» Rufen Sie den Kapitän , hierher ! « schrie er . Der Obersteuermann mußte aber seiner Sache sehr sicher sein , er schien jeden Augenblick für kostbar zu halten , denn er kehrte sich plötzlich von dem widerspenstigen Matrosen ab und wendete das Schiff mit flatterndem Topsegel , indem er die Hauptbrasse schießen ließ . Dann befahl er der Mannschaft , das große Segel zu reffen , aber - keiner wollte gehorchen . Was hatte den sonst so ruhigen und besonnenen Obersteuermann plötzlich aus der Fassung gebracht ? Meer und Wind waren still , keine Gefahr weit und breit - was wollte er eigentlich ? Er selbst benahm sich wie ein Wahnsinniger . » Van Swieten ! « schrie er . » Van Swieten , komm um Gotteswillen herauf . In wenigen Minuten geht es um unser Leben , wenn deine Leute nicht gehorchen . « Unwillkürliches Entsetzen packte die Matrosen . Nur Mohr stand aufrecht mit gekreuzten Armen » Es kommt ! « sagte er leise , » es kommt ! - Herr , sei ihnen gnädig ! « Robert stürzte an ihm vorüber zur Kajütentür . » Herr Kapitän ! - Herr Kapitän ! - Sie müssen an Deck kommen . « Van Swieten war wie gewöhnlich halb betrunken und fuhr aus ahnungslosem Schlaf auf . » Zum Teufel , Junge , was schreist du ? Willst du das Tauende kosten ? « » Van Swieten ! « rief wieder der Obersteuermann , » komm und gib mir das Kommando zurück , oder wir sind alle verloren . Das Schiff steuert in voller Fahrt auf die Kubariffe los . « Van Swieten taumelte an Deck . » Was sagst du da , Renefier ? Geh in deine Kajüte und sei still . Wo ist der zweite Steuermann ? « Der Gerufene erschien mit bleichem , ängstlichem Gesicht . Er verteidigte sich nicht , als ihn der Obersteuermann bei beiden Schultern packte und derb schüttelte . » Hast du den Standort aufgenommen , Bursche ? Kannst du das überhaupt ? - Wo ist deine Höhenberechnung ? « Die Zähne des jungen Menschen schlugen hörbar aufeinander » Ich weiß es nicht « , stammelte er , » ich - ich verließ mich auf den Herrn Kapitän . « » Da haben wir ' s ! - Van Swieten , siehst du jetzt , was deine Gewaltmaßnahme angerichtet hat ? Wir sind alle verloren . « Da ertönte ein halb erstickter Ruf vom Ausguck her . » Scharf wenden , Brandungsfelsen dicht am Bug ! « » Nieder mit dem Ruder ! « rief Renefier , dessen Geistesgegenwart ihn nie verließ . » Nieder damit ! « Der Befehl wurde befolgt , aber die Galliot verlor Fahrt , streifte einen schaumbedeckten Felsen und lief mit dem Heck auf ein Riff . Jetzt herrschte allgemeine Bestürzung . Die Segel flatterten um die knarrenden Masten , die Taue rissen und peitschten umher , die Brandung heulte , der Rumpf dröhnte , die Leute schrien . Da rief van Swieten , wahrscheinlich nur um sich Ansehen zu verschaffen , mit lauter Stimme : » Den Anker los ! « - der sinnloseste Befehl , der überhaupt gegeben werden konnte . Der Anker schoß herab , so daß sich das Fahrzeug vor ihm drehte und plötzlich stillstand . Niemand dachte daran , die Segel zu reffen und so die Kraft der über Deck gehenden Sturzwellen zu vermindern . Niemand sah es , daß die Stelle , an der eben noch der alte Matrose gestanden hatte , leer war . » Renefier « , sagte van Swieten mit unsicherer Stimme , » ich bitte dich in Gegenwart meiner Leute um Verzeihung . Du hast das Kommando an Bord ! « Der mürrische Holländer antwortete keine Silbe darauf , gab aber sofort seine Befehle . Sämtliche Segel wurden gerefft und die Anker aufgehievt , um das heftige Stampfen des Schiffes abzuschwächen . Bei Tagesanbruch ließ Renefier ein Boot bemannen und untersuchte selbst die Lage . Die Galliot war mit der Flut über den äußeren Saum des Riffes hinausgekommen und ziemlich tief in die Zacken der Korallen eingedrungen . Totenstille herrschte an Bord , als das bekannt wurde . Van Swieten , unfähig , den Schlag zu ertragen , verbarg das Gesicht in beiden Händen und weinte . » Peilt die Pumpen ! « tönte Renefiers ruhiges Kommando . » Zehn Zentimeter Wasser im Schiff ! « meldete nach kurzer Pause der Zimmermann . Der Obersteuermann erbleichte . Die Galliot hatte also ein Leck , und die Ladung war auf jeden Fall verloren . » Vier Mann an die Pumpen ! « rief er . » Das große Boot herunter ! « Alle seine Befehle wurden jetzt mit unglaublicher Eile befolgt . Es gab für die Mannschaft der gestrandeten Galliot nur noch eine einzige Hoffnung auf Hilfe und Erlösung aus dieser schrecklichen Lage , nämlich eine Insel , die nicht weit von dem Riff aus dem Meer hervorragte . Das unglückliche Schiff lag fast in ihrem Schatten . Wenn es möglich war , dorthin wenigstens die kostbaren Schmuggelwaren zu retten , so ging doch nicht alles verloren und man konnte hoffen , mehr als das nackte Leben zu retten . Ein anderes Fahrzeug zu erwarten wäre vergeblich gewesen , da ja kein Schiff der gefährlichen Stelle nahe genug kommen würde , um die Galliot zu sichten . » Los , van Swieten ! « ermunterte Renefier , » nimm fünf oder sechs Mann und untersuche die Insel . Wenn es dort irgendeinen Schutz gibt , so müssen wir mit dem Boot unsere Ladung hinüberschaffen und die Antje Marie ihrem Schicksal überlassen . Je früher wir anfangen , desto mehr wird gerettet werden . « Der Kapitän sah aus wie ein Bild der Verzweiflung . Gerade auf diese Reise hatte er so große Hoffnung gesetzt , gerade diesmal hatte er fast sein ganzes Vermögen zum Ankauf der teuersten Waren verwendet , um auf einen Schlag Tausende zu verdienen