. Guten Abend , Hanne - also fürs erste wäre alles zwischen uns wieder in Ordnung . « Sie hielt noch immer ihren Sohn am Oberarm ; jetzt faßte sie ihn fester und führte ihn ab , tapfer durch den Schmutz der Landstraße , den väterlichen Laren und Penaten zu . Unter dem Tor des Lauenhofes sprach sie : » Junge , Junge , was machst du für ein Gesicht ? Es werden jedermann zu seiner Zeit die Koffer gepackt , und du Narr wirst keine Ausnahme machen wollen ; - schäme dich ! Übrigens bei besserer Überlegung brauchst du heut abend dem Fräulein Adelaide noch nichts von deinem jämmerlichen Schicksal zu sagen . Wenn erst der Metzger vom Hofe ist , paßt die Zeit besser zu allen freundschaftlichen Erörterungen , und man hat seine Gedanken mehr beisammen , um auf nichtsnutzige Einwendungen und unangenehme Tränenfluten dienen zu können . « Vierzehntes Kapitel Die Alte hatte recht ; sie hatte viel Unruhe , aber auch viel Freude und großen Segen von dem Kinde , welches die schöne Marie in der Welt und in dem Siechenhause von Krodebeck zurückließ . Die Unruhe und Sorge entsprang bald ganz und gar den Gedanken an die Zukunft ; die Gegenwart bot nur Freude und Licht . Ja , Licht ! Es folgte überall ein glänzender Schein den kleinen Füßen , welche das Siechenhaus nun so lustig machten und die Greisin in stets neue Verwunderung setzten . Es war ja auch das erstaunlichste , daß diese kleinen Füße so viele und verschlungene Wege über Berg und Tal , durch Städte und Dörfer geführt worden waren , um endlich das Siechenhaus von Krodebeck zu erreichen und die alte Hanne Allmann zu umtanzen und zu umtrippeln , wie nur Elfenfüße trippeln und tanzen konnten . Ein Lebensjahr war der Hanne Allmann noch zugemessen , gerechnet von der Ankunft Marie Häußlers an - ein Jahr des Segens von Sommer zu Sommer ! Es war , wie wenn zu guter Letzt nun doch noch aller Welt Lieblichkeit und Schönheit in den dunkeln Winkel der Alten blicke und lächelnd rede : Hattest du gar keine Ahnung davon , Hanne , daß man diese kurzen fünfundsiebenzig Jahre hindurch nur seinen Spaß mit dir getrieben habe ? Du Närrin , es war ja nur ein Versteckenspiel ; jetzt mach die Augen auf , so weit du kannst , und sieh uns , wie wir sind und wie schön die Erde für ihre Bewohner , wie süß das Leben sein kann ! Die Greisin sperrte die trüben Augen freilich so weit auf , als sie konnte , und merkte , wie das immer geschieht , wenn die Freude auf Erden in ein Haus und in ein Herz kommt , durchaus nicht den bittern Hohn , der aus den Falten des blauen Gewandes der Göttin die Zähne wies . Sie war dankbar , als ob wirklich eine Verpflichtung dazu vorhanden sei . Ganz menschlich vergaß sie die fünfundsiebenzig Jahre der Dunkelheit um einen Augenblick nicht des Lichtes , sondern des Widerscheins des Lichtes . Sie vergaß den Scherz , welchen das Schicksal mit ihr getrieben hatte , im fünfundsiebenzigsten Lebensjahre , als ihre Augen bereits stumpf geworden waren und ihre Glieder zitterten unter der Last des höchsten Alters . Jauchzend brachte das Kind sein Spielzeug und füllte die Hütte damit an - das alte , das uralte Spielzeug der Menschheit , die Lust an den roten Morgen-und Abendsonnen , den treibenden Wolken , dem Reif am Baum , dem Mondschein auf den beschneiten Feldern ! Die Tür stand jetzt immer offen ; denn das Kind ging aus und ein und hatte die volle Schürze mit beiden Händen zusammenzuhalten , um nichts von seinen Schätzen zu verlieren . Fünfundsiebenzig Jahre war Hanne Allmann alt geworden , und immer noch rief es in dem Walde : Kuckuck up der Wie ' n , Wannehr schall eck frien ? Immer noch blies man auf die befiederte Samenkugel der abgeblühten Butterblume und fragte den Tod um seine Meinung und Absicht , während Mutter Natur ihr beschwingtes Blütenleben auf dem Kinderhauche weiter in die Welt hineinbeförderte . Noch immer war der Apfelbaum im Frühling aller Schönheit und im Herbste aller Herrlichkeit voll , und noch immer gab es nichts Geheimnis- und Ahnungsvolleres als im Februar den Haselstrauch mit seinen blutroten Kämmchen und gelben Troddeln . Antonie Häußler , das verwahrloste , verwilderte Kind der Vagabundin , kam wie die Tochter eines gar reichen , hohen Hauses in das Siechenhaus von Krodebeck . Die kleinen Hände , die zierlichen Füßchen , die klaren , klugen Augen und der lachende Mund waren gleich der Mitgift eines Königskindes zu achten , und der kluge , verständige Sinn , das leichte , gute Herz des Kindes , an welches niemand ein Recht hatte , stammten aus dem tiefsten , reichsten Grunde der Welt . Die Alte im Siechenhause schlug offen oder im stillen die Hände zusammen über den Reichtum , welchen ihr Tonie mitgebracht hatte ; die Alte vor allem war berufen , den Schatz zu erkennen und den höchsten Genuß sowie die größeste Sorge davon zu haben . Daß dem so war , sprach sich im vorigen Kapitel in der Unterredung mit der gnädigen Frau deutlich aus . Aber das Kind , das Kind war da in seiner ganzen Lieblichkeit , und die Sorge nahm in dem Gemüt der Greisin doch nur einen geringen Raum ein ! Erst kam die Verwunderung , dann das Lachen in das Siechenhaus zurück ; es ging kaum ein Tag vorüber , an welchem Hanne Allmann nicht sich und die schwarzen Wände fragte : » Wo kommt sie her ? Und wie komme ich zu ihr ? « Wenn Tonie dann zufällig die halblaute Frage verstand , so schmiegte sie sich dichter an die Pflegemutter und rief dagegen : » Von wem sprichst du , Mutter ? Sprichst du von mir ? Wenn du von mir sprichst , so sag ' s ; - ich will dir