Gruße den Alten , der , sich die Mütze aus der Stirn rückend , ihm verwundert nachschaute , mit dem Kopfe schüttelte , und wieder zum Spaten griff . - Oswald setzte seine rastlose Wanderung durch den Garten fort , dann aber wurde es ihm auch hier zu eng in dem von dem hohen Walle rings eingeschlossenen Raum . Er eilte aus dem Garten über den Hof in das Feld , aus dem Felde in den Wald , weiter und weiter , dem Brausen entgegen , das zuerst dumpf , dann lauter und lauter an sein Ohr drang . Da trat er heraus aus den Buchen , deren breite Kronen sich über seinem Haupte wölbten , auf das hohe Kreideufer , und weit , unermeßlich lag es vor ihm da , das heilige , ewige Meer . Dort in der Ferne blitzten die weißen Kämme der Wogen auf , die , sich unaufhaltsam heranwälzend , tief unter seinen Füßen zwischen den gewaltigen Steinen des schmalen Strandes mit unaufhörlichem Donner brandeten - Woge auf Woge , immer neue und immer neue , unzählig , sinnverwirrend , wunderbar . Kein Segel war zu sehen in der ungeheuren Runde ; nur ganz am Horizont zog eine Rauchsäule von Osten nach Westen . Sie kam aus dem Schlot eines Dampfers , der seine einsame Bahn , wer weiß , woher und wohin rastlos verfolgte . - Ueber der schäumenden Brandung unter ihm flatterten weiße Möwen und stürzten sich kreischend in die Salzfluth und schwangen sich wieder auf und flatterten wieder hierin und dorthin . Hoch oben in der blauen Luft zog ein Seeadler seine majestätischen Kreise , höher und immer höher , bis er Oswald ' s Blicken nur noch als ein schwarzer beweglicher Punkt erschien . - Aber selbst das erhabene Schauspiel des Meeres vermochte heute nicht seine Seele auszufüllen , und wie köstlich sie auch Oswald sonst dünkte , die Musik der Wogen , er hatte vor wenigen Stunden eine köstlichere Musik gehört . Nur den Adler droben beneidete er . Ein Schlag deiner mächtigen Schwingen , und du schwebst über Wälder und Felder fort bis zu Melitta ' s Haus . Er sprang empor , er eilte zurück in ' s Schloß , hinauf auf die Zinne des Thurmes ; vielleicht konnte er von dort Melitta ' s Wohnung sehen ; und er jauchzte laut auf vor freudiger Ueberraschung , als er wirklich , den spähenden Blick nach jener Seite richtend , den obersten Giebel ihres Hauses eben noch über den Rand des Waldes emporragen sah . Ein wonnevoller Schauer durchrieselte ihn ; es war ihm , als hätte er den Saum ihres Gewandes berührt . - Die Zeit , in der Oswald seine Unterrichtsstunden zu beginnen pflegte , war herbeigekommen ; er ging in sein Zimmer ; er fand die Knaben nicht , die gegen die Gewohnheit noch unten beim Frühstück waren . Sein eigenes Frühstück stand auf dem Tische . Da klopfte es leise an die Thür und herein trat der alte Baron , mit einem Bündel Papiere in der Hand . Nach den ersten Begrüßungen und nachdem er sich wegen seines ungewöhnlichen Besuches entschuldigt hatte , sprach er : Sie könnten uns einen rechten Gefallen erweisen , Herr Doctor . Ich vermuthe , Herr Baron , daß es sich um die Papiere handelt , die Sie dort in der Hand haben . Ja , ja . Sie wissen , daß Grenwitz und Stantow zu Martini aus der Pacht kommen . Nun möchten wir gern , daß die Güter neu vermessen würden , da die Flurkarten , die vor fünfundzwanzig Jahren angefertigt wurden , sehr schlecht sind . Der erste Brief also , den wir Sie zu schreiben bitten würden , wäre an unseren Feldmesser . Er heißt Albert Timm und wohnt in Grünwald . Sie würden ihn bitten , zu einer vorläufigen Besprechung sofort herüberzukommen . Der zweite Brief ist an unseren Advocaten , ebenfalls in Grünwald . Anna-Maria wünscht seine Revision der Pachtcontracte . Hier ist eine Abschrift der jetzigen . Anna-Maria hat am Rande verzeichnet , was wir in den neuen Entwurf aufgenommen wünschen . Wenn Sie auch dieses Schriftstück mundiren wollten - es ist freilich etwas viel - Geben Sie nur , Herr Baron . Zu wann wünschen Sie die Sachen geschrieben ? Wenn es Ihnen bis Mittag möglich wäre ? Wir haben den Knaben schon vorläufig angekündigt , daß sie mich auf einer Fahrt nach Stantow begleiten sollen . Sie haben doch nichts dagegen ? Ich denke , es wird wohl so das Beste sein . Nun , dann leben Sie wohl , lieber Herr Doctor , und entschuldigen Sie , daß wir Sie mit diesen Sachen belästigen . Aber Sie wissen , Anna-Maria - Keine Entschuldigung , Herr Baron - Der alte Mann verließ das Zimmer , Oswald warf sich auf das Sopha und schloß die Augen , um von Melitta zu träumen . Aber je eifriger er sich ihr geliebtes Bild vorzustellen suchte , desto eigensinniger steckte sich das runzlige Gesicht des alten Barons dazwischen . Das verwandelte sich dann wieder in das Antlitz der braunen Gräfin , dann zog ihm der Pastor Jäger eine Fratze , und plötzlich stand Bruno im Zimmer , gehüllt in lange , wallende , weiße Gewänder . Oswald wollte lachen über die tolle Maskerade , aber als er einen Blick in das Gesicht des Knaben warf , erstarb das Lachen auf seinen Lippen . Ein Schauer durchrieselte ihn , seine Haare bäumten sich - die wachsbleiche Farbe , die so seltsam von den blau-schwarzen Haaren abstach , die weiten starren Augen , ein namenloses Etwas in dem Ausdruck dieser glanzlosen , gebrochenen und doch so wunderbar beredten Augen - das war nicht Bruno , das war der Tod , der leibhaftige Tod in Bruno ' s vielgeliebter Gestalt ... Mit einem wilden Schrei fuhr Oswald in die Höhe . Das schreckliche Bild war verschwunden , aber es bedurfte mehrerer Minuten , bis der junge Mann sich