leise und erschreckte die Mutter Anna dadurch ungemein . Sie fuhr hochauf und horchte , ob sie sich auch nicht getäuscht und das Spiel des Windes für das Anpochen einer menschlichen Hand genommen habe . War der Tote , für welchen der Ehemann und der Sohn sich quälten , ungeduldig geworden ? Kam er , um sich nach seinem letzten Hause zu erkundigen ? Frau Anna warf einen Blick nach dem Lager ihrer Tochter ; das junge Mädchen schlief ruhig weiter ; auch Hammer und Hobel in der Werkstatt ließen sich in ihrem Werke nicht stören . Aufrecht saß die Frau im Bett ; eben wollte sie sich wieder niederlegen , als sich das Anpochen wiederholte . Eine klare Stimme rief dicht vor dem Fenster : » Ich bin ' s. Erschreckt nicht . Ich bin ' s - Marie Heil ! « » Mein Jesus ! « rief die Frau . » Johannes ! Ludwig ! Da ist jemand draußen . Marie Heil ist draußen . Öffnet ihr doch ! Luise , Kind , wach auf ! « Luise erwachte und fragte , was es gäbe . In der Werkstatt hörte das Hämmern und Pochen auf . Auf den Ruf seiner Mutter hatte sich Ludwig Tellering blitzschnell von der Arbeit emporgerichtet . Als er den Namen Marie Heil vernahm , lief er , im höchsten Grade betroffen , eiligst der späten Besucherin die Tür zu öffnen . Die Frauen kleideten sich schnell an . Mit zitternder Hand schob Ludwig den Riegel der Haustür zurück . Der Wind blies ihm die Lampe aus , und er mußte die Hand der kleinen Familienfreundin ergreifen , um sie zu der Hofwohnung zu geleiten . » Was ist denn geschehen , Fräulein Marie ? « fragte er ängstlich . » Um Gottes willen , es ist doch kein Unglück geschehen ? « Die Stimme Maries kämpfte zwischen Weinen und Lachen , als sie antwortete : » Ein Unglück ? Nein , nein ! Aber ich muß fort - ich gehe fort - weit - weit - o so weit , Herr Ludwig ! « Herr Ludwig faßte die kleine Hand noch viel fester als vorher ; er ließ sie auch nicht eher los , bis die Hofwohnung erreicht war . Das Wort des Mädchens hatte den jungen Mann so erschreckt , daß ihm jedes Wort , jede Frage im Munde steckenblieb ; desto lauter und vielfältiger aber drängten sich die Fragen der übrigen Familie Tellering , deren Glieder jetzt sämtlich in der gerümpelvollen , verräucherten Werkstatt , zwischen Hobelspänen , Brettern , Werkzeug aller Art und neben dem Sarge versammelt waren . Der scharfe Wind , die Gemütsbewegung und der eilige Lauf durch die Gassen hatten die Wangen der kleinen Marie noch viel röter gemacht , als sie schon im gewöhnlichen Zustande waren . Eine geraume Zeit stand sie inmitten der verwunderten , erschreckten Freunde , ehe sie sich so weit gesammelt hatte , um Bericht zu geben über das , was sie zu so ungewohnter Stunde hertrieb . Ludwig Tellering hatte die Faust auf den halbfertigen Sarg gelegt , wiederholte im Innersten seiner Seele : ich gehe fort , weit , weit fort - , starrte das junge Mädchen mit weit offenen Augen an und sah ungefähr aus wie jemand , welcher aus einem schönen Traum vermittelst eines Waschnapfes voll kalten Wassers geweckt worden ist . » Setzen Sie sich doch , Marie « , sagte der Meister Johannes , eine Bank mit der Handwerksschürze abstäubend ; aber das junge Mädchen schüttelte energisch den Kopf : » Ich danke sehr , Meister . Ach du liebster Gott , fürs erste werde ich wohl nicht wieder zum Sitzen kommen und noch weniger zum Liegen . Wir gehen fort , o so weit - bis an der Welt Ende ; - erst nach Italien , dann nach Paris , dann nach Amerika . « » Nach Amerika ? ! « rief die Familie Tellering in den verschiedensten Tonarten , und Ludwig fuhr abermals zusammen , wie vom Blitz getroffen , faßte sich aber als ein Mann sogleich wieder und stellte sich fest auf den Füßen , als wolle er im Boden Wurzeln schlagen und Blätter und Blüten treiben , gleich einer von einem allzu persönlichen Gott verfolgten griechischen jungen Dame aus der Zeit der Metamorphosen . » Nanu ? « rief der Alte . » Ach du mein Himmel ! « rief Luise . » Nach Amerika ? ! « rief die Mutter Anna , auf einen Holzschemel sinkend . Ludwig Tellering sagte gar nichts ; er nahm mechanisch seine Mütze vom Tisch und setzte sie fest auf den Kopf . » Das ist wirklich eine merkwürdige Nachricht « , rief der Meister . » Und wann soll die Reise vor sich gehen ? « » In dieser Nacht - gleich ! Ich komme zu fragen , meine Herren , ob Sie uns helfen wollen beim Einpacken . Wir wollen mit fremden Leuten nichts zu tun haben . Viel nehmen wir nicht mit . Seht mich nur nicht so erschreckt an , ihr Leutchen ; es geht alles mit rechten Dingen zu . Wir überlegen es uns erst recht reiflich , ehe wir uns entführen lassen . « Die Aufregung der Familie Tellering stieg immer höher . Luise schloß die kleine Freundin in die Arme und rief schluchzend : » Es ist dein Ernst nicht , daß du weggehst ! Oh , Marie , was soll das nur ? Was soll das heißen ? « » Es ist mein völliger Ernst « , schluchzte dagegen Marie Heil . » Ich kann nicht anders , so große Angst ich auch habe . Es ist eine merkwürdige Geschichte , und ich hätte nie gedacht , daß ich so etwas erleben sollte . Ich kann meine Herrin nicht verlassen . « Die Dienerin Eva Dornbluths erzählte nun , was vorgegangen war , wie Herr Friedrich Wolf , der Bräutigam ihres Fräuleins , als ein reicher Mann heimgekehrt