einander fragende Blicke zu , die Frauen senkten die ihren zur Erde . Frau Doktor Wenzel traten Tränen in die Augen ; hätte sie nur dem Rate ihres Herzens folgen dürfen , sie wäre hingetreten zu Bozena und hätte ihr die Hand gedrückt . Der Zweifel jedoch , ob ihr Mann dies billigen würde , hielt sie zurück , und sie sagte nur unwillkürlich : » Arme Bozena ! « Schimmelreiter starrte die Heldin des eben erlebten peinlichen Auftritts mit offenem Munde so befremdet an , als sähe er sie heute zum erstenmal . Seine Gattin vernahm , wie er leise vor sich hin sprach : » Darum also ... O wie brav ! « Der Freiherr wandte sich mit den Worten : » Une maîtresse femme , ma parole d ' honneur ! « zu Regula . Das Fräulein aber , deren Nase weiß wie Kreide geworden , war eitel Entrüstung und Unwille . » Skandal ! - Skandal ! - Skandal ! « wiederholte sie in einem fort , ließ ihrem Lohnkutscher befehlen vorzufahren und entfernte sich , ohne Abschied von irgend jemandem zu nehmen , mit der Familie Wenzel , der sie Plätze in ihrem Wagen antrug . Ihre bestürzten Verehrer gaben ihr das Geleite . Bozena stand noch immer wie angewurzelt auf derselben Stelle und schien von allem , was vorging , nichts zu sehen und nichts zu hören . Mansuet trat zu ihr , berührte ihren Arm und sagte sanft und unaussprechlich traurig : » Kommen Sie ! « Die Unglückliche zuckte zusammen , ein schwerer , schmerzlicher Seufzer hob ihre Brust , und gesenkten Hauptes folgte sie ihrem alten Freunde . 14 Ernst und von langer Dauer war die Unterredung , zu der am nächsten Tage Fräulein Heißenstein Herrn Doktor Wenzel geladen hatte . Es wurde die gewichtige Frage erörtert , ob Bozena nach der gestrigen unerhörten Szene beim » Grünen Baum « im Hause bleiben dürfe . Eine Person , die ihre eigene Schande in der Wirtsstube ausruft , ist keine passende Umgebung für eine ehrsame junge Dame . Andrerseits ist es auch nicht leicht , Bozena zu entlassen , » weil sie der Familie durch so lange Jahre treu gedient hat « , sagt - weil sie mir sehr nützlich ist , denkt Regula . Wir haben sie schwer genug vermißt all die Jahre hindurch ! » Mein gnädiges Fräulein « , meinte nach reiflicher Erwägung der kluge und praktische Doktor Wenzel , » das gestrige Ereignis gehört zu denen , die genausoviel Bedeutung haben , als man ihnen beilegt . « » Bin ich nicht schuldig , ihm eine große Bedeutung beizulegen ? « fragte Regula , » bin ich es nicht mir selbst schuldig ? Bestimmt nicht die Strenge , die ich einem Verbrechen gegenüber ... « » Einem Vergehen - einem Vergehen ! « berichtigte lächelnd der Advokat . » ... die ich einem schweren Vergehen gegenüber ausübe , meinen eigenen Wert ? « fuhr Regula fort , und Wenzel unterbrach sie von neuem und versicherte : » Keineswegs ! « » Was werden die Leute sagen , wenn ich meinen Abscheu vor so offenbarer Schande durch nichts - durch gar nichts betätige ? Fällt nicht ein Teil von ihr - es ist ein grauenhafter Gedanke ! - auf mich selbst zurück ? « entgegnete Fräulein Heißenstein , indem eine Gänsehaut sie überlief . Wenzel begann ein wenig ungeduldig zu werden , was sich bei ihm durch verdoppelte Freundlichkeit äußerte . Er ergriff Regulas Hand , küßte sie und sprach : » Getrost ! ... Seien Sie getrost ! Es wird niemandem einfallen , Sie verantwortlich zu machen für eine Jugendsünde Ihrer bereits in Jahren stehenden Dienerin . Sie waren vermutlich noch nicht geboren , als jene Sünde begangen wurde « , versicherte der Advokat mit einem fast zärtlichen Blicke und stand auf , » das enthebt Sie « - er suchte seinen Hut mit den Augen - » jeder Verantwortlichkeit . « » Glauben Sie wirklich ? « flüsterte Regula . Der Doktor hatte seinen Hut ergriffen und machte rücklings einige Schritte nach der Tür . » Wirklich ! « wiederholte er mit seiner süßesten Stimme , » wirklich und wahrhaftig , Gnädigste . Sie nehmen sich in der ganzen Sache aus - unschuldig wie eine weiße Taube ! - Und das arme Ding , die Bozena ! - Du guter Gott ... Diese Leutchen , das hat andere Ansichten als Sie , engelhaftes Fräulein , über gewisse natürliche Vorgänge ... « » Doktor Wenzel ! « rief Regula streng und vorwurfsvoll » nichts dergleichen in meiner Gegenwart ... Ich muß bitten - « » Befehlen ! befehlen ! - Sie müssen immer befehlen « , sprach der galante alte Herr , und das Fräulein gestand ihm zu , sie sehe ein , daß er im Grunde recht habe : » Es könnte wohl sein und wäre ziemlich natürlich , daß es für niedere Menschenklassen auch niedrigere Klassen der Moralität gäbe . Zwischen dem Stande einer Person und ihren Affinitäten besteht sicherlich eine große Harmonie . Geburt und Begriffe , Delikatesse , Takt , Gewissen decken einander . Ich glaube das . Ich begreife es sogar - und - wie schon Madame Staël-Holstein sagte : Begreifen heißt verzeihen . Nicht wahr , lieber Doktor ? « Wenzel küßte noch einmal Regulas Hand , dankte ihr für das edle Wort , das sie eben gesprochen hatte , fühlte sich beglückt durch den großmütigen Entschluß , der sich darin äußerte , und schied , wie er sagte , » gehoben und gerührt « . Auf dem Gange traf er Schimmelreiter samt Gattin und Bozena . Die Neuvermählten waren in voller Gala gekommen , um dem Fräulein Heißenstein für die Huld zu danken , die sie ihnen gestern durch ihre Anwesenheit beim Hochzeitsfeste erwiesen hatte . Unterwegs trafen sie die Magd und vermochten sich , wie es schien , vom Gespräche mit ihr gar nicht loszureißen . Die kleine dicke Frau