbst war wieder gekommen , wo eine große militärische Schlußübung stattfinden sollte . Wir freuten uns immer auf diesen Tag , weil wir da nach Herzenslust schießen durften . Aber für mich waren alle gemeinsamen Freuden trüb und kalt geworden , da mein Feind zugleich teilnahm und öfter in meine Nähe geriet . Diesmal wurde unsere Schar in zwei Hälften geteilt , von denen die eine den waldigen und steilen Gipfel einer Anhöhe besetzen , die andere aber den Fluß überschreiten , den Hügel umgehen und einnehmen sollte . Ich gehörte zu dieser , mein Feind zu jener Abteilung . Wir hatten schon die ganze Woche vorher einen kleinen Brückenkopf gebaut und leichte Palisaden zugespitzt und eingerammelt , während einige Zimmerleute eine Brücke über das seichte Wasser geschlagen . Nun erzwangen wir mit unserm Geschütze höherer Verabredung gemäß den Übergang und trieben rüstig den Feind berghinan . Die Hauptmasse zog auf einem schneckenförmigen Fahrweg aufwärts , indessen eine weitgedehnte Plänklerkette das Gebüsch säuberte und über Stock und Stein vorwärtsdrang . Bei dieser war das größte Vergnügen und auch die stärkste Aufregung ; die einzelnen Leute rückten sich auf den Leib , die zum Rückzuge bestimmten wollten durchaus nicht weichen , man brannte sich die Schüsse fast ins Gesicht , und mehr als ein Ladstock schwirrte , im Eifer vergessen , durch die Bäume , und nur das Glück der Jugend verhütete ernstliche Unfälle ; auch war der alte Feldwebel , welcher die Plänkler beaufsichtigte , genötigt , mit seinem Stocke dazwischenzuschlagen und reichlich zu fluchen , um die Disziplin einigermaßen zu wahren . Ich befand mich auf einem äußersten Flügel dieser Kette , teilte aber die Aufregung meiner Kameraden nicht , sondern ging gedankenlos vorwärts , ruhig und melancholisch meine Schüsse abgebend und mein Gewehr wieder ladend . Bald hatte ich mich von den übrigen verloren und befand mich mitten am Abhange einer wilden , mir unbekannten Schlucht , in deren Tiefe ein Bächlein rieselte und die mit altem Tannenwalde erfüllt war . Der Himmel hatte sich bedeckt , es ruhte eine düstere und doch weiche Stimmung auf der Landschaft ; das Schießen und Trommeln aus der Ferne hob noch die tiefe Stille der unmittelbaren Nähe , ich stand still und lehnte mich ausruhend auf das Gewehr , indem ich einer halb weinerlichen , halb trotzigen Laune anheimfiel , welche mich öfter beschlichen hat gegenüber der großen Natur und welche der Bedrängten Frage nach Glück ist . Da hörte ich Schritte in der Nähe , und auf dem schmalen Felspfade , in der tiefen Einsamkeit , kam mein Feind daher ; das Herz klopfte mir heftig , er sah mich stechend an und sandte mir gleich darauf einen Schloß entgegen , so nah , daß mir einige Pulverkörner ins Gesicht fuhren . Ich stand unbeweglich und starrte ihn an ; hastig lud er sein Gewehr wieder , ich sah ihm immer zu ; dies verwirrte ihn und machte ihn wütend , und in unsäglicher Verblendung der Gescheitheit , der vermeintlichen Dummheit und Gutmütigkeit mitten ins Gesicht zu schießen , wollte er in dichter Nähe eben wieder anlegen , als ich , meine Waffe wegwerfend , auf ihn losfuhr und ihm die seinige entwand . Sogleich waren wir ineinander verschlungen , und nun rangen wir eine volle Viertelstunde miteinander , stumm und erbittert , mit abwechselndem Glücke . Er war behend wie eine Katze , wandte hundert Mittel an , um mich zu Falle zu bringen , stellte mir das Bein , drückte mich mit dem Daum hinter den Ohren , schlug mir an die Schläfe und biß mich in die Hand , und ich wäre zehnmal unterlegen , wenn mich nicht eine stille Wut beseelt hätte , daß ich aushielt . Mit tödlicher Ruhe klammerte ich mich an ihn , schlug ihm gelegentlich die Faust ins Gesicht , Tränen in den Augen , und empfand dabei ein wildes Weh , welches ich sicher bin , niemals tiefer zu empfinden , ich mag noch so alt werden und das Schlimmste erleben . Endlich glitten wir aus auf den glatten Nadeln , welche den Boden bedeckten , er fiel unter mich und schlug das Hinterhaupt dermaßen wider eine Fichtenwurzel , daß er für einen Augenblick gelähmt wurde und seine Hände sich öffneten . Sogleich sprang ich unwillkürlich auf , er tat das gleiche ; ohne uns anzusehen , ergriff jeder sein Gewehr und verließ den unheimlichen Ort . Ich fühlte mich an allen Gliedern erschöpft , erniedrigt und meinen Leib entweiht durch dieses feindliche Ringen mit einem ehemaligen Freunde . Von dieser Zeit an trafen wir nie wieder zusammen ; er mochte aus meiner verzweifelten Entschlossenheit herausgefühlt haben , daß er im ganzen doch an den Unrechten gerate , und vermied jetzt jede Reibung . Aber der Streit war unentschieden geblieben , und unsere Feindschaft dauerte fort ; ja sie nahm zu an innerer Kraft , während wir uns in den Jahren , die vergingen , nur selten sahen . Jedes Mal aber reichte hin , den begrabenen Haß aufs neue zu wecken . Wenn ich ihn sah , so war mir seine Erscheinung , abgesehen von der Ursache unserer Entzweiung , an sich selbst unerträglich , vertilgungswürdig ; ich empfand keine Spur von der milden Wehmut , welche sich sonst beim Anblicke eines verfeindeten Freundes mit dem Unwillen vermischt ; ich fühlte den reinen Widerwillen und daß , wie sonst Jugendfreunde für das ganze Leben eine Zuneigung bewahren , dieser für die gleiche Dauer mein Jugendfeind sein würde . Ähnliche Empfindungen mochte er bei meinem Anblick erfahren , wozu noch der Umstand kam ,