keine Gewalt hat ; das macht die reine Flamme , die innen brennt . Ich habe Marie nie gesehen , ohne mit einer Art von freudiger Gewißheit die Empfindung zu haben : sie wird beglücken und wird glücklich sein . « Turgany drückte dem Freunde die Hand . » Othegraven , ich habe immer große Stücke von Ihnen gehalten , von heute ab lasse ich Sie nicht wieder los . « So ging die Unterhaltung ; das Schlittengeläute klang über die Schneefelder hin ; in den Dörfern war alles still ; kein Licht als die glitzernden Sterne . Dieselben Sterne schienen auch in ein Giebelfenster von Schulze Kniehases Haus . Marie schlief ; die Bilder des letzten Abends , wie sie Leben und Dichtung geboten hatten , zogen in einem phantastischen Zuge an ihr vorüber : vorauf der Dolgeliner Pastor mit dem Schmidt von Werneuchenschen Hägereiter , der jetzt sein Waldhorn , statt es zu blasen , über der Schulter trug ; dann der » Wagen Odins « , riesig vergrößert , auf dessen Achse Prediger Seidentopf stand . Den Schluß aber machte » der Knabe mit dem Stabe « , und das Weihnachtslied , das Tante Schorlemmer und Renate gesungen hatten , klang im Traume nach . Siebzehntes Kapitel Tubal an Lewin Der dritte Feiertag fiel auf einen Sonntag . Es war ein klarer Morgen . Die Scheiben , nach der Parkseite hinaus , standen im goldenen Schein der eben über den Kirchhügel steigenden Sonne , überall aber , selbst wo sonst Schatten lag , leuchtete der am Abend vorher frisch gefallene Schnee . Es mochte neun Uhr sein . In dem großen Wohnzimmer , in das wir unsere Leser schon in einem früheren Kapitel führten , saßen Lewin und Renate , aber nicht um den Kamin herum , wie am Abend des ersten Weihnachtstages , sondern in der Nähe des eine tiefe Nische bildenden Eckfensters . Sie hatten hier nicht nur das beste Licht , sondern vermochten auch mit Hilfe der mehrgenannten breiten Auffahrt auf die Dorfstraße zu blicken , deren Treiben in der Einsamkeit des ländlichen Lebens immer eine Zerstreuung und oft den einzigen Stoff der Unterhaltung bietet . Das Frühstück schien beendet ; die Tassen waren zurückgeschoben , und Lewin legte eben ein elegant gebundenes Buch aus der Hand . » Ich fürchte , Renate , wir haben ihm doch unrecht getan . Aber diese unglückliche Begeisterung des Dolgeliner Pastors ! Da reißt einem die Geduld . Und doch ist viel Sinniges darin . Nun hinke ich mit meiner Ehrenerklärung nach ; amende honorable retardée oder moutarde après le diner , wie Tante Amelie mit Vorliebe sagen würde . « Renate nickte . » Apropos die Tante « , fahr Lewin fort , » ich habe den kleinen Schlitten bestellt , zwei Uhr ; in einer Stunde sind wir drüben , ich fahre selbst . - Und Marie war noch immer nicht in Guse ? « fügte er nach einer kurzen Pause hinzu . » Nein « , erwiderte Renate . » Du schriebst aber doch , sie habe einen guten Eindruck auf die Tante gemacht . Wenn die Gräfin Pudagla nicht Anstand nahm , unserem Liebling in diesem Zimmer zu begegnen , so sollte ich meinen , das Eis müßte gebrochen sein . « » Die Begegnung war unabsichtlich ; Marie , die mir ein Buch unseres Seidentopf brachte , trat unerwartet ein . Im übrigen solltest du nicht immer wieder vergessen , daß die Tante alt ist und einer anderen Zeit als der unserigen angehört . Warum willst du Standesvorurteile nicht gelten lassen ? « » Die lasse ich gelten , vielleicht mehr , als recht ist . Aber was ich nicht gelten lasse , das sind die Halbheiten . Tante Amelie - die Vitzewitze mögen mir diese Bemerkung verzeihen - ist durch ihr Hineinheiraten in die Pudaglafamilie in gewissem Sinne über uns selbst hinausgewachsen , sie ist eine vornehme Dame , und wenn es ihre gräfliche Gewohnheit wäre , fächernd und ein Bologneserhündchen im Arm , über das Zweimenschensystem geheimnisvolle Unterhaltungen zu führen , so würde ich ihr respektvollst die Hand küssen und am allerwenigsten eine Widerlegung versuchen . Ich wiederhole dir , ich kann all das würdigen , wenn meine eigenen Empfindungen auch andere Wege gehen . Aber Tante Amelie gehört nicht zu diesen Gräfinnen aus der alten Schule . Sie hält sich für aufgeklärt , für freisinnig . Da vergeht kein Tag , keine Stunde , wo nicht aus Montesquieu , aus Rousseau zitiert , wo nicht freiheitlich-erhaben von der vaine fumée gesprochen wird , que le vulgaire appelle gloire et grandeur , mais dont le sage connait le néant , und wenn nun nach all dieser Philosophenherrlichkeit die Probe auf das Exempel gemacht werden soll , so erweist sich alles als leere , pomphafte Redewendung , als bloße Maske , hinter der sich der alte Dünkel birgt . « Die Schwester wollte antworten , Lewin aber fuhr fort : » Nein , nein , Renate , suche davon nichts abzudingen ; ich kenne sie , so sind sie samt und sonders , diese Rheinsberger Komtessen , denen die französischen Bücher und Prince Henri die Köpfe verdreht haben . Humanitätstiraden und dahinter die alte eingeborene Natur . Es ist mit ihnen , wenn du das prätentiöse Bild verzeihen willst , wie mit den Palimpsesten in unseren Bibliotheken , alte Pergamente , darauf ursprünglich heidnische Verse standen , bis die frommen Mönche ihre Sprüche darüber schrieben . Aber die Liebesseufzer an Chloe und Lalage kommen immer wieder zum Vorschein . Rundheraus : das Vorurteilsvolle lasse ich gelten ; nur das Unwahre verdrießt mich . « » Daß ich dir ' s nur bekenne « , nahm jetzt Renate das Wort , » ich hatte ein Gespräch mit der Tante über eben diesen Gegenstand . Sie hat sich zu dem Widerspruchsvollen , das in ihrer Haltung liegt , bekannt , und dies Bekenntnis , das sie sehr liebenswürdig gab , wird dich schließlich