wurde dreißig Jahre , bevor ich mein Ziel erreichte . Auch du wirst es erreichen . Präge dir die Wappen ein , die über der Reckenburg vereinigt stehen , und bleibe fest darin , daß sie sich zum zweitenmal vereinigen sollen , dauernd vereinigen müssen . Halte dich brav , Eberhardine . Au revoir ! « Das also wars ! Das der heimliche Plan der alten Häuptlingin , als sie die Letzte ihres Stammes zur Prüfung unter ihre Augen lud ; das das Zeugnis , daß sie ihre Probe bestanden hatte : das fürstlich-freiherrliche Wappen mit der obligaten Grafenkrone in Permanenz über der Reckenburg ! Die letzte Reckenburgerin und der Letzte eines erlauchten Fürstenhauses die Gründer eines neuen , reichbegüterten Geschlechts ! Ei nun , es war eine Greisenschrulle , würdig der eisenfesten Erhalterin ; aber eine gar anmutende Schrulle auch für einen jugendlich Reckenburgschen Puls . Und wenn es zuviel behauptet wäre , daß der schöne prinzliche Zukünftige ihr im Traume erschienen sei : ein paar Stunden gewohnter Nachtruhe hat er seiner Braut in spe wahrhaftig gekostet . Mein heuriger Reisebegleiter war der Prediger , der sich durch kleine literarische Arbeiten ein paar freie Freudentage erkauft hatte . Es galt einen Besuch bei seinem in Leipzig studierenden Sohne ; es galt nebenbei einen Blick in den neuesten Meßkatalog und in die antiquarischen Schätze der Metropole deutscher Bücherwelt . Mein frohmütiger Freund hoffte , diese Meßfahrten halbjährlich erneuern zu können , und wir verabredeten zum voraus die gemeinsame Rückreise im Herbst . Ohne Zweifel würde mir nun dieses zweitägige Beieinander mit dem lieben , lehrsamen Herrn die ersprießlichsten Dienste geleistet haben , wenn zwischen den neuen spanischen Helden unseres Schiller und die metrischen Fehden von Lichtenberg kontra Voß nicht immer von neuem der zudringliche prinzliche Störenfried gefahren wäre . Die alte Reckenburgerin hatte wohl recht : ihre erkorene Nachfolgerin war nicht eben entzündlicher Imagination , und die Warnungstafel mit dem späten ehelichen Korrektiv war auch nicht zum Überfluß aufgestellt ; bei alledem aber blieb es ein feuergefährliches Spielwerk , das sie siebzehnjährigen Sinnen anvertraut hatte . Sooft Dame Weisheit den Verführer aus dem Felde schlug , lispelnd und lächelnd gaukelte er sich immer wieder ein . Chassez le naturel , il retourne au galop ! Ich wußte von dem jungen Herrn nichts , als daß mein Papa ihn einen Sausewind genannt hatte , und daß die Andeutungen der Gräfin diesem Epitheton just nicht widersprachen . Die Begierde , ein Mehreres über ihn zu erfahren , prickelte mich bis in die Zungenspitze . Ich machte endlich kurzen Prozeß und platzte mit der Frage : was von dem Stiefsohne meiner Tante zu halten sei ? mitten unter die idyllische Gesellschaft im ehrwürdigen Pfarrhause von Grünau . Der ehrwürdige Pfarrherr von Reckenburg stutzte . Er kannte den Prinzen natürlich nicht ; er kannte ja nicht einmal die Gräfin und war weit davon entfernt , in dem Sohne des Ungetreuen seinen dermaleinstigen Patron zu vermuten . Angeregt durch einen Zeitungsartikel , hatte daher nur ein Zufall ihm vor kurzem flüchtige Kunde über ihn zugetragen . Der junge , schöne Prinz - einen Antinous nannte ihn das Gerücht - , leichtlebig , zu galanten Abenteuern geneigt und mit seinen knappen Finanzen ärgerlich verwickelt , hatte längst schon über die methodischen Anforderungen des kurfürstlichen Hofes , dem er sich als Verwandter , Mündel und Militär untergeordnet sah , Verdruß und Langeweile zur Schau getragen , und ein Heißsporn in den Kauf , war er bei dem lässigen Ausgang der Monarchenversammlung zu Pillnitz während des verflossenen Herbstes in offene Empörung ausgebrochen . Er entwich heimlich von Dresden , um an dem Hoflager des Kurfürsten Klemens in Koblenz eine anregendere Kameraderie zu suchen . Hier in das frivole Treiben der Emigrierten bedenklich verflochten , hatte er sich kopfüber in eine Schuldenlast gestürzt , welche weder die Verwandtschaft von Kursachsen noch von Kurtrier zu honorieren geneigt war . Vor kurzem sollte er nun summarischen Befehl zur unverweilten Rückkehr nach Dresden erhalten haben , und hoffte man , auf diese Weise bei dem sich vorbereitenden Kreuzzuge gegen den fränkischen Jakobinismus vor einer kompromittierenden Teilnahme des fürstlichen Parteigängers sichergestellt zu sein . » Es hat sich , « so schloß der Prediger sein Referat , » es hat sich nach anderthalbhundertjährigem Schlummer im deutschen Walde ein treibender Sturm erhoben . Oben in den Wipfeln rauschts und brausts , während das Wurzelland , ein breiter , dumpfer Weideplatz , noch der umarbeitenden Pflugschar harrt . In der Gelehrtenwelt , in Kunst und Poesie , allerorten sehen wir einzelne Spitzen , unverstanden oder falsch verstanden , die Menge überragen . Auch in unseren ungezählten Dynastengeschlechtern tut sich dieses jache , ungleichartige Drängen kund . Wie viele sind ihrer nicht , die einen genialischen Sprossen getrieben haben ? Sehen sich diese Sprößlinge nun als Erben eines Thrones , wie Friedrich , wie Joseph , oder auf anderem Gebiete , wie der edle Weimaraner , so werfen sie sich auf zu Bahnbrechern einer neuen Ordnung , um je nach Kräften , Verhältnissen und Temperament in ihrem Streben zu siegen oder unterzugehen , immerhin aber einen Keim zu legen , welcher der Zukunft Früchte tragen wird . Sind es Nebenschößlinge , wie dieser Prinz , jüngere Söhne ohne Land und Macht , aber in fürstlicher Blendung , in fürstlicher Absonderung aufgewachsen , so sehen wir sie nur allzu häufig als taube Blüten vom Mutterbaume ab- und dem Gesetze verfallen , welches jede Kraft , die nicht Tat wird , zum Wahne werden läßt . Abenteurer und Tollköpfe , Lüstlinge und Sonderlinge , Dilettanten und Pfuscher , Freigeister und Geisterseher , rütteln sie für sich selbst an den Schranken , welche Sitte und Herkommen bis heute geheiligt haben , ohne für die Freiheit und Wohlfahrt der anderen eine einzige zu durchbrechen . Höher hinauf können sie nicht ; in die Breite und Tiefe wollen sie nicht , oder dürfen sie nicht . Sie bleiben eben Prinzen , das heißt Exzeptionen , denen kein anderes Feld des Ruhmes